Zukunft Nordsee Junges Paar trotz Ängsten und übernimmt Deichschäferei
Wer Mut und Zuversicht hat, kann sich an der Küste ein gutes Leben aufbauen. Als Deichschäfer zum Beispiel. Trotz Wolf und wirtschaftlicher Herausforderungen.
Wesermarsch - Harald Plümer steht auf dem Deich in Höhe des Langwarder Grodens und ruft mit lauter und tiefer Stimme in den Wind. Jannek Haats-Voltjes hat es eben auch schon versucht. Nichts ist passiert. An die Tonlage ihres künftigen Eigentümers müssen sich die Schafe wohl erst noch gewöhnen. Bei Harald Plümer jedenfalls kommen sie sofort angetrottet.
Jannek Haats-Voltjes ist 24 Jahre alt und kommt aus dem Wangerland im Kreis Friesland. Bald werden er und seine Lebensgefährtin Anna Eilts in Feldhausen im benachbarten Landkreis Wesermarsch ihr Zuhause haben. Sie übernehmen die dortige Deichschäferei. Die Noch-Betreiber Anke und Harald Plümer sind die dienstältesten Deichschäfer der Region. Nun wollen sie sich nach 43 Jahren in den Ruhestand verabschieden.
600 Schafe und 12 Kilometer Deich
600 Schafe, zwölf zu bewirtschaftende Deichkilometer, die von Feldhausen bis Waddens reichen – warum lacht sich ein junges Paar einen solchen Betrieb an? Und warum wählen junge Leute einen Beruf, der viel Arbeit bedeutet und um den andere schon aus der Angst vor dem Wolf einen großen Bogen machen würden? Die Antwort ist simpel: aus Leidenschaft.
Anna Eilts war am Anfang skeptisch, wusste nicht recht, was sie von der Sache halten sollte. „Dann hab ich das Leuchten in Janneks Augen gesehen, und mir war klar, dass wir das machen müssen“, sagt die 25-Jährige. Inzwischen ist auch sie glücklich über die Aussicht, bald in Butjadingen eine Deichschäferei zu betreiben.
Leidenschaft erst spät entdeckt
Dabei hatte Anna Eilts, die auf einem Milchviehbetrieb bei Wittmund aufwuchs, eigentlich einen ganz anderen Berufswunsch. Die 25-Jährige wollte Lehrerin werden. Sie hatte schon einen Studienplatz und eine Wohnung in Oldenburg, als sie plötzlich merkte, dass sie auf dem Holzweg ist. Sie blies alles wieder ab, entschied sich für die Landwirtschaft, lernte bei zwei Milchviehbetrieben in Ostfriesland und ist heute Landwirtschaftsmeisterin. „Mir ist erst spät klar geworden, was für ein toller Beruf das ist, und was für eine wichtige Arbeit wir leisten“, sagt Anna Eilts.
Jannek Haats-Voltjes ist ebenfalls in der Landwirtschaft groß geworden. Er lernte wie seine Lebensgefährtin auf Milchviehbetrieben, absolvierte später noch die Fachschule, schlug dann aber einen etwas anderen Weg ein und machte sich als Klauenpfleger selbstständig. Diesen Job kann der 24-Jährige von überall ausüben, und er wird ihn auch nicht an den Nagel hängen, wenn er im November mit Anna Eilts die Deichschäferei in Feldhausen übernimmt. Denn die wird wie schon bei den Plümers als Nebenerwerbsbetrieb laufen. Die Anzahl der Schafe ist nicht groß genug, um davon leben zu können.
Der Weg zur Schäferei
Jannek Haats-Voltjes hat früher nach der Schule bei einem Deichschäfer in der Nachbarschaft gejobbt. Dabei stellte er fest, wie viel Freude ihm die Arbeit mit Schafen bereitet. Wie der Zufall es will: Der Nachbar ist ein guter Bekannter von Harald Plümer. So kommt der Kontakt zustande. Nachdem sich Jannek Haats-Voltjes die Deichschäferei in Feldhausen angesehen hat, für die ein Nachfolger gesucht wird, ist für ihn sofort klar, wohin die Reise gehen soll.
Eine Deichschäferei übernimmt man nicht einfach so. Anna Eilts und Jannek Haats-Voltjes mussten sich beim II. Oldenburgischen Deichband bewerben. Dem gehört nicht nur der Deich, auf dem die Schafe grasen und dabei einen wichtigen Beitrag zum Küstenschutz leisten. Der Deichband ist auch Eigentümer der Liegenschaft in Feldhausen. Die Schafe sind derweil Eigentum von Anke und Harald Plümer. Ihre Nachfolger werden sie ihnen abkaufen.
Die dienstältesten Deichschäfer
Anke und Harald Plümer hatten die Deichschäferei am 1. November 1980 übernommen, vor knapp 43 Jahren also. 20 Jahre betreiben sie das Melkhus in Feldhausen, 30 Jahre den Hofladen, seit 22 Jahren führt Anke Plümer Gäste über den Hof. „Es waren 43 gute Jahre“, sagt Anke Plümer. Doch nun wollen sie und ihr Mann unter all das einen Schlussstrich ziehen. Die Plümers sind glücklich, so gute Nachfolger gefunden zu haben. Wenn sie als Quartett bei Kaffee und Kuchen am Küchentisch sitzen, dann fühlt es sich fast so an, als sei hier eine Familie beisammen.
Bis die Übergabe erfolgt, haben die jungen Leute Gelegenheit, noch viel von den Plümers zu lernen. „Wir reden oft miteinander, entscheiden aber auch schon vieles selber mit“, sagt Jannek Haats-Voltjes. Wenn die neuen Feldhauser Deichschäfer später Fragen haben, werden sie diese über den Gartenzaun stellen können, denn die Plümers sind ihre Nachbarn. Und dass sie ihren Nachfolgern mit Rat und Tat zur Seite stehen, ist für Anke und Harald Plümer, der hauptberuflich in Brake beim Deichband tätig ist, eine Selbstverständlichkeit.
Die Herausforderungen
Anna Eilts und Jannek Haats-Voltjes übernehmen die Deichschäferei in einer Zeit, die keine leichte ist. Das gilt zum einen in wirtschaftlicher Hinsicht. Nennenswerte Erlöse lassen sich nur noch mit dem Lammfleisch erzielen. Die Wolle war laut Anke Plümer von jeher ein Nebenprodukt, aber früher gab es noch gutes Geld dafür. Heute müssen Deichschäfer froh sein, wenn sie überhaupt einen Abnehmer finden. Die Wolle wird als Dämmmaterial verwendet oder zu Pellets verarbeitet, die als Dünger und Wasserspeicher für Gartenpflanzen dienen.
Eine leichte Zeit ist es aber auch wegen eines anderen Problems nicht: wegen des Wolfs. „Wenn der morgen kommt, hören wir übermorgen auf“, sagt Harald Plümer bei jeder Gelegenheit, wenn es um das Reizthema Wolf geht. „Der Wolf hat hier nichts zu suchen“, sagt Anke Plümer. Sie hofft, dass die Halbinsellage Butjadingens ein Vorteil ist, dass der Wolf sich trotz des Nahrungsangebots hier nicht wohlfühlt. Doch die Angst bleibt.
„Du freust dich aufs Frühjahr, alles wächst wieder, die Tiere kommen raus – und dann hast du plötzlich dieses mulmige Gefühl“, beschreibt Anna Eilts die Sorge, die ihr der Wolf bereitet. Dass sie eines morgens an den Deich kommt und ihre Schafe dort tot vorfindet, das mag sich die 25-Jährige nicht ausmalen. Auch Jannek Haats-Voltjes wird sehr ernst, wenn die Sprache auf den Wolf kommt. „Wir wagen den Schritt, die Deichschäferei weiter zu betreiben“, sagt er, „aber die Angst ist immer da.“