Osnabrück  Oscars und Jewrovision: Wollte Claudia Roth eingeladen werden?

Daniel Benedict, Stefanie Witte
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Von Daniel Benedict, Stefanie Witte
| 31.05.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Kulturstaatsministerin Claudia Roth trat in kürzlich bei einem Musikwettbewerb auf und wurde auf der Bühne ausgebuht. Foto: dpa
Kulturstaatsministerin Claudia Roth trat in kürzlich bei einem Musikwettbewerb auf und wurde auf der Bühne ausgebuht. Foto: dpa
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Man könnte diese Frage als Kleinigkeit abtun: Wer lädt wen ein? Was aber, wenn solche Einladungen im Fiasko enden – und am Ende mehr als einmal zur Debatte steht, wie es wirklich gelaufen ist?

Bei Kulturstaatsministerin Claudia Roth verunglückte nun offenbar schon zum zweiten Mal eine mögliche Selbsteinladung. Die Grünen-Politikerin stand kürzlich im Fokus, weil sie bei einem Grußwort auf offener Bühne ausgebuht wurde.

Beim jüdischen Musikwettbewerb Jewrovision schallte ihr massive Ablehnung entgegen. Jüdische Prominente sprachen sich daraufhin in der vergangenen Woche in einem offenen Brief für Roth aus. Der Zentralrat der Juden sprach dagegen gegenüber dem Tagesspiegel von „lange aufgestautem Frust”, der sich bei der Veranstaltung entladen habe.

Kritiker warfen der Kulturstaatsministerin in dem Zusammenhang unter anderem vor, Warnungen vor Antisemitismus bei der Documenta im vergangenen Jahr nicht ernst genug genommen zu haben. Daneben sorgten politische Entscheidungen für Unmut in der jüdischen Community.

Roths Sprecher betonte nach den Buhrufen, ebenfalls gegenüber dem Tagesspiegel, die Kulturstaatsministerin habe auf Einladung des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, an dem Wettbewerb teilgenommen. Zuvor habe sie sich mit Schuster und jungen Teilnehmern ausgetauscht und zu Mittag gegessen sowie Künstler vor dem Auftritt besucht. Ein „sehr guter und spannender Austausch” sei das gewesen.

Aber warum lädt der Zentralrat jemanden ein, wenn „Frust” im Raum steht? Auf Anfrage unserer Redaktion erklärte der Zentralrat: „Wir haben dem Wunsch des BKM entsprochen und die Staatsministerin zur Jewrovision 2023 eingeladen.” Der Besuch einer Kulturstaatsministerin bei diesen Veranstaltungen sei eine Form der Anerkennung für die Leistungen der jüdischen Jugendlichen.

„Wunsch des BKM”, also von Roths Behörde? Der Sprecher der Grünen-Politikerin wollte die Äußerung des Zentralrates gegenüber unserer Redaktion nicht kommentieren.

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass sich die Einladenden offenbar anders erinnern als der Stab der Kulturstaatsministerin. Im März überraschte Roth mit ihrer Anwesenheit bei der Oscar-Gala. Später stellte sich heraus, dass Netflix das Ticket bezahlt hatte. Roth zahlte schnell privat nach.

Ein wichtiger Punkt in der Erzählung: Roth, so erklärte es ihr Team in einem Statement gegenüber der Süddeutschen, sei „auf ausdrücklichen Wunsch von Regisseur Edward Berger” Teil der deutschen Delegation zum Gewinnerfilm „Im Westen nichts Neues” gewesen. Die Einladung sei kurz vor der Zeremonie ausgesprochen worden. Die Oscar Academy habe sie abgesegnet, die Kulturstaatsministerin habe sie gern angenommen. So weit, so gut.

Nur: Regisseur Edward Berger hat das anders in Erinnerung. Im Interview mit unserer Redaktion sagte Berger dazu: „Ich habe mich um die Einladung nicht gekümmert. Das Interesse ging wirklich von ihrem Sekretariat aus; auch wenn das teilweise anders geschrieben steht. Aber natürlich haben wir uns sehr über ihr Interesse gefreut, sie willkommen geheißen und ihr gern eine Karte besorgt.”

Auch bei den Oscars hatte Roth die Reise in guter Absicht angetreten: Auf Hollywoods größter Bühne wollte die Staatsministerin für den Filmstandort Deutschland werben, teilte ihr Haus unserer Redaktion mit. Außerdem habe sie mit Branchenvertretern über Möglichkeiten des nachhaltigen Produzierens gesprochen.

Nicht zuletzt sei es auch um ihre geplante Reform der Filmförderung gegangen. Für die prüft sie unter anderem „die Einführung einer Investitionsverpflichtung (...), die zum Beispiel Streaming-Plattformen dazu verpflichtet, einen bestimmten Teil ihres Umsatzes mit audiovisuellen Inhalten in Deutschland wieder hierzulande zu reinvestieren”.

Roth will Netflix also in die Pflicht nehmen. Nach der Reise berichteten die Medien allerdings nicht über eine Staatsministerin, die den Streaming-Riesen die Stirn bietet, sondern über eine, die sich von Netflix hat aushalten lassen. Ein mediales Eigentor, zu dem Claudia Roth sich – wie im Fall des Jewrovision – ohne Not offenbar auch noch selbst eingeladen hatte.

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