Kolumne „Artikel 1, GG“ Schlimmer geht immer – auch beim Lärm
Rasenmähen am Sonntag und knatternde Vespas überall: Unsere Kolumnistin meldet sich genervt aus Italien. Aber woran liegt es, dass der Lärm die Einheimischen nicht zu stören scheint?
Ich bin in dem Land, wo die Zitronen blühen... genauer: am Gardasee, in einer Pension abseits von Malcesine. Hier duften derzeit nicht nur die Zitronenblüten, sondern auch der Yasmin. Der Duft ist geradezu berauschend! Das Wetter ist angenehm, nicht zu warm, nicht zu kalt; der See hat wieder genug Wasser und sieht abends aus wie ein „gut gebügeltes Bettlacken“, wie man im Türkischen sagt, wenn die Wasseroberfläche ganz glatt ist.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Noch sind nicht zu viele Urlauber hier, sodass das Personal der Restaurants gut gelaunt und freundlich ist, und nicht genervt ist von „gli tedeschi“; der Wein schmeckt wie auch Pasta und Pizza. Morgens in der Früh gibt’s ein Konzert, die Vögel zwitschern wunderbar! Tutto Prima in bella Italia! Leider nur fast alles ist prima hier... wäre da nicht der unentwegte Lärm. Der scheint aber nur mich zu stören. Meine Theorie dazu: Weil ich mit den in Deutschland geltenden Regeln sozialisiert bin und diese sehr verinnerlicht habe. Unentwegt wird Rasen gemäht, egal ob Feiertag oder Sonntag; ohrenbetäubenden Lärm verursachen auch Autos, Motorräder, Mofas und Vespas – vor allem die Fahrer von Zweirädern mögen es, Lärm zu verursachen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie ordentlich aufdrehen, die Motoren brummen und den Auspuff knattern lassen.
Ob es denn nicht verboten ist, krachend durch die Ortschaften und Landschaften zu fahren, habe ich die Pensionswirtin gefragt. „Ja, eigentlich schon“, antwortete sie. Es werde aber nicht kontrolliert – weil sich niemand beschwere. Und beschweren tue sich niemand, weil man sich daran nicht störe. Sie haben sich also desensibilisiert, die Alteingesessenen.
Von meinen Impressionen aus dem Kurzurlaub in Italien habe ich am Telefon meiner Freundin in Izmir erzählt. „Sei froh, dass nicht auch noch die Straßenverkäufer von morgens bis abends unterwegs sind“, kommentierte sie meine Klage. Denn die würden schreiend ihre Waren anpreisen. Schlimmer geht also immer!
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