„Tag der Milch“ Warum Landwirte sich um ihre Zukunft sorgen
Zum „Tag der Milch“ protestierten einige Landwirte unter anderem in Hannover und Berlin. Mit dabei waren auch Milchbauern aus Ostfriesland. Wofür setzen sie sich ein?
Krummhörn / Hannover - „Wir baden aus, was die Politik versäumt“, steht auf einem großen Banner vor dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium in Hannover. In einem großen Milchtank davor sitzen Peter Habbena und Gerd Uken, beides Landwirte aus der Krummhörn. „Wir machen gerade eine Rundtour durch Deutschland“, sagt Habbena im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Schoonorther Milchbauer ist Landesvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM).
Was und warum
Darum geht es: ostfriesische Landwirte protestieren zum „Tag der Milch“
Vor allem interessant für: alle Landwirte und alle, die sich für Landwirtschaft und Lebensmittelpreise interessieren
Deshalb berichten wir: Am 1. Juni ist „Tag der Milch“. Die Autorin erreichen Sie unter: h.weiden@zgo.de
Mit der Aktion will der BDM zum „Tag der Milch“ am 1. Juni auf die schwierige Lage hinweisen, in der sich viele Landwirte derzeit befinden. In mehreren Landeshauptstädten und in Berlin demonstrieren sie für eine organisierte Reduzierung der Milchmenge und mehr Preissicherheit für die Betriebe. In der Marktordnung der EU sei das Kriseninstrument des freiwilligen Lieferverzichts gegen Entschädigung bereits vorgesehen. „Es müsste nur aktiviert werden. Milchmengen rechtzeitig eindämmen, statt sie zu produzieren und zu unterirdischen Preisen auf dem Weltmarkt zu verramschen“, heißt es in einer Mitteilung des BDM.
„Milchmarktkrise 4.0“
Gerd Uken und Peter Habbena beteiligen sich an dem Protest, weil sie selber unmittelbar von der „Milchmarktkrise 4.0“ betroffen sind. Gerd Uken hat erst kürzlich den Beschluss gefasst, in den Ruhestand zu gehen und seine Milchkühe zu verkaufen. Er war der letzte Milchbauer von Rysum. „Die Milchviehbetriebe mit unter 100 Kühen sterben nach und nach aus. Wachsen oder weichen“, sagte er Mitte Mai im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Milchpreise seien kaum wirtschaftlich und zu labil - „die Kostenschere hat sich immer mehr erhöht“.
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Generell sind die Anforderungen an Landwirte in den vergangenen Jahren gestiegen. In dem „Lastenheft zur Qualität der Milchkette“ (QMK) - einem knapp 100-seitigen Dokument - gibt es einen Überblick über diverse Regularien und Anforderungen. Das festgelegte Ziel: Die Qualität der quasi gesamten Milchproduktion soll durch das QMK Zertifikat garantiert werden. „Um die Einhaltung beneide ich meine Berufskollegen nicht“, sagte Uken. Er zeigt sich froh, sich im Ruhestand nun nicht mehr mit diesen Auflagen befassen zu müssen.
Richtlinien oft schwer umsetzbar
Ein Blick in das Dokument: Die verschiedenen Module spiegeln verschiedene Themenschwerpunkte in der Qualitätskontrolle wieder. In dem Modul zur Tiergesundheit wird etwa festgelegt, dass der Gebrauch von Medikamenten verringert werden sollte. Auch Vorsorgemaßnahmen zur Gesundheit der Tiere werden festgelegt. Im Bereich Tierwohl werden Bestimmungen zur artgerechten Haltung, Pflege und Fütterung festgelegt. In einem modernen Stall sind etwa gute Liegeflächen, Belüftung und Wasserqualität Pflicht. Auch zu den Themen Hygiene, Reinigung, Umwelt, Nachhaltigkeit und Mitteilungspflicht gibt es genaue Vorschriften und Handlungsempfehlungen.
Fast alle Landwirte haben Interesse daran, sich an diese Richtlinien zu halten. Auf der gleichen Seite bedeuten sie aber auch finanzielle Belastungen und einen erheblichen organisatorischen Mehraufwand. Als Beispiel nennt Gerd Uken eine elektrische Bürste, an der sich die Kühe im Stall kratzen können. Sie kostet 2000 Euro. Für kleinere Betriebe, wie den, der er ihn bis vor kurzem geführt hat, ist das keine Kleinigkeit.
Einige Landwirte stellen Betrieb ein
„Diese überordnenden Vorschriften machen uns Sorgen“, sagte jüngst auch Rudolf Bleeker vom Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland. Die Regeln führten nicht selten dazu, dass sich Landwirte wie Gerd Uken größere Investitionen noch einmal gut überlegten und/oder sogar den Betrieb einstellen.
Am „Tag der Milch“ will der BDM also auch auf die Fehler der Politik aufmerksam machen - die aktuelle Regierung wiederhole die gleichen Fehler wie vorherige Regierungen in den vergangenen drei großen Milchmarktkrisen. Den Bäuerinnen und Bauern stehe die Milch bis zum Hals - sinnbildlich haben sich Gerd Uken und Peter Habbena deshalb in den Milchtank gesetzt.