Osnabrück  Wolf-Gipfel in Berlin: Druck auf grüne Umweltministerin wächst

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 31.05.2023 15:00 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zähnefletschen in Gefangenschaft: Im Gehege ist der Wolf eine Attraktion, in freier Wildbahn sorgt er für politischen Zoff. Foto: picture alliance/dpa/Boris Roessler
Zähnefletschen in Gefangenschaft: Im Gehege ist der Wolf eine Attraktion, in freier Wildbahn sorgt er für politischen Zoff. Foto: picture alliance/dpa/Boris Roessler
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Der Wolfsbestand wächst und wächst. Doch noch immer zögert die Bundesregierung, die Bedingungen für eine verstärkte Bejagung des Raubtiers zu schaffen – und das, obwohl die EU grünes Licht signalisiert.

Für Schwedens Wölfe begann das laufende Jahr mit einem Blutbad. Bei der größten Wolfsjagd in der Geschichte des Landes mussten 75 Tiere ihr Leben lassen, um die Ausbreitung der Population zu bremsen. In Deutschland wäre eine Lizenzjagd solcher Größenordnung undenkbar.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Bündnis 90/Grüne) muss sich an diesem Donnerstag deshalb auf den Zorn von Bauern, Schäfer, Pferdehaltern und anderer Landnutzer einstellen. Sie werfen der Ministerin schwere Versäumnisse im Umgang mit der steigenden Zahl von Wölfen vor und fordern den aus ihrer Sicht überfälligen Einstieg in ein „aktives Bestandsmanagement“.

„Die bisherige Politik ist gescheitert. Allein über Zäune und andere Herdenschutzmaßnahmen ist eine Koexistenz von Wolf und Weidetieren nicht zu erreichen. Eine Reduzierung des Wolfsbestandes ist zwingend erforderlich“, sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Auch das Töten ganzer Rudel müsse möglich sein. Zudem bedürfe es endlich einer Obergrenze für die Wolfspopulation in Deutschland.

Anlass für die Kritik: Das Umweltministerium hat für diesen Donnerstag erstmals betroffene Organisationen und Verbände zu einem institutionalisierten Dialog nach Berlin eingeladen. Der Titel: „Weidetierhaltung und Wolf“. Das Ziel: herausfinden, wie es mit dem Raubtier hierzulande weitergeht.

Die Zahl der Wölfe in Deutschland wächst stetig. Inzwischen sind 161 Rudel, 43 Paare und 21 territoriale Einzeltiere bestätigt. Die meisten Wolfsrudel finden sich in Brandenburg (47), gefolgt von Niedersachsen (34) und Sachsen (31). 

Insgesamt sollen geschätzte 2000 bis 2500 Wölfe mittlerweile in Deutschland leben; mindestens 1.175 gelten als gesichert nachgewiesen. Zum Vergleich: Das an Fläche auch nicht arme Schweden strebt eine maximale Wolfspopulation von 400 Tieren an.

Die Zahl der Nutztierrisse durch Wölfe hat sich in der Folge innerhalb eines Jahrzehnts bundesweit fast verzwanzigfacht – von nicht mal 200 Tieren in 2012 auf fast 4000 in 2020. Im Folgejahr betrug der Anstieg laut Bundesumweltministerium noch einmal 3,5 Prozent, wobei die Zahl der gerissenen Tiere allerdings um 15 Prozent gesunken sei. Auch Pferde werden inzwischen Opfer des Raubtiers.

„Die Kapazitätsgrenze dessen, was die Menschen im ländlichen Raum zu ertragen bereit sind, ist erreicht – und oft schon überschritten“, warnt Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen. Trage die Politik dem nicht endlich Rechnung, werde die Akzeptanz für den Wolf wieder schwinden.

Vom Aussterben bedroht ist der Wolf längst nicht mehr. Nach Angaben der Weltnaturschutzunion IUCN gilt der Wolf in Europa mit rund 19.000 Tieren inzwischen als ungefährdet. Eine Untersuchung für das Land Niedersachsen kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

Eine gezielte Dezimierung der Wölfe ist in der EU derzeit weiter verboten. Jedoch werde man die Mitgliedstaaten nicht daran hindern, „Maßnahmen zu ergreifen, die von den Bestimmungen der Richtlinie abweichen, um die spezifischen Herausforderungen zu bewältigen, mit denen sie derzeit in Bezug auf die Wolfspopulation konfrontiert sind, einschließlich lokaler Konflikte und Umstände“, ließ die EU-Kommission kürzlich wissen.

Das mag neue Handlungsspielräume eröffnen. Im Bundesumweltministerium ist man jedoch der Ansicht, die bestehenden Regeln reichten aus. Tatsächlich sind Abschüsse auffällig gewordener Wölfe rechtens, zum Beispiel wenn sie mehrfach Herdenschutzzäune überwunden haben.

Umweltministerin Lemke möchte nun mit den Ländern das Monitoring der Tiere intensivieren, um eine Grundlage für mögliche weitere politische Entscheidungen zu schaffen.

Im Schnitt werden alljährlich kaum ein Dutzend „Entnahmegenehmigungen“ erteilt; tatsächlich geschossen werden noch weniger Wölfe. Weidetierhalter halten das Prozedere für viel zu umständlich und bürokratisch und fordern dringend Nachbesserungen.

Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung zugesagt, den zuständigen Bundesländern beim Wolf „europarechtskonform ein regional differenziertes Bestandsmanagement ermöglichen“. Es werde Zeit, so DBV-Generalsekretär Krüsken, „dass sie den fruchtlosen Dialogen nun endlich Handlungen folgen lässt“.

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