Osnabrück Schuldnerberaterin: „Plötzlich kommen auch vermögendere Menschen zu uns“
Die Inflation treibt auch Menschen in die Verschuldung, die das Problem nie hatten. Im Interview erzählt Schuldnerberaterin Julia Braun, wie man Schulden loswird, wann die Privatinsolvenz unausweichlich ist und wann sie davon abrät.
Frage: Frau Braun, den Dispokredit haben wohl viele schon mal ausgereizt. Ab wann gilt man denn überhaupt als überschuldet?
Antwort: Man gilt als überschuldet, wenn man mit den Einnahmen, die man hat, seine bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr tilgen kann. Betroffene können also die Miete, ihren Strom und ihre Schulden nicht mehr bezahlen, und das dauerhaft. Das ist etwas anderes als verschuldet zu sein, was nahezu jeder durch laufende Zahlungsverpflichtungen ist.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Verschuldung heißt nichts anderes, als dass jemand Schulden hat, dabei aber nicht unbedingt in Zahlungsschwierigkeiten steckt. Entsprechend ist nahezu jeder grundsätzlich verschuldet. Denken Sie etwa an den Handyvertrag, wo Sie auch erst zum Monatsende eine Rechnung bekommen. Bis dahin aber haben Sie Schulden.
Frage: Verbraucher in Deutschland suchen wegen der hohen Preise zunehmend Hilfe bei professionellen Schuldnerberatungen. Die Vorständin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung, Eva Müffelmann, sagte kürzlich, dass mehr Menschen in die Beratung bekommen, die vorher nicht bei ihnen waren. Wer kommt denn so zu Ihnen in die Beratung?
Antwort: Vormals war es so, dass vor allem Menschen zu uns kamen, die Arbeitslosengeld oder Sozialleistungen beziehen. Mit der Pandemie hat sich das etwas gewandelt: Nach über einem Jahr Kurzarbeit hatten beispielsweise auch viele Gehaltsempfänger sämtliche Reserven aufgebraucht. Dann kam auch noch die Energiekrise und die Inflation, was für viele wie eine Art Strudel wirkte. Seither suchen verstärkt auch viele Arbeitnehmer aus der Mittelschicht unsere Beratungsstellen auf, die sonst noch gerade gut zurechtgekommen sind und jetzt ihre alltäglichen Ausgaben nicht mehr stemmen können. Wir haben dabei einen absoluten Querschnitt aus allen Berufen und Branchen und betreuen vom Ungelernten bis zum Akademiker wirklich alles. Finanzielle Probleme können aus unterschiedlichen Situationen jeden treffen.
Frage: Was ist mit den vielen Entlastungsmaßnahmen vonseiten der Bundesregierung: Hilft das den Menschen nicht, über die Runden zu kommen?
Antwort: Das Problem bei den Entlastungsmaßnahmen ist, dass diese teilweise der Pfändung unterliegen. Der Gesetzgeber hatte dies zum Teil nicht ausdrücklich geregelt, mit der Folge, dass beispielsweise die Inflationsausgleichsprämie oder die Energiepreispauschale unter Umständen teilweise pfändbar sind. Heißt: Überschuldeten Menschen wurde das Geld oder ein Teil davon gleich wieder abgezogen, um ihre Schulden zu tilgen.
Frage: Ab wann sollten sich Menschen, die jetzt Probleme haben, bei den Schuldnerberatungen melden?
Antwort: Wir sagen immer: So schnell wie möglich; spätestens wenn sie feststellen, dass sie auf absehbare Zeit ihre monatlichen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen werden können. Denn je tiefer Betroffene in dieser Spirale drin sind, umso schlimmer wird die Situation für sie. Und dann muss man irgendwann an die großen Dinge ran: eine Immobilie oder das Auto verkaufen, Umzug in eine kleinere Wohnung. Das wollen viele natürlich eigentlich gar nicht hören. Aber die meisten kommen eben erst, wenn zum Beispiel bereits gepfändet wird oder der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.
Frage: Wie hoch ist denn der Schuldenberg, den Ihre Klienten so im Durchschnitt mit sich herumtragen?
Antwort: Die meisten Menschen, die zu uns kommen, haben nicht selten mehrere zehntausend Euro Schulden, mit einer sehr unterschiedlichen Anzahl von Gläubigern.
Frage: Und was raten Sie diesen Menschen dann?
Antwort: Zunächst wird sich ein Überblick über die Einnahmen und vor allem über die Ausgaben und die Schulden verschafft. Viele wissen nämlich gar nicht mehr genau, wo und wie viele Schulden sie überhaupt haben – ob es nun 20.000 oder 80.000 Euro sind. Und wenn man dann feststellt, dass sich die Schulden eben auf 80.000 Euro summieren und dem steht als Beispiel Arbeitslosengeld gegenüber, dann läuft es aller Wahrscheinlichkeit nach auf ein Insolvenzverfahren hinaus.
Frage: Ab welchem Zeitpunkt lässt sich eine Privatinsolvenz nicht mehr abwenden?
Antwort: Wer absehen kann, dass er über mehrere Jahre nicht aus seinen Schulden herauskommt und die Schuldenlast so groß ist, dass keine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern getroffen werden kann – für den ist eine Insolvenz das Richtige. Die Verbraucherinsolvenz ist dann sozusagen der letzte Schritt.
Frage: Raten Sie in manchen Fällen auch von einer Verbraucherinsolvenz ab?
Antwort: Ja, wenn zum Beispiel eine Einigung mit den Gläubigern im Rahmen des Möglichen liegt. Das kommt in letzter Zeit verstärkt vor, weil plötzlich eben auch „vermögendere“ Menschen zu uns kommen, die teilweise ein gutes Einkommen haben, sich aber aufgrund der gestiegenen Preise übernommen haben, oder bei denen Vermögensmasse vorhanden ist.
Frage: Was ist der häufigste Fehler, der die Menschen in die finanzielle Bredouille treibt?
Antwort: Von einem Fehler kann man so nicht sprechen, das Geld reicht häufig für Lebensnotwendiges nicht aus. Es gibt aber auch die Verlockung „Jetzt kaufen, später bezahlen“. Das klingt schön einfach. Tatsächlich aber sollte man das nur in Ausnahmefällen nutzen. Denn wer häufig auf den Service zurückgreift, verliert schnell den Überblick über die ausstehenden Zahlungen oder Raten und damit über seine Ausgaben. Schulden machen ist gesellschaftlich akzeptiert. Überschuldungsgründe sind letztlich aber immer individuell.
Frage: Und was ist Ihr wichtigster Beratungstipp, abgesehen von mehr einnehmen und weniger ausgeben?
Antwort: Schaffen Sie sich ein Bewusstsein dafür, wofür Sie tatsächlich Ihr Geld ausgeben und wie teuer die einzelnen Posten sind!