Baugebiet in Aurich geplant  In Sackgassen droht plötzlich Verkehrslärm

| | 03.06.2023 09:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An dieser Stelle soll ein Baugebiet entstehen. Foto: Luppen
An dieser Stelle soll ein Baugebiet entstehen. Foto: Luppen
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Anwohner in Kirchdorf sind in Sorge: Aus der ruhigen Sackgassenlage wird womöglich eine Durchfahrtsstraße. Die Stadt plant ein Neubaugebiet mit 80 Wohneinheiten. Es hagelt Kritik.

Aurich - Das gefällt nicht jedem: Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, auf einer von Wallhecken umgebenen Weidefläche in Kirchdorf, plant die Stadt Aurich ein neues Baugebiet mit 80 Wohneinheiten. Es würde eine Lücke zwischen zwei bestehenden Wohngebieten am Hohen Weg und am Schwarzen Fehn schließen (siehe Grafik). Das Gebiet wird von der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) entwickelt und vermarktet.

Das Baugebiet liegt in der Nähe der Kirchdorfer Straße. Grafik: Kirsten Schüür
Das Baugebiet liegt in der Nähe der Kirchdorfer Straße. Grafik: Kirsten Schüür

Bei einigen Anwohnern kommt dieses Vorhaben nicht gut an. Sie befürchten mehr Verkehr vor ihrer Haustür. Der Verkehr ins neue Wohngebiet soll durch die Straßen der bestehenden Wohngebiete fließen. Aus Sackgassen würden somit Durchfahrtsstraßen. In der Sitzung des Bauausschusses am Donnerstagabend meldeten sich mehrere besorgte Frauen und Männer aus Kirchdorf zu Wort und forderten stattdessen eine Anbindung über die Kirchdorfer Straße. Das sei nicht möglich, erklärte Planungsamtsleiter Mirko Wento, da der Landkreis es ablehne.

Keine Anbindung über Kirchdorfer Straße

Bei der Kirchdorfer Straße handelt es sich um eine Kreisstraße (K 111). In Höhe des geplanten Baugebietes gilt Tempo 70. Die Kreisverwaltung bestätigte am Freitag auf Anfrage der Redaktion, dass sie zusätzliche Einfahrten in die Kirchdorfer Straße ablehne – weil dies die Leichtigkeit und Sicherheit des Verkehrs beeinträchtigen würde, wie Pressesprecher Rainer Müller-Gummels erläuterte. „Die Verkehrsbedeutung und -belastung der K 111 hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.“ Eine weitere Zufahrt würde dieses Problem verschärfen. Eine temporäre Zufahrt während der Bauarbeiten sei allerdings denkbar, fügte Müller-Gummels hinzu.

Im Entwurf steht, dass der Nordteil des neuen Wohngebietes über die Wohnstraße Waternüst angebunden werden soll, der Südteil über die Weizenstraße. Die Durchfahrt von Nord nach Süd und umgekehrt sei nur Fahrrädern und Müllfahrzeugen erlaubt. Die einzelnen Wohnquartiere würden über Stichstraßen mit Wendeanlagen erschlossen, heißt es weiter. Um den Verkehr zu minimieren, seien Sammelstellplätze vorgesehen.

Zwei Geschosse mit Flachdach

Planungsamtsleiter Wento machte deutlich, dass in dem neuen Baugebiet nicht nur klassische Einfamilien- und Doppelhäuser geplant seien. Das städtebauliche Konzept der NLG sehe „schon eine recht dichte Bebauung“ vor. An den Rändern werde sich das Baugebiet an den bestehenden Siedlungen orientieren, nach innen jedoch sei zweigeschossige Bebauung mit Flachdächern geplant. Es handele sich allerdings nur um einen Vorentwurf. Anregungen und Hinweise würden aufgenommen, so Wento.

Gunnar Ott (Grüne) bezeichnete die Planung als „katastrophal für die Leute, die nördlich und südlich davon wohnen“. Sie würden durch zusätzlichen Verkehr belastet. „Unter Lückenbebauung verstehen wir nicht, dass zwischen zwei Wohngebieten eine Großfläche bebaut wird.“ Es gebe in Kirchdorf noch genug Baulücken. Auch Hendrik Siebolds (Die Linke) zweifelt an der Notwendigkeit eines weiteren Baugebietes. Schließlich gebe es ganz in der Nähe das Baugebiet „Im Timp“.

„Viele Gründe, nicht zu bauen“

Ein weiteres Wohngebiet in Kirchdorf würde zudem die ohnehin hohe Verkehrsbelastung der Kirchdorfer Straße und der Kreuzstraße noch erhöhen, warnte Siebolds, denn in Kirchdorf selbst gebe es keine Einkaufsmöglichkeiten und keine Infrastruktur, die Ortschaft sei eine reine Schlafstadt. Heißt: Zum Einkaufen, zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt fahren alle nach Aurich und verstopfen die Straßen. Kurzum: „Es gibt viele Gründe, dieses Gebiet nicht zu bebauen“, befand Siebolds. Auch Richard Rokicki von der Auricher Wählergemeinschaft (AWG), sonst erklärter Baufreund, warnte vor Lärmbelästigung und ruinierten Straßen durch Baufahrzeuge.

Kritik gibt es zudem von Naturschutzseite. Edzard Boumann vom Naturschutzbund (Nabu) Aurich wies darauf hin, dass es sich um ein gesetzlich geschütztes Biotop handele. „Das ist nicht einfach nur Grünland, das ist mesophiles Grünland.“ Grünland also, das besonders artenreich ist. Grünen-Ratsherr Ott sorgt sich um die Wallhecken – wenngleich im Entwurf steht, dass diese bis auf einzelne Durchbrüche erhalten bleiben sollen. Der Bauausschuss hat noch keinen Beschluss gefasst. Er will sich bei einem Ortstermin die Situation anschauen und zudem das Votum des Ortsrats Kirchdorf abwarten.

Die Redaktion hat bei Ortsbürgermeisterin Antje Harms (SPD) nachgefragt. Diese ist eine klare Befürworterin des Baugebiets. Harms ist sicher, dass es im Ortsrat eine Mehrheit für den Plan geben wird. Die Einwände der Anwohner und der Ausschussmitglieder wies sie zurück. Der Bedarf an neuen Bauplätzen in Kirchdorf sei da. „Ich kenne viele Interessierte, die da ein Augenmerk drauf haben.“ Junge Familien wollten ihre Kinder im Grünen aufwachsen lassen. Das Verkehrskonzept sei so durchdacht, dass sich die Belastung gleichmäßig verteile. „Niemand hat gern Verkehr vorm Haus“, sagte Harms. „Jeder möchte ruhig wohnen. Aber jeder möchte Auto fahren.“ Dieses Dilemma könne man nur durch Kompromisse lösen.

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