70 Jahre nach Untergang Rätsel gelöst? Wrack der „Melanie Schulte“ könnte gefunden sein
Der Hobby-Unterwasser-Archäologe Holger Buss hat sich auf die Suche nach dem Emder Frachter begeben - und einen möglichen Fundort ausgemacht. Jetzt will auch das Landesmuseum mitziehen.
Emden - Nach 70 Jahren könnte der Mythos rund um den Emder Stückgutfrachter „Melanie Schulte“ enden - wenn viele Emderinnen und Emder sowie andere Interessierte mitziehen. Nachdem diese Redaktion mit dem Hobby-Unterwasser-Archäologen Holger Buss aus Moormerland darüber gesprochen hatte, ob und wie das Wrack der „Schulte“ eigentlich gefunden werden könnte und er Spannendes herausgefunden hatte, sind jetzt schon mehr Akteure im Boot.
Was und warum
Darum geht es: die Suche nach dem Wrack des Emder Stückgutfrachters „Melanie Schulte“
Vor allem interessant für: Leute, die sich für das Schiffsunglück interessieren und sich immer schon gefragt haben, warum nicht nach dem Wrack gesucht wurde
Deshalb berichten wir: Wir hatten den Hobby-Unterwasser-Archäologen Holger Buss gefragt, ob und wie man das Wrack der „Melanie Schulte“ wohl finden könnte. Über seine Recherche haben wir bereits berichtet - und das Landesmuseum hat das in einem Talk am Sonntag aufgegriffen. Wir haben uns diesen angehört und mit Jasmin Alley gesprochen. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
An diesem Sonntag stellte Buss gemeinsam mit seinen Kollegen Dirk Terbeek und Dirk Heinemann von den Gezeitentauchern, die gemeinsam schon zehn Wracks in der Nordsee identifiziert haben, im Rummel des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden seine Recherche vor. Im Museum gibt es derzeit eine Ausstellung rund um das Schiffsunglück. Edzard Wagenaar hatte dazu in den vergangenen Wochen sonntags Gesprächsrunden mit Experten geführt. „Ich finde die Diskussion ungeheuer spannend. Der Mythos könnte entzaubert werden“, sagte Wagenaar.
Was hat Holger Buss herausgefunden?
Holger Buss hatte herausgefunden, dass schon 1998 von Forschern des Hydrografischen Instituts in Großbritannien Vermutungen dazu angestellt wurden, wo das Wrack der „Melanie Schulte“ liegen könnte. Damals wurden rund 52 Kilometer nordöstlich der Position, von der der Frachter den letzten Funkspruch abgab, wohl routinemäßig Sonar-Aufnahmen gemacht. Sie zeigen ein Wrack auf rund 2500 Metern Tiefe, das von den Maßen her der Emder Frachter sein könnte. Somit steht auf einer Wrackkarte, die sich auf den Daten des Instituts stützt, schon seit 1998 „Melanie Schulte ?“ neben der Position. Weitergegeben wurde die Vermutung aber nicht. „Das ist nicht Aufgabe des Instituts“, hatte Buss im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt.
In Großbritannien dürften die Forscher bei ihrem möglichen Fund auch nicht vermutet haben, dass das Wrack für die kleine Seehafenstadt Emden eine so große Rolle spielen könnte. Doch bis heute ist das öffentliche Interesse deutlich: Die Ausstellung hatte schon mehr als 10.000 Besucherinnen und Besucher, sagte Edzard Wagenaar. Und das Theaterstück, das in diesem Jahr gezeigt wurde, war schnell ausverkauft. Rund 2000 Leute schauten es sich an. Er mutmaßt, dass das Schiffsunglück so lange in dem Gedächtnis der Menschen geblieben ist, weil es in die Nachkriegszeit viel und direkt vor Weihnachten passierte. Für die von Leid gebeutelten Menschen war es ein Zeichen der Hoffnung, dass auf den Nordseewerken gebaut wurde, dass hochmoderne Schiffe entstanden und das immer noch größtenteils in Trümmern liegende Emden eine Zukunft hatte. Sollte man nun die „Melanie Schulte“ suchen, das Kapitel schließen oder - wie Wagenaar sagte - einen Schlussakkord drunter setzen?
Warum sollte man nach der „Melanie Schulte“ suchen?
„Viele tausend Schiffe sind untergegangen, die Besatzung gilt bis heute als verschollen, warum sollten wir gerade die ‚Melanie Schulte‘ suchen?“, fragte ein Zuschauer kritisch. Holger Buss nämlich hatte erklärt, dass man eine Spezialfirma beauftragen könnte, erneut eine Sonar-Aufnahme anzufertigen. Diese könnte aktuell den Fundort und auch die Maße des Wracks bestätigen. Dann könnte eine Unterwasser-Drohne, die über ein Kabel Video-Aufnahmen an das Schiff sendet, in die Tiefe geschickt werden. Durch 3D-Aufnahmen - ähnlich wie bei der „Titanic“ aktuell - könnte nicht nur geklärt werden, ob es sich um den Emder Frachter handelt, sondern womöglich auch, warum er unterging, so Buss. Pro Tag müsste man mit einer Pauschale für das Spezialschiff von etwa 35.000 Euro rechnen, schätzt er. Alternativ könnte man bei Militär oder Forschungsinstituten nachfragen, ob demnächst ohnehin Untersuchungen in dem Gebiet geplant sind und man sich diesen anschließen könnte.
Im Moment sei das Wrack am wahrscheinlichsten die „Melanie Schulte“. Er räumt aber auch ein, dass die Chancen bei „fifty-fifty“ liegen. Dennoch findet Museumsdirektorin Jasmin Alley: „Es wäre nur fair, dem nachzugehen und das ernst zu nehmen.“ Man habe die Angehörigen der verstorbenen Seemänner für die Ausstellung interviewt, sie mit eingebunden. Jetzt könne man nicht einfach aufhören. „Wenn es so ist, dass das das Wrack der ‚Melanie Schulte‘ ist, dann gibt es ein Grab für die Angehörigen“, sagt sie. Es sei eine ethische Frage, zu versuchen, den Angehörigen Gewissheit zu geben, so Wagenaar. „Ich sehe auch das öffentliche Interesse.“
Was passiert jetzt?
Eine finale Entscheidung, wie man nun weiter vorgehen möchte, fiel am Sonntag noch nicht. „Ich würde jedes einzelne Wrack untersuchen“, sagt Holger Buss voll Enthusiasmus. Die „Schulte“ zu finden, wäre der „Clou“ für ihn. Jasmin Alley vom Landesmuseum sprach ebenfalls ihre Bereitschaft aus, das Projekt mit an zu stoßen. „In allem Respekt und aller Zurückhaltung: Ich meine, man könnte es wagen“, sagte Edzard Wagenaar. Möglich wäre eine Spendenaktion, wurde in der Runde überlegt. Käme schnell das Geld zusammen, wäre auch bestätigt, dass das Interesse groß genug ist, um die Forschung voranzutreiben.
Die „Melanie Schulte“ war vermutlich in der Nacht auf den 22. Dezember 1952 bei den schottischen Hebriden-Inseln gesunken. 35 Männer starben, das Schiff verschwand. Nur ein Rettungsring und Holzbohlen wurden gefunden. Die Ursache des Unglücks ist bis heute nicht abschließend geklärt. In einer Seeamtsverhandlung 1953 wurde höhere Gewalt als Grund genannt. Die Ausstellung im Landesmuseum kann noch bis Januar besucht werden.
Das Wrack der „Melanie Schulte“ könnte gefunden worden sein
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