Berlin  Welthungerhilfe: 1,5-Grad-Ziel wird für Millionen zur Frage von Leben und Tod

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 10.06.2023 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme im Mai in Malawi. Foto: Daniel Pilar / Welthungerhilfe
Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme im Mai in Malawi. Foto: Daniel Pilar / Welthungerhilfe
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Der Klimawandel bringe Afrika immer häufiger schlimme Katastrophen, berichtet Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme nach ihrer Rückkehr aus Malawi. An die laufende Klimakonferenz in Bonn richtet sie einen eindringlichen Appell.

Marlehn Thieme (66) war im Mai in Malawi, sah dort die Verwüstungen des Tropensturms „Freddy“ und besuchte Flüchtlingslager, die ihr wie eine urbane Hölle vorkamen. Die Welthungerhilfe-Präsidentin ruft die Staatengemeinschaft, deren Vertreter gerade in Bonn über den Klimaschutz verhandeln, dringend auf, mehr für den Schutz der Ärmsten gegen die Folgen der Erderwärmung zu tun.

Frage: Frau Thieme, Sie waren kürzlich im südostafrikanischen Malawi. Welche Eindrücke bringen Sie mit?

Antwort: Das Land war nach der Regenzeit sehr grün. Der Süden litt noch immer unter der Katastrophe, die der längste Tropensturm “Freddy” verursacht hat: 180.000 Hektar Land überschwemmt, 2,3 Millionen Menschen betroffen. Sie haben Ernte, Tiere, Hab und Gut verloren. Es ist erschreckend zu sehen, wie so ein Land aus einer eher gemäßigten Klimazone von solchen Extremwettern heimgesucht wird. In Malawi trifft es die Ärmsten der Ärmsten, die sich nicht schützen können.

Frage: Ist “Freddy” auf die Erderwärmung zurückzuführen?

Antwort: Die Klimaforschung hat die Zunahme von Häufigkeit und Intensität solcher Extremereignisse belegt und ihre weitere Häufung vorausgesagt. In Malawi hat es seit Beginn der Wetteraufzeichnung noch nie so einen langanhaltenden Zyklon gegeben. 

Frage: Malawi ist ein Binnenstaat. Spielt das eine Rolle?

Antwort: Die Auswirkungen sind auch anderswo zu sehen: Erst die Dürre am Horn von Afrika, von Somalia bis nach Kenia, mit Auswirkungen bis nach Südafrika. Und dann trifft eine gewaltige Regenmenge auf die durchgetrockneten Böden. Erste Regionen südlich der Sahara drohen durch Hitze und Trockenheit unbewohnbar zu werden. In Bangladesch wiederum verringert ein Übermaß an Regen die Überlebenschance. Die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, das ist für Millionen Menschen eine Frage auf Leben und Tod in ihren angestammten Ländern. 

Frage: Sind auch immer mehr Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen?

Antwort: Die Migration innerhalb der Länder ist  ein sehr ernstzunehmendes Thema. Die Klimawandelfolgen kommen zu ethnischen und kriegerischen Auseinandersetzungen hinzu. Die Weltbank schätzt, dass im schlimmsten Fall bis zum Jahr 2050 mehr als 200 Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen werden könnten. Ich war in Malawi in einem Flüchtlingscamp, das schon vor 30 Jahren entstand. Daraus ist ein überfülltes Elendsquartier geworden. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen.

Frage: In Bonn wird dieser Tage über den Klimaschutz verhandelt. Wird das von Ihnen beschriebene Leid dort ausreichend adressiert?

Antwort: Eins ist völlig klar: Wir müssen die Anstrengungen bei der Anpassung an den Klimawandel massiv ausbauen! Deswegen gehört das Thema unbedingt in die Abschlusserklärung der Bonn-Konferenz. Die Ernährungssicherung für die verletzlichsten Menschen klimaresilient zu machen, ist - neben der schnellen und drastischen Reduzierung der CO2-Emissionen - eine der allerwichtigsten Aufgaben. Dafür braucht es mehr Programme und mehr Geld von den Staaten des globalen Nordens.

Frage: Was kann konkret getan werden?

Antwort: Allen voran müssen klimaresiliente Verkehrswege, Speicher und Flutschutz gebaut werden. Hinzu kommt die Förderung von Wissen über die Möglichkeit, sich anzupassen. Fachkenntnisse für landwirtschaftliche Anbaumethoden, Bewässerungssysteme oder Überflutungsvermeidung machen den Unterschied. Das kann sehr erfolgreich von lokalen Forschungseinrichtungen geleistet werden. Und es braucht einen Versicherungsschutz der Bauern gegen Klimaschäden, so dass die Familien nicht durch Wetterextreme ins Elend stürzen. Zurzeit sind 828 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Noch wenige Überschwemmungen oder anhaltende Dürren, und die Milliardengrenze wird wieder überstiegen. Dann ist ein Achtel der Weltbevölkerung betroffen.

Frage: Ist das überhaupt noch zu verhindern?

Antwort: Ja! Und das ist mein Appell an die Konferenz in Bonn: Wir müssen beim Aufbau von nachhaltigen und klimaresilienten Ernährungssystemen vorankommen. Wenn der Fokus in die Abschlussdokumente gelangt, werden auch die Weltöffentlichkeit und internationale Fonds darauf Wert legen.

Frage: Vorrang scheint stattdessen die Rettung des 1,5-Grad-Ziels zu haben…

Antwort: Ja, und das ist auch richtig, denn ohne Begrenzung der Erderwärmung wird natürlich auch die Anpassung immer schwieriger. Und ja, die großen Öl- und Gasexporteure wollen den Ausstieg aus fossilen Energien blockieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate richten den Klimagipfel im Winter in Dubai aus, die Golfstaaten haben ihre Präsenz in den internationalen Klima-Verhandlungen deutlich verstärkt. Ihre Erzählungen, auch mit CO2-Staubsaugern, CO2-Abscheidung und effizienteren Verbrennern könne das Klima ausreichend geschützt werden, sind gefährlich und machen mir große Sorge. In Bonn braucht es daher das klare Bekenntnis zum Ausstieg aus den Fossilen. 

Frage: Auf die Scheichs kommt es an?

Antwort: Nicht nur. Auch im Norden sind die Ausreden schnell zur Hand. Nationalisten und Populisten machen Stimmung gegen Klimaschutzmaßnahmen. Auch dagegen erheben wir unsere Stimme. Die Wissenschaft ist überzeugt, dass wir das 1,5-Grad-Ziel noch einhalten können, aber nur, wenn der CO2-Ausstoß substanziell reduziert wird. Und wir stehen besonders in der Verantwortung, weil sich die brutalen Folgen des Klimawandels zuerst in den Ländern des globalen Südens zeigen, der nichts dafür kann. Das habe ich in Malawi mit eigenen Augen gesehen.

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