Debatte in Aurich  Volkszorn gegen Vierfamilienhäuser

| | 09.06.2023 17:47 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf dieser Wiese in Aurich-Rahe sollen zwei Vierfamilienhäuser und sechs Doppelhäuser gebaut werden. Foto: Luppen
Auf dieser Wiese in Aurich-Rahe sollen zwei Vierfamilienhäuser und sechs Doppelhäuser gebaut werden. Foto: Luppen
Artikel teilen:

Verträgt ein Dorf wie Rahe Mehrfamilienhäuser? Anwohner bezweifeln das. Ihr Zorn traf am Donnerstag die Mitglieder des Ortsrats. Auch ein anderes geplantes Baugebiet ist umstritten.

Aurich - Vierfamilienhäuser in einem ostfriesischen Dorf? Das geht nun wirklich überhaupt nicht! Der Volkszorn aus Rahe traf am Donnerstagabend in der idyllisch gelegenen Ausflugsgaststätte Kukelorum am Ems-Jade-Kanal die Mitglieder des Ortsrates Extum/Haxtum/Kirchdorf/Rahe. Anwohner hatten sich das Protokoll der Sitzung vom 13. April angeschaut. Dort steht, dass am Boomweg in Rahe – ganz in der Nähe des Kukelorums – zwei Vierfamilienhäuser und sechs Doppelhäuser gebaut und zur Vermietung freigegeben werden sollen. Ingo Eschen vom gleichnamigen Architektur- und Ingenieurbüro habe den Plan ausführlich vorgestellt. „Die Ortsratsmitglieder bekunden ihren Zuspruch an dem vorgestellten Projekt“, heißt es im Protokoll. „Die entstehenden Häuser passen sich der Örtlichkeit an und stellen einen Mehrwert für den Ortsteil dar.“

Ähnliche Artikel

Insbesondere der letzte Satz bringt einige Anwohner auf die Palme. „Solche Bunker“ passten nun wirklich nicht nach Rahe, hieß es, in einen von Einfamilienhäusern mit Gärten geprägten Ort. Rahe solle so bleiben, wie es ist. „Das gehört nicht in ein so kleines Dorf“, sagte eine Anwohnerin. 20 Wohneinheiten auf engstem Raum, „und das zur Vermietung“, schimpfte ein Anwohner. „Wenn sie wenigstens verkauft würden.“ Mieter in Rahe? Für einige offensichtlich undenkbar. „Die sollen doch aufs Kasernengelände“, sagte ein Mann. Ein anderer kritisierte Investoren von außerhalb: „Die Leute, die viel Geld haben, bauen uns dicht.“

„Nicht jeder kann sich ein Einfamilienhaus leisten“

Die Ortsratsmitglieder, die offensichtlich mit diesem „Shitstorm“ nicht gerechnet hatten, versuchten zu beschwichtigen. Es sei noch nichts entschieden, man habe sich nur den Vortrag angehört. Einige verteidigten die Idee. Die Architektur passe sehr wohl ins Ortsbild. Es seien keine Klötze geplant. „Ich fand das interessant, weil da kleine Wohnungen für junge Menschen geplant sind“, sagte Andree Higgen (SPD). „Nicht jeder kann sich ein Einfamilienhaus leisten.“

Gunther Siebels-Michel von der Wählergemeinschaft Grün-Alternative Politik (GAP) sagte: „Die Verhältnisse ändern sich, und wir müssen uns auch ändern.“ Es sei energetisch weitaus günstiger, in einem Mehrfamilienhaus zu wohnen. Siebels-Michel forderte die Rahester auf, „nicht am Ortsbild von vor 200 Jahren festzuhalten“. Volker Rudolph (GAP) warb für Offenheit und Toleranz und kritisierte das Kirchturmdenken einiger Anwohner. Auch Ortsbürgermeisterin Antje Harms (SPD) verteidigte das Vorhaben. Im Gespräch mit der Redaktion sagte sie: „Wir wollen uns entwickeln. Wir wollen junge Leute im Dorf.“ Dann müsse man auch entsprechende Wohnmöglichkeiten anbieten.

Anwohner befürchten mehr Verkehr

Für die geplanten Häuser gibt es noch keinen Bebauungsplan. „Wir befinden uns noch nicht im formellen Verfahren“, sagte Bauamtsleiter Mirko Wento am Freitag auf Anfrage der Redaktion. Das dürfte knapp werden: Der Investor will bereits im kommenden Jahr bauen. Nun wird sich zeigen, ob er die Politik trotz der Anwohnerkritik überzeugen kann.

Das Baugebiet liegt in der Nähe der Kirchdorfer Straße. Grafik: Kirsten Schüür
Das Baugebiet liegt in der Nähe der Kirchdorfer Straße. Grafik: Kirsten Schüür

Proppenvoll war der Saal des Kukelorums aber auch wegen eines anderen Bebauungsplans: In Kirchdorf soll auf einer von Wallhecken umgebenen Weidefläche ein neues Baugebiet mit 80 Wohneinheiten entstehen. Anwohner befürchten mehr Verkehr vor ihrer Haustür. Der Verkehr ins neue Wohngebiet soll durch die Straßen der benachbarten Wohngebiete fließen. Aus Sackgassen würden Durchfahrtsstraßen.

Zweifel am Bedarf

Kritik gibt es außerdem von Naturschützern, da es sich bei der Weide um besonders artenreiches Grünland handelt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland wirft den Planern vor, „ein kleines Natur-Juwel sinnlos zu opfern“.

Ein ums andere Mal wurde von den Anwohnern angezweifelt, dass für ein solches Baugebiet in Kirchdorf überhaupt Bedarf besteht. Die Interessentenliste der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG), die das Gebiet entwickelt und vermarktet, sei wahrscheinlich hoffnungslos veraltet und voller Karteileichen, denn mittlerweile könne es sich doch kaum noch jemand leisten zu bauen. Platz gebe es zudem auf dem Kasernengelände und im nahegelegenen Baugebiet „Im Timp“, hieß es.

Ortstermin am 21. Juni

Die Redaktion hat bei der NLG nachgefragt. „In unseren Augen besteht weiterhin der Bedarf nach kleinem funktionalen Wohnraum“, erklärte Projektleiter Carsten Hogelücht. „Deswegen werden wir die Planungen in enger Abstimmung mit der Stadt Aurich weiter vorantreiben.“

Auch in Kirchdorf ist ein Baugebiet geplant. Foto: Luppen
Auch in Kirchdorf ist ein Baugebiet geplant. Foto: Luppen

Der Ortsrat sieht die Pläne zum Teil ebenfalls kritisch, insbesondere die geplante Verkehrsführung durch die anderen Wohngebiete. Der Landkreis Aurich hatte erklärt, dass eine direkte Anbindung des Neubaugebiets an die Kirchdorfer Straße (K 111) nicht möglich sei, da zusätzliche Einfahrten die Leichtigkeit und Sicherheit des Verkehrs beeinträchtigen würden. An dieser Stelle gilt Tempo 70.

Wie es mit der Planung weitergeht, ist offen. Der Ortsrat hat noch keinen Beschluss gefasst. Er wird das geplante Baugebiet zunächst bei einem Ortstermin am 21. Juni gemeinsam mit dem Bauausschuss in Augenschein nehmen.