Scholen  Der Niedersachse, dem das Wort „Ballermann“ gehört

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 10.07.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Annette und André Engelhardt führen einen Gnadenhof im niedersächsischen Scholen. Foto: Daniel Benedict
Annette und André Engelhardt führen einen Gnadenhof im niedersächsischen Scholen. Foto: Daniel Benedict
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Der Ballermann ist kein Ort und auch nicht einfach nur ein Wort für Sauftourismus. Der Ballermann ist eine Marke. Ihre Besitzer leben in einem kleinen Örtchen in Norddeutschland – und retten mit dem Geld der Partygänger Ponys, Pferde und Esel.

Ob man ihn nun liebt oder ein entschiedener Gegner ist – vom Ballermann hat jeder ein klares Bild: Partys, Alkohol und Songs, die man nur mit drei Jahren oder mit drei Promille im Blut erträgt. Woran bei dem Begriff wohl die Wenigsten denken, das ist die friedliche Ruhe eines norddeutschen Gnadenhofs. Und doch unterstützt das Ballermann-Volk genau dieses Idyll. Jede Ballermann-Party, jede Ballermann-CD und auch das T-Shirt mit dem Slogan „Weine nicht, wenn der Pegel fällt“ – all das finanziert das Leben von rund 60 Tieren auf der Ballermann-Ranch im niedersächsischen Scholen.

Auf dem Hof galoppiert zum Beispiel das Pony Schnütchen, das ein deformierter Kiefer beinahe sein Leben gekostet hätte. Hier weiden Esel, die mit knapper Not dem Schlachter entronnen sind. Und auch ein paar Zirkuspferde von Althoff verbringen ihre Rente in dem kleinen Ort, irgendwo südlich von Bremen.

Die Menschen, die den Hof 2011 gegründet hatten, heißen Annette und André Engelhardt. Sie sind die wahren Besitzer des Ballermanns. Und das, obwohl sie keine Strandbar auf Mallorca betreiben. Was den beiden gehört, ist etwas, das man nicht einmal anfassen kann: die Wortmarke „Ballermann“. Und jeder, der damit Geld machen möchte – ob als Disco-Betreiber, Partyschlager- oder Fernsehproduzent –, der muss vorher bei den Engelhardts eine Lizenz erwerben.

In Scholen deutet wenig darauf hin, dass hier, im Landkreis Diepholz, das Herz der Ballermann-Kultur schlägt. Über dem Eingang zum Pferdehof schaukelt zwar ein Holzschild mit der Aufschrift „Ballermann Ranch“. Unter ihm sieht André Engelhardt, ein braungebrannter Hüne mit Cowboyhut, dann allerdings mehr nach Westerndorf als nach Mallorca aus. Auch der Pferdehof ist kein Party-Areal, sondern eher das ländliche Pendant zur Arche Noah. Tatsächlich passiert man auf dem Weg zu Wohnhaus, Stallungen und der alten Reithalle zuallererst eine Kapelle. Geweiht ist sie St. Leonhard, dem Schutzpatron des Viehs. Wer will, erzählt der Freizeit-Cowboy und Ranch-Boss, kann hier sogar heiraten, mit Pferd und Esel als Trauzeugen.

Die Augen des Endfünfzigers leuchten, wenn er über den Hof führt und von seinen Tieren erzählt – von den Eseln Harry und Sally, die hier zur Welt kamen, als die Engelhardts ihre trächtigen Mutterstuten aufgenommen hatten. Oder von Ballermann Mitch, seinem eigenen Reitpferd. Der Hengst hat Krebs und kann nicht mehr reiten; aus Treue zu seinem Gefährten setzt Engelhardt sich im Moment auf gar kein Pferd mehr. Mitch soll in seinen letzten Jahren keine Eifersucht erleben.

In diesem Video sehen Sie die Tiere auf dem Hof:

Die Liebe zu Tieren, sagt Engelhardt, begleitet ihn seit der Kindheit. Dass er sie auf einem Gnadenhof zum Lebensinhalt machen konnte, verdankt er einer Schnapsidee.

Mitte der 90er Jahre war Engelhardt auf Mallorca. Besonders gut gefiel ihm die Stimmung am Strandlokal Balneario Nº 6, dessen Namen angetrunkene Deutsche sich damals mundgerecht machten – als „Ballermann 6“. Eine Zeitlang stand das Wort sogar als offizieller Name über der Bar. Damals trat gerade der Schnaps „Kleiner Feigling“ seinen Siegeszug an, ein Wodka mit Feigengeschmack. Das kann ich auch, denkt Engelhardt und bringt Wodka-Kirsch auf den Markt. Name des Drinks: Ballermann 6.

Der Geschäftsgründer ist damals noch Jura-Student. Gerade hat er eine Hausarbeit zum Markenrecht geschrieben. Deshalb weiß er, dass er den Namen beim Deutschen Patent- und Markenamt schützen lassen muss. „Ich wollte mich absichern, damit mich keiner abmahnt“, sagt er. „Über das Bilden einer Marke, die mal einen Eigenwert haben wird, habe ich mir keine Gedanken gemacht.“

Der Schnaps floppt. „Ich habe mehr davon getrunken als verkauft“, erinnert sich Engelhardt. Als er fast aufgegeben hat, schenkt er einer Kneipenbekanntschaft ein paar Schnapsflaschen. Einige Tage später klingelt sein Telefon. Die Frau aus der Kneipe entpuppt sich als „Bild“-Reporterin und schreibt einen Artikel über ihn. Andere Medien springen auf und ab jetzt sind es nicht mehr die hochprozentigen Ballermänner, mit denen Engelhardt sein Geld verdient, sondern die Marke Ballermann.

1996 läuft in der Essener Gruga-Halle die erste Ballermann-Party, 1997 kommt Tom Gerhardts Komödie „Ballermann 6“ ins Kino, 1998 besingt Wolfgang Petry den „Ballermann“. Engelhardt vergibt die Lizenzen und verdient mit. Der Kinofilm wird mit 2,4 Millionen Zuschauern ein Überraschungserfolg. Ärgerlich für Engelhardt, der die Lizenz für eine Fixsumme vergeben hatte. Hätte er eine Gewinnbeteiligung akzeptiert, sagt er heute, hätte der Deal ihm das Fünffache gebracht: „Das war das erste und einzige Mal, dass ich selbst nicht an die Zugkraft des Ballermanns geglaubt habe.“

Heute passiert ihm das nicht mehr, zumal das Geschäft nach der Pandemie und nicht zuletzt durch die Debatte um den Partyschlager „Layla“ wieder brummt: Die Musikindustrie produziert immer neue Ballermann-Sampler. RTL feiert das inoffizielle Jubiläum „50 Jahre Ballermann“. Und mit alledem lässt sich verdienen. Engelhardt berichtet, dass er gerade ein Kaufangebot für die Markenrechte abgelehnt hat. Wie er sagt, war es siebenstellig.

Dass der Ballermann wirklich eine Marke ist und nicht nur ein anderes Wort für den Vollrausch in El Arenal, wurde höchstrichterlich festgestellt. Nicht nur der Duden verzeichnet das Wort als Marke. Zur Jahrtausendwende urteilte auch der Bundesgerichtshof, dass fremde Schnäpse nicht nach dem Ballermann benannt werden dürfen. Für Engelhardt war der Prozess wichtig – und zugleich einer von vielen. Rund 500 Mal habe er schon gegen Verletzungen seines Markenrechts geklagt, erzählt er. Oft sind seine Gegner Gastwirte, die Ballermann-Partys ohne Lizenz veranstalten. Wenn er davon Kenntnis bekommt, berichtet Engelhardt, muss er einschreiten. Eine Marke, die nicht verteidigt wird, könnte zum bloßen Gattungsbegriff verkommen – und damit ihren Schutz verlieren.

Fast von Beginn wird André Engelhardt dabei von seiner Frau Annette unterstützt. Kennengelernt hatten die beiden sich 1996 – selbstverständlich – auf Mallorca. „14 Tage später waren wir verheiratet“, sagt der Gatte heute und freut sich über seine 26 Jahre Ballermannliebe. Während er seine Zeit heute halb auf das Lizenzgeschäft und halb auf den Hof aufteilt, konzentriert Annette Engelhardt sich vorrangig auf Pferde, Ponys und Esel.

Gemeinsam haben die beiden auch schon andere Marken aufgebaut. Die „Downing Street No. 10“ beispielsweise haben die Engelhardts an einen Luxushersteller verkauft; mit „Quarter Back“ dagegen hatten sie keinen Erfolg. Wechselvoll war die Geschichte der Marke „Lady Di“, die die Engelhardts nach dem Tod der Princess of Wales angemeldet haben. Nicht ohne Gegenwind: Gegen eine Klage des Diana Memorial Funds, erzählt Engelhardt, hat er sich danach zwar durchgesetzt; und eine Zeitlang habe er mit Lady-Di-Dessous und -Bettgarnituren auch gutes Geld verdient. Auf Dauer aber sei die Marke durch Dianas tragischen Tod allerdings zu negativ besetzt gewesen.

Pietätlos findet Engelhardt die Episode nicht. „Für jemanden, der sich mit Marken beschäftigt, ist klar, dass man das machen muss“, sagt er. „Die eine Hälfte der Leute sagt dann, es ist pietätlos, die andere Hälfte sagt Nein. Und nur von der zweiten Hälfte will ich einen Anteil als Kundschaft haben.“

Genauso rechnet Engelhardt auch mit dem Ballermann und seinem polarisierenden Image. „Selbst wenn nur 30 Millionen Deutsche den Ballermann mögen – wenn ich von denen ein Drittel erreiche, dann ist es ein Mega-Erfolg.“ Trotzdem wehrt Engelhardt, der den Ballermann erkennbar liebt, sich gegen das Negativimage: „Man tut immer so, als wären das alles deutsche Suffköppe, die da hinfahren. Das ist ja völliger Blödsinn“, sagt er. Für ihn steht der Ballermann vor allem für ein Gemeinschaftsgefühl, für Partys, bei denen die Fußball-Jungs mit dreimal so alten Gesangvereinsmitgliedern schunkeln. Die Idee hinter seiner Marke, gewissermaßen die Ballermann-Formel, umreißt er so: „Wenn man zur Hälfte Karneval macht, zu gleichen Teilen Schützenfest und Oktoberfest untermischt und noch eine kleine Portion Après Ski dazu tut, dann kommt Ballermann dabei raus.“

Aus dem Ballermann wiederum kommt Geld heraus – und das fließt zu den alten Tieren. Von den Ballermann-Einnahmen – und zwar von allen Einnahmen, nicht nur vom Gewinn, betont Engelhardt – gehen 60 Prozent in den Gnadenhof. Auf dem sind die Engelhardts inzwischen nicht mehr als Besitzer, sondern als ehrenamtliche Leiter mit lebenslangem Wohnrecht im Dienst: Vor fünf Jahren haben sie ihre Ranch der Tierschutz-Stiftung Gut Aiderbichl geschenkt. So soll die Einrichtung auch kommenden Generationen erhalten bleiben. Und warum kriegen die Tiere ausgerechnet 60 Prozent? Engelhardt versteht die Frage kaum. Wegen der 6 natürlich, der von seinem Ballermann Nummer 6.

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