Osnabrück  So teuer wie Fußballer Bellingham: Der verrückte Hype um Gustav Klimt

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 17.06.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Soll einen neuen Spitzenpreis bringen: Gustav Klimts „Dame mit Fächer“. Foto: APA
Soll einen neuen Spitzenpreis bringen: Gustav Klimts „Dame mit Fächer“. Foto: APA
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Was haben Fußballer Jude Bellingham und Maler Gustav Klimt gemeinsam? Beide bewegen Millionen – auch Euros. Der Hype um Klimts Bilder ist so verrückt wie ein astronomisch teurer Fußballtransfer.

Seine „Insel im Attersee“ ging gerade für 53 Millionen bei einer Auktion weg – nach kurzen sieben Minuten Bietergefecht. Der nächste Hype wird prompt nachgeschoben: Gustav Klimts „Dame mit Fächer“ soll am 27. Juni 2023 bei Sotheby´s in London 75 Millionen Euro bringen.

Das ist fast lächerlich wenig im Vergleich zu jenen 103 Millionen, mit denen Real Madrid den gerade 19 Jahre alten Fußballspieler Jude Bellingham von Borussia Dortmund losgeeist hat.

Ich finde Klimts Bilder einfach zu schwül und stickig. Aber der Maler der Zeit um 1900 ist gerade so sehr in Mode, dass er es mit den teuersten Fußballstars aufnehmen kann. Ein Doppelpass zwischen Kunst und Sport, auf der Ebene des großen Geldes? Ja, wieder einmal.

Spätrömisch: Jetzt passt er, der Ausdruck, den der 2016 verstorbene FDP-Politiker Guido Westerwelle für den Luxus einer Verfallszeit sprichwörtlich gemacht hat.

Klimt, das ist der Maler, der auf seinen Bildern verwöhnte Damen in goldene Roben gewandet, der ein küssendes Paar in einen Wasserfall aus Gold stellt. Gold, nichts als Gold: Wenn Klimt malt, muss die Welt schimmern und glänzen, bis zum Überdruss.

Der Hype um Klimt hat viele Formen. Sein Porträt von Adele Bloch-Bauer avancierte vor Jahren zur veritablen Staatsaffäre um Kunstraub und Rückgabe an Erben jüdischer Vorbesitzer. Magnat Ronald Lauder kaufte das Bild 2006 für sein Privatmuseum in New York.

Inzwischen ist Klimt längst demokratisiert. Wer will, kann selbst in Klimts Goldfluss baden – in Projektionen, die seine Gemälde zum Farberlebnis ohne Grenzen machen.

Kunst macht das Leben schön, Spitzenkunst macht es noch schöner. Sicher, Klimts Bilder gehören zur Crème de la Crème der Kunst. Aber sie feiern ein Leben, dessen Elan im Luxus ertrunken ist. Gustav Klimt starb 1918. Im gleichen Jahr ging jene Doppelmonarchie unter, deren Geldelite seine Porträtkunden stellte. Ein Zufall? Ja, aber er wirkt schlüssig.

Wie verglich der Philosoph Friedrich Nietzsche die Musik von Bizets Oper „Carmen“ maliziös mit Richard Wagner? „Sie schwitzt nicht“. Klimts Bilder schwitzen Gold. Deshalb mag ich lieber Monet oder Cézanne. Durch die Pracht ihrer Farben geht der trockene Wind des Mittelmeers.

Ronald Lauder hat damals übrigens für das Bild „Adele Bloch-Bauer I“ kolportierte 106 Millionen auf den Tisch gelegt, ähnlich viel wie jetzt Real Madrid für den Transfer Jude Bellinghams. Auch wenn ich Klimt einfach nicht mag – in diesem Fall hätte ich das Geld doch lieber für ein Kunstwerk statt für einen Fußballer ausgegeben.

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