Verkehr in Emden Schuhhändler putzt Autoscheiben im Neutorstraßen-Stau
Der Emder Einzelhändler Heiko Bockstiegel hat mit einer witzigen Aktion auf den nervigen Stop-and-go-Verkehr vor seiner Ladentür reagiert. Aber nicht alle Autofahrer verstanden, was dahinter steckte.
Emden - „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“, besagt ein altes Sprichwort. Der Emder Heiko Bockstiegel hat sich am Freitag nicht an diesen Rat gehalten. Vielmehr hat der Inhaber eines alteingesessenen Schuhgeschäftes an der Neutorstraße in Emden anderen quasi ins Handwerk gepfuscht. Statt Schuhe zu putzen, was seiner eigentlichen Tätigkeit näher gekommen wäre, griff er zu Wassereimer, Schwamm und Scheibenabzieher. Damit reinigte er die Windschutzscheiben von Autos, deren Fahrerinnen oder Fahrer vor seinem Geschäft zur Stoßzeit am Mittag nur langsam vorwärts kamen.
Was und warum
Darum geht es: um die Verkehrsregelung in der Neutorstraße
Vor allem interessant für: alle Verkehrsteilnehmer in Emden und diejenigen, die sich für die Zukunft der Innenstädte interessieren
Deshalb berichten wir: Der Emder Einzelhändler Heiko Bockstiegel, der ein alteingesessenes Schuhgeschäft in der Neutorstraße betreibt, hat sich eine witzige Aktion einfallen lassen, um auf den stockenden Verkehr vor seiner Ladentür hinzuweisen. Unser Reporter war dabei. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Einen solchen kostenlosen Service kennt man sonst nur von Straßenkindern in armen Ländern dieser Welt oder von Schülern, die es ihnen gleich tun und Spenden für sie sammeln. Für Bockstiegel hat diese Aktion aber einen ganz anderen Hintergrund. Als Scheibenputzer wollte er auf witzige Weise auf die Probleme bei der aktuellen Verkehrsführung auf der Neutorstraße im Abschnitt zwischen den Neutor-Arkaden und dem Rathaus hinweisen. Symbolisch wollte er verdeutlichen, dass der Verkehr neuerdings dort zeitweise nur langsam vorankommt und sich lange Rückstaus bilden. „Da bleibt Zeit genug, um sich zwischendurch die Scheiben putzen zu lassen“, so der Einzelhändler.
Die meisten Autofahrer winkten dankend ab
Viel Erfolg hatte er bei seiner Aktion allerdings nicht. Die allermeisten Autofahrerinnen und Autofahrer winkten ab, als er sich in der Montur eines Tankwartes mit dem Wassereimer und dem Abzieher näherte. Viele erkannten auch nicht seine Absichten und glaubten vermutlich eher an eine Werbe- oder Spendenaktion. Eine freundliche Autofahrerin wollte dem Scheibenputzer aber sogar ein Trinkgeld fürs Reinigen in die Hand drücken.
Bockstiegel hat nach eigenen Angaben mit der Stoppuhr Zeiten von bis zu viereinhalb Minuten gemessen, die Autos zeitweise zum Passieren der knapp 250 Meter langen Strecke benötigen. Der Stop-and-go-Verkehr ist die Folge der neuesten Verkehrsregelung, die seit einigen Wochen auf diesem Abschnitt der Neutorstraße gilt und vorerst auch weiter gelten soll.
Es gibt mehr Lärm und mehr Abgase
Denn: Seitdem die Stadt vor einigen Wochen die Fahrbahn wieder mit weißer Farbe markieren ließ, bilden sich immer wieder Rückstaus. Die Kraftfahrzeuge, die in diesem sogenannten verkehrsberuhigten Geschäftsbereich nur mit Tempo 20 in Richtung Rathaus fahren dürfen, kommen nur langsam voran und müssen dazu noch häufig anhalten.
Das beobachtet auch der Einzelhändler Heiko Bockstiegel täglich vor seiner Ladentür. Er ärgert sich über den größeren Lärm und die Abgase der Autos. „Grundsätzlich befürworte ich aber die neue Verkehrsführung mit der Einbahnstraßenregelung und die Pläne zur Gestaltung der Straße“, sagt er.
Nur noch eine Fahrspur vor dem Rathaus
Aus seiner Sicht ließen sich die aktuellen Probleme einfach lösen. Vor dem Rathausplatz müsste es in Höhe des Stadtgartens wieder zwei Fahrspuren für Kraftfahrzeuge geben, die entweder geradeaus in Richtung Faldernstraße oder nach rechts in Richtung der Straße Am Delft fahren, sagt Bockstiegel. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da.
Weil es vor dem Rathausplatz nur noch eine Spur für Autos gibt, müssen sie sich Geradeaus-Fahrer und Rechtsabbieger teilen. Beide erhalten also gleichzeitig Grün, wenn die Ampelanlage eingeschaltet ist. Die Rechtsabbieger müssen jedoch auf Fußgänger achten, die den Überweg zwischen dem Ratsdelft und dem Stadtgarten nutzen. Das wiederum verlangt Geduld von den Autofahrern, die geradeaus fahren wollen.
Ohne Ampeln läuft es besser
Die langen Rückstaus, die sich aufgrund dieser Situation nicht nur zu Stoßzeiten bilden, haben zeitweise auch Auswirkungen auf den Knotenpunkt an Agterum. Dort rollt der Verkehr in solchen Fällen auch nicht immer geschmeidig.
Fließender scheint der Verkehr zu sein, wenn die Ampelanlage am Rathausplatz ausgeschaltet ist. Nach Beobachtungen unserer Redaktion war das in den vergangenen Tagen häufiger der Fall - ob gewollt oder ungewollt. Möglicherweise hängt das mit einer Optimierung der Lichtzeichenanlage zusammen, die die Stadt angekündigt hat und die den Verkehrsfluss verbessern soll.
Weniger Durchgangsverkehr bleibt das Ziel
Laut der Pressestelle der Stadt müsse sich die neue Situation in der Neutorstraße ohnehin erst einspielen. Erklärtes Ziel der Kommune bleibt es aber, den Autoverkehr in der Innenstadt zu reduzieren. Wer nicht durch das Stadtzentrum fahren muss, soll künftig auf den Autobahnring ausweichen oder im Nahbereich über die Ringstraße fahren.
Heiko Bockstiegel hat den Wassereimer und den Abzieher schnell wieder zur Seite gelegt und sich wieder auf sein eigentliches Geschäft konzentriert. Er putzt jetzt allenfalls noch Schuhe statt Autoscheiben.
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