Osnabrück  Die Kultur-Kluft: Neue Debatte um Besucherzahlen in Kulturhäusern

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 20.06.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Staatsoper für Alle“: Zuhörer beim Open-Air-Konzert der Staatsoper Berlin. Foto: dpa
„Staatsoper für Alle“: Zuhörer beim Open-Air-Konzert der Staatsoper Berlin. Foto: dpa
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Sind die Besucher nach Corona wieder da? Oder geht die Debatte um Budgets jetzt richtig los? Kulturmacher reagieren verunsichert, Kulturbeobachter raten zum Umsteuern.

Was ist die Kultur-Kluft? Alle wollen Kultur, viel zu Wenige nutzen sie: Der Befund ist bekannt. Sehr viele Menschen finden es gut, dass es öffentlich finanzierte Theater, Museen, Opern, Konzerthäuser und Bibliotheken gibt. Deutlich weniger nutzen sie tatsächlich. An dieser Kultur-Kluft hat sich allerdings in den letzten Jahren kaum etwas geändert.

Das zeigt der „Relevanzmonitor Kultur“, den die Bertelsmann-Stiftung zum ersten Mal aufgelegt hat. „Unsere Studie kommt zur rechten Zeit, weil Verteilungsdebatten um öffentliche Haushalte kommen werden. Dabei wird auch die Frage auftauchen, ob wir Theater noch brauchen“, sagt Studienleiterin Dorothea Gregor.

Laut der Studie finden 82 Prozent der Deutschen, dass Theater, Opern und Museen zur Identität Deutschlands gehören. Aber nur ein Drittel der Befragten war im letzten Jahr in einem Museum, nur jeder Fünfte in einer Theateraufführung, 17 beziehungsweise 12 Prozent in einem Konzert oder einer Opernaufführung.

Die Kritik am Kulturbetrieb: „Wir müssen einfach noch einmal radikal neu denken“, sagt Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss zu dieser Situation. An der von ihr geleiteten Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel richtete sie gerade die Tagung „Tabubruch?! Neue Prioritäten und Wege für eine transformative Kulturpolitik“ aus. Die Hälfte der Bevölkerung nutze das Angebot der Kulturinstitutionen überhaupt nicht, stellt Reinwand-Weiss fest.

„Bildungsferne Schichten und das jüngere Publikum sind kaum vertreten“, beklagt nicht nur sie den Missstand. „Das kann man so einfach nicht länger hinnehmen“, wird auch Birgit Mandel deutlich. Die Professorin für Kulturmanagement an der Universität Hildesheim fügt an: „Die Legitimierung des Kulturbetriebs bröckelt vor allem bei den jungen Leuten“.

Theater im Fokus der Kritik: „Das Sprechtheater der deutschen Bühnen ist eine Minderheitenveranstaltung, die im fiktiven Parlament der deutschen Gesellschaft an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde“, ging bei der Wolfenbütteler Tagung vor allem Kulturexperte Peter Grabowski insbesondere mit den Theatern hart ins Gericht. Die Bühnen seien nicht, was sie für sich in Anspruch nähmen – „Aushandlungsorte der Stadtgesellschaft“. Grabowski kritisierte „Denk- und Sprechverbote“ der Kulturwelt. Jüngere Führungskräfte wollten Theater transformieren. Das werde aber geblockt, meint Birgit Mandel: „Die Strukturen sind sehr festgezurrt“.

Reinwand-Weiss bringt in diesem Kontext das Buch „Kultur-Infarkt“ neu ins Spiel, das 2012 mit seiner Forderung nach einer radikalen Reduzierung des Kulturangebots für eine hitzige Debatte sorgte. Damals sei die Chance verpasst worden, über das öffentliche Kulturangebot noch einmal ganz neu nachzudenken“, moniert Reinwand-Weiss heute.

Wo sind die Chancen? Bei aller Kritik: Die Zahlen des Relevanzmonitors Kultur der Bertelsmann-Stiftung öffnen auch Handlungsspielräume. „Die hohen Zustimmungswerte eröffnen den klassischen Kulturhäusern eine große Chance. Jetzt müssen sie mehr auf ihre Nutzer zugehen. Es geht um neue Allianzen, die helfen, Kultur wieder mehr in den Alltag der Menschen zu bringen“, sieht Dorothea Gregor die Studie als Hilfe bei einem Neuansatz. 

Mit der Studie der Bertelsmann-Stiftung soll nach ihren Worten vor allem die oft hitzig geführte Debatte um Kulturhäuser und ihre Finanzierung mit Zahlen unterlegt und damit versachlicht werden. Ein Fazit steht für Gregor aber jetzt schon fest: „Menschen unter 30 haben Interesse an der Kultur, fühlen sich aber überhaupt nicht abgeholt. Sie haben oft den Eindruck, dass sich das Angebot der Kulturhäuser gar nicht an sie richtet“.

Ebenso wie Dorothea Gregor schlägt auch Birgit Mandel vor, Zielgruppen der Kulturangebote schon dann zu beteiligen, wenn die Programme der Kulturhäuser erstellt werden. Einzelne Kulturinstitutionen machen das bereits. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast etwa hat ausgewählte Besucherinnen und Besucher als „Palastpilot*innen“ berufen, um die neuen digitalen Angebote des Hauses zu planen.

Wo liegt das Problem? Der Kulturbetrieb stellt sich als aufgeklärt, ja, als Spitze der Avantgarde da, ist in Wirklichkeit aber strukturkonservativ: In diese Richtung zielte bei der Tagung in Wolfenbüttel die grundsätzliche Kritik von Peter Grabowski. Er beklagte „systemische Probleme“ der Kulturhäuser. Es komme nicht von ungefähr, dass das Problem des sexuellen Missbrauchs in Kulturhäusern größer sei als in anderen Branchen, beklagte Reinwand-Weiss.

Viele Kulturhäuser sind nach den Voten der Experten zu elitär, bilden die Interessen der „Wohnbevölkerung“ unzureichend ab. Viele Menschen nähmen das Kultursystem weiterhin als zu elitär wahr, so Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss. Dabei sei kulturelle Teilhabe enorm wichtig für „Bildungserfolg und den sozialen Erfolg“.

Was ist das Rezept? Birgit Mandel führt am Beispiel Theater vor, was sich ändern ließe. „Theater produzieren viel zu viel“, bemängelt die Hildesheimer Professorin für Kulturmanagement. Nach ihrer Einschätzung sollten Theater die Zahl ihrer Premieren reduzieren und ihre Zielsetzungen diversifizieren. Ein Haus für ästhetisch anspruchsvolle Premieren, ein anderes für Projekte mit der Stadtgesellschaft – Birgit Mandel könnte sich das vorstellen. „Ein Theater muss vor allem ein guter Gastgeber in der Stadt sein“, sagt sie.

Mandel moniert zugleich Rückstände der Theater. Nach Ergebnissen ihrer Studien sind Bibliotheken und Museen beim Publikum beliebter, haben höhere Auslastungszahlen und oft auch eine bessere Quote bei der Eigenfinanzierung durch Einnahmen über Tickets und Mittel von Sponsoren und Stiftungen. Die Professorin verweist zugleich auf positive Vorbilder im Ausland. Englands Theater müssen eine hohe Eigenfinanzierung nachweisen, um staatlich gefördert werden zu können. In Frankreich legen Kulturhäuser auf Vermittlung hohen Wert. Warum? Der Zugang zu Kultur und Bildung hat im Land der Trikolore Verfassungsrang.

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