Strabag in Ostfriesland Straßenbau-Riese wird 100 und feiert auch in Aurich
Seit 100 Jahren gibt es den Baukonzern Strabag, seit etwa 75 Jahren in Ostfriesland. Schlaglichter auf spannende Projekte, dunkle Kapitel und die Entwicklung im Nordwesten.
Aurich - Am Rande des Gewerbegebiets in Aurich-Popens, im Schatten der Discounter und Baustoffhändler, weht an diesem Dienstag der Duft gegrillter Bratwurst. Etwa 80 Leute bedienen sich an einem Grillbuffet, löffeln sich beispielsweise Kartoffelsalat auf Teller. Es ist ein kleines Fest, nichts, was groß Aufsehen erregen würde, nichts, das nach außen wirken soll. Es sind Mitarbeiter der Auricher Niederlassung des Bau-Riesen Strabag, die zu einer kleinen internen Feier zusammengekommen sind. Es gibt immerhin einen historischen Anlass: das 100-jährige Bestehen des Firmennamens Strabag.
Der steht für ein Unternehmen, das so viel größer ist als der Standort in Aurich. Der ist als kleines Teil im großen Puzzle erst später hinzugekommen und zählt seit etwa 22 Jahren zum Firmengeflecht. Der inzwischen von Wien aus geführte Konzern ist nach Hochtief bundesweit das Bauunternehmen mit dem zweitgrößten Umsatz und – zusammen mit dem Schwesterunternehmen Züblin – den meisten Mitarbeitern. Weltweit sind es knapp 74.000, die Hälfte davon in Deutschland, 85 davon in Aurich als einem von rund 200 Standorten.
Vorgeschichte startete mit zwei Straßenwalzen im 19. Jahrhundert
„Das 100-jährige Bestehen ist fürs Unternehmen natürlich schon ein besonderer Anlass, weil es auch eine riesige Entwicklung und Geschichte zeigt“, sagt der technische Bereichsleiter für die Region Weser-Ems, zu der auch der Auricher Standort gehört, Hilko Kruse-Edenhuizen. Genau genommen ist es in einem vielschichtigen Konzerngeflecht mit verschieden langen Wurzeln vor allem der bundesweit bekannte Name Strabag, der am 20. Juni 1923 festgeschrieben wurde. Damals wurde aus der 1895 in Niederlahnstein bei Koblenz gegründeten Straßenwalzenbetrieb H. Reifenrath GmbH die Straßenbau-Actien-Gesellschaft Niederlahnstein, abgekürzt: Strabag.
Firmengründer Heinrich Reifenrath hatte 1866 mit einem Geschäftspartner zunächst ein Eisenwerk in Herborn (Hessen) gegründet, in dem er Metallkonstruktionen, aber auch Landmaschinen herstellte. Ende des 19. Jahrhunderts hatte er sich Straßenbauwalzen angeschafft, die er verlieh, ab 1895 im 80 Kilometer entfernten Niederlahnstein. Der Zweig prosperierte, das Geschäft breitete sich auch räumlich aus, so dass die Strabag-Gründung folgerichtig war. 1929 hatte das Unternehmen schon 1400 Mitarbeiter, und es wuchs.
Seit etwa 75 Jahren in Ostfriesland und lange in Leer
Bis nach Ostfriesland kam Strabag erst nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem der Konzern mit besten Kontakten nach Berlin vom durch die Nationalsozialisten beauftragten Autobahn- und Flugzeugbau profitiert hatte, Zufahrtsstraßen und Landebahnen sowie für die „Organisation Todt“ Bunker und Bollwerke für den West- und Atlantikwall in besetzten Gebieten errichtet hatte. Auch Zwangsarbeiter wurden eingesetzt. Diesem dunklen Kapitel der eigenen Geschichte hat der Konzern sich nach eigenen Angaben „später intensiv gestellt“ und es selbstkritisch aufgearbeitet.
Nach Ostfriesland kam der Konzern kurz nach dem Krieg, Ende der 1940er Jahre, siedelte sich in ein paar kleinen Baracken an der Sägemühlenstraße unweit vom Leeraner Industriehafen an, sagt Kruse-Edenhuizen. Etwa 20 Jahre später zog Strabag in Leer um an den Schleusenweg, blieb dort gute 30 Jahre. „Von dort aus wurde das Flächengeschäft bedient“, sagt er. So heißen im Branchensprech die örtlich oder regional bedeutsamen Straßenbauprojekte. Bundesweit hielt Strabag im Jahr 2021 einen Anteil von 15 Prozent an den Straßenbauarbeiten in Deutschland. Größere Projekte von Strabag in der Region, etwa der Bau des Ölterminals in Wilhelmshaven Ende der 1950er Jahre oder auch in jüngerer Vergangenheit die Beteiligung am Bau des Jade-Weser-Ports dort, entfielen auf andere Geschäftsfelder, nicht zuletzt den Wasserbau. 2001 übernahm die Strabag – seit Ende der 1990er Jahre in österreichischer Hand – den vorherigen Standort des Mitbewerbers Helmus in Aurich, einer Hochtief-Tochter. Das Unternehmen schloss daraufhin seine Niederlassung in Leer, „weil Aurich einfach zentraler liegt für das Gebiet, um das wir uns kümmern: Ostfriesland“, sagt Kruse-Edenhuizen.
Aktuell zwei größere Projekte in Aurich
Während Spezialkollegen im Bautechnologiekonzern zuletzt das Mega-Projekt der Bahnstreckenverlegung in Sande (Friesland) für den besseren Anschluss des Jade-Weser-Ports gewuppt haben, waren Kruse-Edenhuizens Kollegen etwa am Bau des Busbahnhofs in Leer beteiligt, haben vor etwa zehn Jahren die neue Promenade auf Borkum verwirklicht, auch immer wieder Straßenbau- und Pflasterarbeiten auf den riesigen Firmengeländen des Auricher Windkraftanlagenherstellers Enercon erledigt. Sie sanieren aktuell die Fußgängerzone in Aurich und die Fockenbollwerkstraße in der Kreisstadt.
Am Bau eines großen Umspannwerks in Wilhelmshaven ist der Auricher Standort ebenfalls beteiligt. „Auch wenn wir ein Konzern sind, arbeiten bei uns Leute aus der Region für die Region. Leute, die stolz durch Aurich gehen, wenn die Fußgängerzone fertig ist. Leute, die Platt sprechen. Auch wenn wir Teil einer riesigen Einheit sind, kommen bei uns diejenigen, die die Arbeiten erledigen, von vor Ort und sind keine Subunternehmer-Kolonnen“, sagt Kruse-Edenhuizen.
Klimawandel verschlechtert Straßenzustände zusätzlich
Und wie geht es weiter? „Gerade hier, wo viele Straßen auf moorigen Grund verlaufen, spürt man den Klimawandel und die Trockenheit der vorigen Jahre umso deutlicher, weil Torfboden sich zersetzt hat und abgesackt ist, was auch an den Straßen spürbar ist“, sagt Kruse-Edenhuizen.
„Auch durch Überrollung, weil die Zahl der Fahrzeuge massiv gewachsen ist und zu viel Verkehr über die Fahrbahnen unterwegs ist, werden Straßen und Brücken zunehmend sanierungsbedürftiger. Zugleich fehlt gerade auf Landesebene, aber auch in den Kommunen, häufiger das Geld zur Finanzierung, auch durch die Kostensteigerungen. Das ist für Baufirmen wie uns ein herausforderndes Feld“, sagt Kruse-Edenhuizen. „Das gilt auch dafür, gute Fachkräfte zu finden, denn durch digitale Prozesse und größeren Maschineneinsatz ist Straßenbau komplexer geworden“, fügt er an.
IHK will schnellere Umsetzung von Projekten
Wenn es nach der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg geht, besteht bei Straßen- und Gleisausbau weiter großer Druck, in Ostfriesland weiterzukommen. „Wir brauchen endlich mehr Tempo bei der Planung und Umsetzung von Infrastrukturprojekten in Ostfriesland“, forderte kürzlich IHK-Präsident Dr. Bernhard Brons erneut. Sonst drohe, dass die wirtschaftliche Weiterentwicklung der Region ausgebremst wird. Wenn Verkehrsverbindungen nicht funktionierten, schrecke das ansiedlungswillige Firmen ab und könne schlimmstenfalls dazu führen, dass Unternehmen sich aus der Region verabschieden. „So viel sich über die Jahrzehnte verändert hat“, sagt Kruse-Edenhuizen, „Arbeitsanlässe haben wir weiterhin genug“.