Berlin Burghart Klaußner: Politische Korrektheit geht zu weit
Was denkt der Schauspieler Burghart Klaußner über Theaterskandale, Nacktheit auf der Bühne und MeToo? Wir fragen nach, in einem Interview, das kein Tabu auslässt.
Burghart Klaußner war auf der Leinwand schon ein Pastor, ein Minister und ein Staatsanwalt. Im Beziehungsfilm „Die Unschärferelation der Liebe“ spielt er nun einen Metzger, der ein fast mönchisches Leben führt. Bis eine Frau in sein Leben tritt. Wie offen oder zurückgezogen lebt Klaußner eigentlich selbst? Im Interview gibt er Auskunft.
Frage: Herr Klaußner, Ihr Name ist ein anderes Wort für Einsiedler. Hat Sie das geprägt?
Antwort: Es gibt sogar eine Familienlegende dazu. Demnach gehen wir Klaußners auf einen Einsiedler-Abt zurück, der eine Nonne gestohlen hat. Und dieser merkwürdige Zusammenhang von Religion und Eremitentum prägt mich wirklich: Ich bin gut und gern allein, wenn auch nicht immer. Gerade habe ich ein Kloster besichtigt. Was da zu leben versucht wird, spricht mich an: die klösterliche Bescheidenheit, die Versenkung, die Einsamkeit. Wie unser Urahn Abt eines Klosters und gleichzeitig Einsiedler sein konnte, habe ich allerdings nie verstanden.
Frage: War er als Einsiedler womöglich ein Hochstapler? Eine Familie gründen kann man in der Einsamkeit ja auch nicht. Und was muss man sich überhaupt unter dem Diebstahl einer Nonne vorstellen?
Antwort: Ich hoffe, die beiden sind nur miteinander durchgebrannt. Widersprüche dieser Art gehören natürlich untrennbar zur Religion und zum geistlichen Leben. Dass im Mittelalter viele Hallodris unterwegs waren, ist ja klar. Als historische Legende ist das amüsant. Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche erleben wir die unrühmlichen Folgen. Da ist es dann haarsträubend und schrecklich, und offenbar wird es nicht mal richtig aufgearbeitet.
Sehen Sie hier den Trailer zu Klaußners „Unschärferelation der Liebe“:
Frage: Ihre Figur im aktuellen Film hat auch etwas Mönchisches: ein Metzger, der sein gesamtes Leben am selben Ort verbringt. Ist das für jemanden wie Sie, der viel rumkommt, ein reizvoller Gegenentwurf?
Antwort: Absolut. Meine Figur lebt wie ein Bauer in Berlin. Das Bäuerliche liegt mir auch in den Genen. Mit dem großstädtischen Tun hat er viel weniger am Hut als mit den einfachen Dingen. Er folgt strikten Routinen und gibt seinem Leben damit eine große Konzentration. Sein Alltag ist beinahe klösterlich; wahrscheinlich heißt die Figur nicht ohne Grund Kirchner.
Frage: Der „Tagesspiegel“ hat recherchiert, dass Ihre Bühnenkarriere mit sechs Nacktauftritten begann. Warum wurde in den 70ern so viel nackt gespielt? War das nicht erst das Markenzeichen der 90er?
Antwort: Das gehörte zur Rebellion und zur Erneuerungsenergie. Die Nacktheit ist die radikalste Aussage, die man auf der Bühne machen kann. Übertreffen kann man das vielleicht nur mit der Realität eines Mordes oder Geschlechtsakts. Erleben wollen wir so etwas freilich nicht unbedingt. Natürlich wurde auch wirklich schon mal auf einer Bühne gevögelt. Das ist eine Ausnahme. Aber die Nacktheit, als ursprünglichste, kreativste und kreatürlichste Äußerung des Selbst, die sucht eine Schauspielerin oder ein Schauspieler immer wieder mal.
Frage: Was war damals Ihr Anliegen?
Antwort: Das erste Mal nackt war ich in George Taboris „Pinkville“ – aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Es ging um das Massaker von My Lai; Sie haben das Foto des fliehenden nackten Mädchens sicher vor Augen. Wir haben uns am Ende alle ausgezogen und gesagt: Dann verbrennt uns doch auch.
Frage: Hatten Sie die Zuschauer auf Ihrer Seite oder haben die Abonnenten Türen knallend das Haus verlassen?
Antwort: Es gibt immer beides. Aber inzwischen tendiert das Protestpotenzial des Publikums gegen Null; die sind einfach alles gewohnt. Richtige Skandale sind selten. Der letzte, an den ich mich erinnere, war Jürgen Goschs Düsseldorfer Macbeth-Inszenierung, wo alle nackt waren und dann auch noch mit Mousse au Chocolat – wie soll ich es sagen – Scheiße simuliert wurde. Da war die Empörung noch mal groß; aber das ist auch schon wieder fast 20 Jahre her. Ich habe wirklich lange keinen Theaterskandal mehr erlebt. Wird mal wieder Zeit?
Frage: So schwer kann es doch nicht sein. Im Moment reicht es doch schon, wenn ein Schauspieler, der nicht wirklich behindert ist, sich einen Buckel umschnallt.
Antwort: Mit diesen Vorwürfen sind wir jeden Tag konfrontiert. Was immer wir tun, wird als politisch unkorrekt aufgefasst. Unsere Sprache wird kontrolliert. Selbst in historischen Werken soll Kontrolle ausgeübt werden. Das N-Wort heißt N-Wort und jeder soll verstehen, was gemeint ist. Ich wurde selbst schon in der Rolle eines Behinderten angefeindet – obwohl wir da ja gerade die Geschichten erzählen, die sonst nicht erzählt werden.
Frage: Theater schreiben heute Trigger-Warnungen in den Spielplan, wenn es im Stück um sexuelle Gewalt oder um Suizid geht. Einzelnen Zuschauern hilft das vielleicht. Trotzdem die Frage: Erlauben wir der Kunst keine Zumutung mehr?
Antwort: Das sehe ich ähnlich. Das Theater ist dazu da, zu konfrontieren. Wenn das nicht mehr erlaubt ist, kann ich gleich zu Hause bleiben. Ich muss nicht wie ein Kind durch die Theaterwelt geführt werden, damit weder ein Gedanke noch ein Gefühl aufkommt. Das geht einfach zu weit.
Frage: Was war denn die letzte Rolle, in der Sie nackt auf der Bühne waren?
Antwort: Da muss ich überlegen … 2012 hatte ich im Film „Invasion“ eine Beischlafszene, in der ich durchaus nackt bin. Aber so explizit wie Sandra Hüller in „Toni Erdmann“ – das hatte ich wirklich lange nicht mehr.
Frage: Wächst Ihre Scham mit dem Alter oder nimmt sie eher ab?
Antwort: Natürlich wird man schamhafter. Der Körper ist ja nicht mehr von Michelangelo geformt. Aber dennoch muss ich die Frage klar so beantworten: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, trete ich auch weiterhin nackt auf. Es gibt allerdings Ausnahmen: Zum letzten Mal war ich auf einer Probe nackt; und das war eine Art Übergriff der Regisseurin, die mich damit demütigen wollte. Dieser Moment gehört zu den unschönsten Erfahrungen in meinem Leben: Man kann MeToo auch durch Frauen erfahren und mir ist es passiert.
Frage: Wollen Sie das in zwei Sätzen noch weiter ausführen?
Antwort: Damit möchte ich es bewenden lassen.
Frage: Bei Ihrem aktuellen Film firmieren Sie als „Creative Producer“; den Begriff kannte ich noch gar nicht.
Antwort: Ich auch nicht; das heißt nur, dass ich das Projekt einem Produzenten und einem Regisseur und einer Schauspielerin vorgeschlagen hatte. Und vor alledem auch schon dem Düsseldorfer Theater, in dem Caroline Peters und ich das zugrundeliegende Stück von Simon Stephens in der deutschen Erstaufführung gespielt haben. Um die Finanzierung haben sich zum Glück andere gekümmert.
Frage: Wie man liest, haben Sie für den Film in New York ohne Genehmigung gedreht – bis die Cops kamen?
Antwort: Es war eigentlich nur einer, der sehr freundlich nach der Erlaubnis gefragt hat. Wir: Ja, die haben wir nicht. Er: Ja, aber dann müssten Sie doch jetzt eigentlich gehen. Wir: Ja, da haben Sie recht, dann müssen wir das wohl. Mit diesen Worten gingen wir dann auch. Wir hatten aber schon gedreht und zum Glück war die erste und einzige Aufnahme gelungen.
Antwort: Es ist kein Wunder, dass man da nicht drehen darf. Es war einer der schönsten Orte in New Jersey, von dem aus man den besten Blick auf Manhattan hat. Ohne Gegenwehr der Anwohner stünden da Tag und Nacht Kamerateams.
Frage: Mich wundert, dass Sie Ihr Material behalten durften.
Antwort: Vielleicht der großen Freundlichkeit der Amerikaner geschuldet. Die sind ja ganz anders drauf als Deutsche.
Frage: Ist Drehen ohne Erlaubnis Ihr einziges Schauspielverbrechen oder begehen Sie auch andere Sünden? Antworten Sie „Danke“ auf ein „Toi toi toi“? Pfeifen Sie im Theater?
Antwort: Ich mache nichts davon; Schauspieler pflegen einen tollen Katalog an Aberglauben. Man trägt keinen privaten Hut auf der Bühne. Man isst nicht privat auf der Bühne. Und natürlich pfeift man nicht – was von den alten Gaslampen an der Rampe kommt. Wenn man das Gas pfeifen hörte, drohte ein Theaterbrand.
Antwort: Es gibt auch positive Rituale. Man küsst die Bretter eines neuen Theaters. Und im Burgtheater darf man hinter der Bühne auch „Endlich!“ sagen, wenn man da spielt. Das Theater ist eine zweite Welt, unsere eigentliche Heimat, ein Haus im Dunkeln, ein Geburtskanal, eine Presswehe. Da gelten eigene Regeln.
Frage: Klauen Sie Andenken aus der Kulisse?
Antwort: Um Himmels willen, die würden doch bei der nächsten Aufführung fehlen. Aber natürlich haben wir bei der „Unschärferelation der Liebe“ Würstchen aus der Metzger-Theke gegessen. Nach Drehschluss von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ habe ich mir auch ein Päckchen filterlose Roth-Händle mitgenommen. Nach dem hat mich inzwischen schon ein Museum gefragt. Die kleinen Ikonen einer Rolle steckt man ein. Das muss man sogar.
Frage: Ihre Eltern haben die Berliner Gastwirtschaft „Der Klaußner“ betrieben, die Promis und Künstler angezogen haben soll. Haben Sie hier die Vorbilder für Ihren eigenen Weg kennengelernt?
Antwort: Nicht mal ansatzweise. Das Lokal bestand nur etwa bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr. Ab und an durften wir ein Eis bestellen oder ein Schnitzel; aber sonst hatten wir Kinder in diesem vornehmen Ambiente nichts zu suchen. „Der Klaußner“ hatte eine gewisse Tradition. Das Geschäft existierte seit 1875; mein Urgroßvater hatte das Pilsner Urquell in Deutschland eingeführt; und nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Berlin eine bürgerliche Schicht, die sich Automobile und Dienstpersonal leisten konnte und im Klaußner verkehrte.
Antwort: Mit dem Durst dieser Berliner und Berlinerinnen konnte man im Kaiserreich recht vermögend werden. In meiner Kindheit in den 50ern war das nicht mehr ganz so; aber die Tradition des altdeutschen Biertrinkertums gab es noch – und in mir entstand der Wunsch, etwas ganz Anderes zu machen.
Frage: Was gab Ihnen dann den Impuls zur Schauspielerei?
Antwort: Das Radio. Ich habe mit Begeisterung Kabarett gehört: die Insulaner, die Stachelschweine, die Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Relativ früh hatte ich ein Tonbandgerät, habe mitgeschnitten, ganze Programme auswendig gelernt und mich selbst aufgenommen. Mit 13, 14 Jahren habe ich meine eigene Aufnahme von Borcherts „Draußen vor der Tür“ produziert. Das haben Freunde meiner Eltern gehört und mir eine Karriere als Intendant vorausgesagt.
Frage: Welche Menschen haben Sie geprägt?
Antwort: Ich hatte einen ganz tollen Pfarrer, einen Kriegsversehrten aus Königsberg: Pfarrer Anton. Das mit der Religion hat sich dann für mich aber als nicht haltbar herausgestellt. Wichtig war auch mein Deutschlehrer Betz. Auch ein Kriegsversehrter. Das muss man sich mal vorstellen. Der eine hatte ein Glasauge, der andere nur noch ein Bein. Damals waren noch reichlich Wunden zu besichtigen, und wir fanden das normal. Dazu kamen die vielen Negativbeispiele von schlimmen Altnazis, die sich an den Kindern ausließen und Sadisten waren. Solche furchtbaren Typen prägten uns auch.
Frage: Letzte Frage: Macht es Spaß, Burghart Klaußner zu sein?
Antwort: Das ist ja fast unverschämt! Wie antworte ich da? Vielleicht so: Es macht auch und meistens Spaß.