Historische Fundstücke  Ihlower erhalten Grüße aus dem Ersten Weltkrieg

| | 20.06.2023 19:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Einen Schatz nennen sie den Fund der etwa 200 Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg: von rechts Hans-Jürgen Rector, Gertrud de Witt-Windorf und der Ihlower Bürgermeister Arno Ulrichs (parteilos). Foto: Böning
Einen Schatz nennen sie den Fund der etwa 200 Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg: von rechts Hans-Jürgen Rector, Gertrud de Witt-Windorf und der Ihlower Bürgermeister Arno Ulrichs (parteilos). Foto: Böning
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Etwa 200 Briefe von der Front aus dem Ersten Weltkrieg wurden auf dem Dachboden der Geschwister Badberg in Ludwigsdorf gefunden. Jetzt soll die Geschichte ihrer Schreiber erzählt werden.

Ihlowerfehn/Ludwigsdorf - Fein säuberlich breitet Gertrud de Witt-Windorf, Vorsitzende des Kirchenvorstands der evangelischen Kirchengemeinde Ihlow, einen Teil der Kostbarkeiten aus, den sie an diesem Tag der Presse präsentieren möchte. Es sind etwa 200 Feldpostbriefe und -karten, die während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 von der Front an den evangelischen Pastor Johann Onnen geschickt wurden. Er war von 1913 bis 1954 in der Kirchengemeinde Ihlowerfehn im Dienst und damit für die Orte Ihlowerfehn und Ludwigsdorf zuständig.

Was und warum

Darum geht es: In Ludwigsdorf wurden 200 Feldpostbriefe und -karten auf dem Dachboden der Geschwister Helmut und Johanne Badberg gefunden.

Vor allem interessant für: Freunde historischer Fundstücke und alle, deren Vorfahren während des Ersten Weltkriegs in Ihlowerfehn oder Ludwigsdorf lebten

Deshalb berichten wir: Die Gemeinde Ihlow hatte eingeladen, weil ein Recherche-Team die Geschichte der Soldaten aufbereiten möchte und um Mithilfe bittet.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Als nicht weniger als einen Schatz bezeichnet das Team diesen Fund, das die Geschichte dieser Briefe und der Soldaten aufbereiten möchte. Neben de Witt-Windorf gehören dazu seit März Onno Ringering, ebenfalls vom Kirchenvorstand, Hans-Jürgen Rector von der Upstalsboom-Gesellschaft und der Ihlower Bürgermeister Arno Ulrichs (parteilos).

Eine Ausstellung ist geplant

Sie wollen die Geschichte der Briefe mit historischen Unterlagen, Bildern und Erinnerungen noch lebender Familienmitglieder anreichern und so vom Leben der Soldaten erzählen. „Ihnen ein Gesicht geben“, nennt es de Witt-Windorf. Eines der Ziele dieser Recherche ist eine Ausstellung mit dem zusammengetragenen Wissen am Volkstrauertag.

Hans-Jürgen Rector zeigt eine spätere Ausgabe des Ostfriesischen Sonntagsboten, den Pastor Johann Onnen an die Soldaten an der Front schickte – als Gruß aus der Heimat. Foto: Böning
Hans-Jürgen Rector zeigt eine spätere Ausgabe des Ostfriesischen Sonntagsboten, den Pastor Johann Onnen an die Soldaten an der Front schickte – als Gruß aus der Heimat. Foto: Böning

Dank zahlreicher Quellen sei es leicht, den Soldaten Regimenter zuzuordnen, sagt Hans-Jürgen Rector. Auch ob die meist jungen Männer den Krieg überhaupt überlebt hätten, sei leicht herauszufinden. Bei der Suche nach Nachfahren war das Team bereits bei einigen Soldaten erfolgreich.

Drei Karten vom Großvater

An dieser Stelle schluckt Gertrud de Witt-Windorf. Ihre Augen werden glasig und sie kann kaum weitersprechen. Auch sie hat einen Gruß aus der Vergangenheit erhalten. Ihr Großvater Garrelt de Witt war ebenfalls unter den Feldpost-Schreibern. Kenngelernt hatte sie ihn nie. „Er wurde im Krieg von einem Granatsplitter getroffen. Er hat lange in Hannover im Militärhospital gelegen und sich nie wieder davon erholt“, sagt sie, als sie sich wieder gefasst hat. Als ihr Opa 1934 starb, war ihr Vater gerade einmal neun Jahre alt.

Dies ist einer der Briefe von Harm Mouson – er hatte die schönste Schrift und oft an Johann Onnen geschrieben. Foto: Böning
Dies ist einer der Briefe von Harm Mouson – er hatte die schönste Schrift und oft an Johann Onnen geschrieben. Foto: Böning

Drei Karten hatte Garrelt de Witt an den Pastor geschickt, der die Soldaten regelmäßig mit dem Ostfriesischen Sonntagsboten versorgte – einer wöchentlich erscheinenden Zeitung für das Ostfriesische Rettungshaus in Großefehn. Darin waren ebenfalls Familienanzeigen abgedruckt. Mit der Zeitung schickte Johann Onnen also ein Stück Heimat in den Krieg – und manchmal zusätzlich ein Paket.

Die gut erhaltene Feldpost wurde digitalisiert

„In den meisten Schreiben bedanken sich die Soldaten für ein Paket oder die Zeitung“, sagt de Witt-Windorf. Aber es gibt auch diese anderen Briefe, in denen sie etwas mehr schreiben. Solche, die ihr ebenso zu Herzen gehen, wie die Post ihres Großvaters. Darunter einer der sechs ausgewählten Feldpost-Schreiber, deren Geschichte das Team detailliert aufbereiten möchte: Harm Raveling. „Er äußerte schon 1914 seine Friedenshoffnung“, sagt de Witt-Windorf: „Er schrieb, das könne ja nicht so weitergehen.“ Da hatten die Soldaten noch vier Jahre Kriegsdienst vor sich.

Der Pastor Johann Onnen aus Ihlowerfehn trug als junger Mann selbst Uniform. Foto: Rector
Der Pastor Johann Onnen aus Ihlowerfehn trug als junger Mann selbst Uniform. Foto: Rector

„Vor allem am Anfang des Krieges, als die Zensur noch nicht so streng war, gaben die Schreiber noch mehr preis“, sagt Hans-Jürgen Rector. Er hat all die gut erhaltenen Postkarten und Briefe digitalisiert. Es ist Phänomen: Die meisten sehen aus, als wären sie frisch eingegangen oder mit einem Bügeleisen geglättet worden. Kaum einen Knick weisen sie auf. Wären sie nicht in Sütterlin, der altdeutschen Schrift, geschrieben und das Papier leicht vergilbt, würde man ihnen die mehr als 100 Jahre nicht anmerken.

Es soll ein digitales Archiv geben

Gefunden hatte diesen Schatz Bürgermeister Arno Ulrichs. Er nennt ihn Dachboden-Fund. Tatsächlich durfte er im ehemaligen Arbeitszimmer unter dem Dach der Geschwister Helmut und Johanne Badberg in Ludwigsdorf nach historischen Schätzen stöbern. Helmut Badberg ist selbst leidenschaftlicher Sammler historischer Unterlagen. Diese Sammlung von Weltkriegs-Post ist nur eine der Kostbarkeiten, die Ulrichs dort entdeckt hat.

Was mit den Funden passieren soll, ist bereits grob geplant. Die Gemeinde möchte laut Ulrichs für die einzelnen Ortschaften digitale Archive anlegen. „Damit solche historischen Fundstücke nicht verlorengehen, sondern von allen eingesehen und genutzt werden können“, sagt er. Die Feldpost sei ein gutes und überschaubares Projekt, um damit zu starten.

Nachfahren, Erinnerungen und Dokumente werden gesucht

Zu den ausgewählten Soldaten für die tiefere Recherche gehören neben Harm Raveling auch die drei Söhne der Familie Buss: Folkert und Gerhard starben im Krieg, nur Johann Buss kam zurück und wurde später Lehrer, so das Recherche-Team. Auch Harm Mouson ist dabei – er nahm am Krieg vom Wasser aus teil und war Matrose auf der „Westfalen“, eines von vier Großlinienschiffen der Kaiserlichen Marine.

Weitere, die wegen der vielen Briefe, der lesbaren Schrift und des besonderen Einsatzortes ausgewählt wurden, sind Jürgen Schmidt und Hippe Janssen – beide aus Ludwigsdorf. Wer Erinnerungen, Dokumente oder Bilder beisteuern möchte oder andere wichtige historische Unterlagen hat, die nicht verloren gehen sollen, kann sich an die Gemeinde Ihlow werden.

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