Bad Segeberg Mythos Karl-May-Spiele: Was Sie noch nicht über Winnetou wussten
Am Wochenende liegt der Wilde Westen wieder mitten in Schleswig-Holstein. Dann starten die Karl-May-Spiele am Kalkberg in ihre 70. Saison. Alles, was Sie zum Jubiläum über „Winnetou I - Blutsbrüder“ wissen sollten.
Zum Jubiläum steht DER Klassiker auf dem Programm. Am Sonnabend, 24. Juni, starten die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg in ihre 70. Saison. Erstmals unter der Regie von Nicolas König feiert „Winnetou I - Blutsbrüder“ Premiere am Kalkberg.
Keinen Helden aus den Geschichten Karl Mays umgibt eine derart mystische Aura wie den Häuptling aller Apachen. Generationen wurden und werden mit Winnetou groß, trotz oder vielleicht gerade wegen der zuletzt wiederholt geführten Debatte um kulturelle Aneignung. In Bad Segeberg gibt es jedenfalls noch viel Spannendes und auch Kurioses über diese faszinierendste aller Wildwest-Figuren zu erfahren. Wussten Sie eigentlich, dass...?
Am 16. August 1952 wurden die allerersten Karl-May-Spiele eröffnet. Auf dem Spielplan damals: natürlich Winnetou. Allerdings hielt sich das Stück nur bedingt an die literarische Vorgabe. „In den Anfangsjahren kam eine Mischung aus Winnetou I und Winnetou III zur Aufführung“, erklärt Kalkberg-Sprecher Michael Stamp, der als ausgewiesener Karl-May-Experte seit nunmehr 25 Jahren in Bad Segeberg für die Textbücher zuständig ist. „Das hieß also, dass Winnetou am Ende starb.“
Der erste Winnetou am Kalkberg war der Lübecker Hans-Jürgen Stumpf. Er stellte einen bis heute gültigen Rekord auf. „Die damals 15 Vorstellungen besuchten insgesamt 98.400 Zuschauer“, weiß Michael Stamp. „Das entspricht einem Zuschauersch
nitt von etwas über 6500. Das ist bis heute unerreicht, auch wenn wir zuletzt nah dran waren.“ Das Budget der Spiele 1952 betrug 25.000 Mark, die Summe kam aus den Erträgen der Führungen durch die Kalkberg-Höhlen zustande. Zum Vergleich: Der Etat für die aktuelle Saison mit 72 Aufführungen liegt bei 6,2 Millionen Euro.
Um den unangefochtenen Kalkberg-Star der 1960er-Jahre rankt sich eine ganz besondere Geschichte. Heinz-Ingo Hilgers spielte den Winnetou dort erstmals 1961. Das machte er so gut, dass er für die Rolle des Apachen-Häuptlings in den geplanten Karl-May-Verfilmungen gehandelt wurde. Doch dazu kam es nie.
In Bad Segeberg erzählt man sich, dass eines Tages ein Brief für Hilgers im Rathaus landete. Der Inhalt: eine Einladung zum Film-Winnetou-Casting. Weil die Stadtoberen aber auf keinen Fall auf „ihren“ Winnetou verzichten wollten, „versendete“ sich der Brief sprichwörtlich zwischen den Abteilungen. Die Filmrolle ging schließlich an einen Schauspieler namens Pierre Brice ...
Der Franzose sollte später noch seinen großen Auftritt in Bad Segeberg haben, doch zuvor hießen die Winnetous unter anderem Thomas Schüler (der Österreicher spielte stets mit freiem Oberkörper) oder Klaus-Hagen Latwesen. Er war zwischen 1981 und 1987 nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Buchautor, Regisseur und Intendant. Auf Latwesen folgte Pierre Brice. Und mit ihm hielt wieder eine äußerst freie Interpretation des Werks von Karl May in Bad Segeberg Einzug.
Zwischen 1988 und 1991 war Pierre Brice nicht nur der Winnetou am Kalkberg, auch die Textbücher stammten aus seiner Feder. Die Inszenierung von „Winnetou, der Apache“ durch Filmregisseur Sergiu Nicolaescu setzte 1988 Maßstäbe, obwohl oder gerade weil sie sich eher den erfolgreichen Verfilmungen als den Karl-May-Originalen verpflichtet fühlte. Die Aufführung von „Der Schatz im Silbersee“ im Jahr darauf war im Grunde eine Adaption des Pierre-Brice-Stücks „Das Geheimnis des Feuerbergs“. Lediglich ein paar Namen und Szenen wurden dramaturgisch angepasst. Allein „Winnetous letzter Kampf“ hielt sich 1990 eng an „Winnetou III“, das dramatische Finale der Trilogie.
Dafür setzte sich Pierre Brice in seinem letzten Jahr am Kalkberg selbst ein Denkmal. „Winnetou, das Vermächtnis“ war eine Art „Best-of“ der drei vorangegangenen Inszenierungen. Der publikumswirksame Clou: Die einzelnen Episoden der Aufführung wurden von Ralf Wolter anmoderiert. Der Hamburger hatte es durch seine Rolle als Sam Hawkens in den Karl-May-Verfilmungen zu dem gebracht, was man heute einen „Kult-Schauspieler“ nennen würde. Die Redewendung „Wenn ich mich nicht irre...“ wurde zum Markenzeichen. Diese Popularität machte man sich nun am Kalkberg zunutze.
Das künstlerische Fazit unter die Ära Pierre Brice mag darum geteilt ausfallen, wirtschaftlich war seine Verpflichtung ohne Frage ein Erfolg.
Apropos Erfolg: Rund 13 Millionen Zuschauer beklatschten die insgesamt 14 Winnetous seit dem ersten Ritt von Hans-Jürgen Stumpf 1952. Nur zweimal musste ein Kollege für den etatmäßigen Häuptling aller Apachen einspringen. 1966 vertrat Erich-Ernst Buder zum Ende der Spielzeit den verletzten Heinz-Ingo Hilgers. 2022 saß Sascha Hödl zwischenzeitlich für Alexander Klaws auf dem schwarzen Hengst Iltschi – den aktuellen Winnetou hatte das Corona-Virus aus dem Sattel gehauen.
So viel zu den Bad Segeberger Winnetous. Aber nein, einen gäbe es da noch. Oder besser: eine. 1978 kamen die Kalkberg-Macher auf die Idee, mit der Inszenierung „Karl May für Kinder“ noch mehr Familien für die Spiele zu begeistern. Unter den knapp 200 Bewerbern für die Rolle des Winnetou fiel die Wahl auf Linda Lim aus Wahlstedt. Die damals Neunjährige setzte sich gegen ihre fast ausnahmslos männlichen Mitbewerber für die Hauptrolle durch und ritt zwei Jahre lang – auf einem Pony – über die Freilichtbühne. Einen Kinder-Karl-May gibt es heute nicht mehr, aber die Stücke für die Spielzeiten 2023 und 2024 sind die gleichen wie zur Zeit von Linda Lim 1978 und 1979: Winnetou I und Winnetou II.
Mehr Informationen und Tickets unter karl-may-spiele.de.