Brüssel  Luftwaffengeneral Karsten Stoye aus Osnabrück: Wie der Ukraine-Krieg Flugreisen teurer macht

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 23.06.2023 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die größte Verlegeübung der Luftwaffe Air-Defender 23 geht zu Ende. Foto: afp/Rainer Krüger
Die größte Verlegeübung der Luftwaffe Air-Defender 23 geht zu Ende. Foto: afp/Rainer Krüger
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Trotz großräumiger Luftraumsperrungen hat Air Defender 23 den zivilen Luftverkehr kaum beeinträchtigt. Karsten Stoye von Eurocontrol erklärt, wie das klappen konnte und warum der Himmel über Europa in Zukunft deutlich voller wird.

Die größte Verlegeübung der Luftwaffe mit internationaler Beteiligung geht zu Ende. Über fast zwei Wochen probten Flugzeuge aus 25 Nationen einen Bündnisfall nach Artikel 5 der Nato-Verträge. Das bedeutet einen Großeinsatz für Karsten Stoye.

Der Osnabrücker Generalmajor leitet bei der Europäischen Luftsicherungsbehörde Eurocontrol die Koordination zwischen militärischer und ziviler Luftfahrt. Zudem ist er ein erfahrener Kampfpilot, der in Jugoslawien und Afghanistan eingesetzt wurde. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, wie Air Defender geplant wurde und warum der Himmel über Europa in Zukunft deutlich voller werden könnte.

Frage: Herr Stoye, die große Übung Air Defender 23 geht zu Ende. Was für eine Bilanz ziehen Sie?

Antwort: Wir haben die Planung vor einem halben Jahr angefangen und uns eng mit den nationalen Flugbehörden, insbesondere der Deutschen Flugsicherung, abgesprochen. Nur 20 bis 25 Prozent der Verzögerungen sind wegen Air Defender passiert. Der Rest hat andere Gründe. Zum Beispiel ungünstiges Wetter oder Schließungen von Landebahnen wie auf dem Flughafen in Hamburg. 

Frage: Also besser als erwartet und von manchen befürchtet?

Antwort: Das kann man so sagen. Es hat keine Flugausfälle gegeben, nur Verzögerungen im Minutenbereich und keine, die in die Nacht hineingegangen sind. 

Frage: Auch über unseren Nachbarländern hat Air Defender für viel Verkehr gesorgt. Ist das Bild dort ähnlich?

Antwort: Wir waren dankbar, dass die Nachbarländer Teile des Flugverkehrs aufgenommen haben. Dafür mussten Kapazitäten erhöht werden, denn ein Fluglotse kann nur eine bestimmte Zahl von Flugzeugen in einer bestimmten Zeit abfertigen. Auch dort kam es zu keinen großen Verzögerungen.

Frage: Dabei spielt sicherlich auch die Anstrengung der Flughäfen eine Rolle. Vielerorts wurden Nachtflugverbote aufgeweicht und Überstunden geschoben. 

Antwort: Das ist so und dafür sind wir sehr dankbar. Der entscheidende Faktor war aber sicherlich, dass es eine lange Planungsphase gab und die Flugpläne entsprechend angepasst werden konnten. Auch unsere Simulation konnte größeren Problemen vorbeugen, da wir die über Jahre bei Eurocontrol gesammelten Erfahrungen nutzen konnten.

Frage: Sie selbst haben fast 3000 Stunden Flugerfahrung, unter anderem im Kampfjet Tornado. Wie wichtig ist Praxiserfahrung für Piloten?

Antwort: Sehr wichtig. Es ist wie beim Autofahren, das kann man auch nicht nur im Simulator lernen. Gerade das Zusammenspiel mit anderen Nationen lässt sich nur so üben, schließlich fliegt man die Einsätze auch im Ernstfall zusammen. „Train as you fight”, nennt man das bei der Bundeswehr. „Trainieren, wie man kämpft”. 

Frage: Dann müssten solche Übungen eigentlich öfter stattfinden?

Antwort: Ich denke, ja.  Im Rahmen von Nato-Übungen werden sicherlich auch viele Luftübungen durchgeführt werden. Das passt auch in den Rahmen der Advanced Vigilance, also der „Erhöhten Wachsamkeit”, die beim letzten Gipfeltreffen der Nato angekündigt wurde. Es wird also mehr Übungen und vermehrt militärischen Luftverkehr geben, wie wir es ja im Moment auch schon sehen. 

Frage: Dass in Zukunft mit mehr militärischem Luftverkehr zu rechnen ist, haben Sie schon im vergangenen Jahr angekündigt. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Antwort: Durch den Ukraine-Krieg sehen wir vermehrt militärische Aktivitäten an der Ostflanke der Nato. Gleichzeitig gibt es auch mehr kommerziellen Luftverkehr. Dieser wird voraussichtlich in den nächsten zehn Jahren von etwa 33.000 Flügen pro Tag auf über 40.000 Flüge pro Tag steigen. Hinzu kommen mehr unbemannte Flugzeuge, also Drohnen, und es ist abzusehen, dass es zu mehr Raketenstarts in den Weltraum kommen wird. Allein in den USA hatten wir im vergangenen Jahr über 100 Raketenstarts. Gleichzeitig wird der Luftraum aber nicht größer. 

Frage: Warum ist es in diesem Zusammenhang so wichtig, dass viele Nationen auf die F-35 umstellen?

Antwort: Die F-35 kann andere Flugzeuge über größere Entfernungen besser erkennen und bekämpfen als herkömmliche Flugzeuge. Damit wir diese Fähigkeit effektiv einsetzen können, brauchen wir einen größeren Luftraum. Die F-35 benötigt im Grunde einen Luftraum, wie der Übungsraum Nord bei Air-Defender, der etwa 400 mal 300 Kilometer breit ist. Den haben wir über Nordeuropa im Normalfall aber nicht. 

Frage: Wie können vor diesem Hintergrund große Einschränkungen für zivilen Luftverkehr vermieden werden?

Antwort: Wir müssen neue Lufträume entwickeln, die flexibel gestaltet werden können und modular aufgebaut sind. Damit können wir den zivilen und militärischen Luftverkehr so bedienen, dass alle davon profitieren.

Frage: Wie sähe das konkret aus?

Antwort: Das Militär muss sich frühzeitig mit den zivilen Stellen absprechen, so wie es auch bei Air-Defender geschehen ist. So können wir die Planung besser anpassen. Wir wollen etwa die Ferien oder gerade über der Nordsee die Stoßzeiten morgens und abends vermeiden. Zudem ist es oft nicht nötig, dass wir einen gesamten Luftraum blockieren. Wir sperren nur dort, wo tatsächlich geflogen wird.  Das Konzept hat die Nato zum Beispiel in Afghanistan eingesetzt, wo ich selbst mit dem Tornado geflogen bin. Das wollen wir auch in Europa einsetzen. Dafür arbeiten wir gerade an mehreren Studien.

Frage: Was sind die Folgen der höheren Belastung für den zivilen Luftverkehr?

Antwort: Die Lufträume über der Ukraine, Weißrussland und Russland sind gesperrt. Über Polen und Rumänien wurde zusätzlicher militärischer Luftraum eingerichtet. Das macht Umleitungen von zivilen Flügen nötig, insbesondere in Deutschland. Das führt schon jetzt zu Kapazitätsproblemen bei Fluglotsen. Wir müssen intelligente Lösungen finden, um unseren Flugverkehr weiter zu entzerren. Schon jetzt werden Flüge in den Nahen und Fernen Osten über Südosteuropa und die Türkei umgeleitet. Diese Flüge sind in der Vergangenheit den kürzeren Weg über Russland geflogen. Ein Passagierflugzeug braucht für den Weg von Frankfurt nach Tokio jetzt rund drei Stunden länger.

Frage: Mit entsprechenden Folgen für Fluggäste und die Umwelt.

Antwort: Genau. Diese Flüge werden teurer, verbrauchen mehr Ressourcen und verursachen mehr Emissionen. Das kann nicht im Sinne eines klimafreundlichen Flugverkehrs sein. 

Frage: Bei der Nato und der Luftwaffe werden mehr Zwischenfälle mit russischen Flugzeugen verzeichnet, die ohne Funkkontakt unterwegs sind. Diese müssen von Alarmrotten abgefangen werden. Wie kann man das erklären?

Antwort: Es gibt mehr Flugverkehr in die russische Exklave Kaliningrad. Wahrscheinlich will Russland dort mehr Präsenz zeigen. Das geschieht tatsächlich oft ohne Funkkontakt oder Transponder und ist oft nicht im Flugplan vermerkt. In aller Regel halten auch russische Flugzeuge sich aber an die internationalen Flugrouten, auch wenn es zurück nach Russland geht.

Frage: Sind solche Manöver normal?

Antwort: Nein. Nato-Militär-Flugzeuge würden so etwas nicht machen. Russische Militärflugzeuge fliegen häufig ohne Transponder und können von den Fluglotsen nur mit dem Primärradar wahrgenommen werden und sind daher schwieriger zu verfolgen. 

Frage: Warum machen die Russen so etwas?

Antwort: Das kann ich nicht beurteilen. Vermutlich wollen sie sich nicht zu erkennen geben.

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