Radfahren mit System  Neuer Radführer für Ostfriesland setzt auf Entschleunigung

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 25.06.2023 14:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Maria Berentzen hat einen Tour-Guide für Radfahrer geschrieben: „Radelzeit in Ostfriesland“. Foto: Ortgies
Maria Berentzen hat einen Tour-Guide für Radfahrer geschrieben: „Radelzeit in Ostfriesland“. Foto: Ortgies
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Maria Berentzen hat mit „Radelzeit in Ostfriesland“ einen anregenden Touren-Guide herausgebracht. Selbst Ur-Ostfriesen können darin noch Entdeckungen machen.

Ostfriesland - Warum sitze ich eigentlich noch am Schreibtisch? Diese Frage stelle ich mir, nachdem ich den neuen Radreiseführer „Radelzeit in Ostfriesland“ meiner ehemaligen Kollegin Maria Berentzen aufgeklappt und fünf Minuten darin geblättert habe. Aufspringen und losradeln – das ist der erste Impuls. Die beste Reaktion auf ein praxisorientiertes Buch, die man sich denken kann. Welcher Küchenchef würde sich nicht freuen, wenn man nach dem Blick in sein neues Kochbuch sofort zum Schnibbelmesser griffe? Am besten noch in der Buchhandlung. Warum hat die „Radelzeit“ mich gleich auf Touren gebracht? Und: Sind Radreiseführer in Zeiten digitaler Karten eigentlich noch zeitgemäß? Diesen und weiteren Fragen will ich im Gespräch mit Rad- und Buch-Profis nachgehen.

Was macht den optischen Reiz der „Radelzeit“ aus?

Inspirierende Grafiken und Fotos, ein locker-animierendes Layout, Karten, die noch den winzigsten Schlot erkennen lassen, und Geschichten, Dutzende Geschichten über Ostfrieslands Geschichte und Kultur. Wussten Sie, dass Friedrich II, den Ostfriesen per Erlass im Jahr 1778 das Teetrinken abgewöhnen wollte? Stattdessen sollte mehr Bier gebraut werden. Dieses Detail hat die Autorin im Norder Teemuseum aufgespürt, wohin die zwölfte der insgesamt 20 Routen führt. Die Leeranerin Maria Berentzen hat sich vieles er-fahren und sagt: „Ich lebe schon so lange hier in Ostfriesland, aber selbst ich habe noch eine Menge dazugelernt.“

Was ist das Wichtigste bei einer Rad-Tour?

In diesem Punkt bin ich nicht aussagekräftig, weil ich mein Rad nur pragmatisch nutze und keine Landschaftstouren am Wochenende mache. Bei dem Punkt ist mir aber sofort meine Friseurin eingefallen. Die Holtländerin ist leidenschaftliche Ausflugsfahrerin und macht fast an jedem Sonntag mit ihrem Mann ausgedehnte Touren durch Ostfriesland. „Das Wichtigste ist für mich, ein Ziel zu haben“, sagt sie. Also einen Punkt, auf den man zusteuert und am besten kulinarisch profitabel Einkehr halten kann. Dafür gibt es bei den 20 Touren stets einen Tipp. Bei Tour 9 etwa, die von Marienhafe an der Leybucht entlang nach Norden führt, ist es das Hofcafé Akkens in der Krummhörn, wo man selbst gebackenen Kuchen naschen kann. Das Café bringt es bei Google immerhin auf 710 Bewertungen, die nach flüchtiger Durchsicht ausnahmslos positiv sind. Bei diesen Tipps und vielem mehr wird das Motto des Buches deutlich: Leute, entschleunigt, genießt die Landschaft, genießt ein Stück Erdbeertorte und freut euch des Lebens.

Wie gut werden Radtouren-Führer im Handel nachgefragt?

Nach Recherchen dieser Zeitung hat das Internet dem konventionellen Buch in dieser Hinsicht noch nicht den Rang abgelaufen. „Bei uns ist dieser Artikel immer noch sehr beliebt und wird häufig nachgefragt, vor allen Dingen von Touristen, aber auch von Einheimischen, die mal etwas Abwechslung haben wollen“, sagt Lilian Musa. Die Mitarbeiterin der Auricher Buchhandlung Am Wall spricht davon, dass die Kunden vor allen Dingen an aussagefähigem Kartenmaterial mit gut lesbarem Wegenetz in einem geschmeidig handhabbaren Format interessiert seien. Die Karten in der „Radelzeit“ geben nicht nur die Route samt eingezeichneter Sehenswürdigkeiten und Rastplätzen wieder, sondern enthalten auch Informationen über die Wegbeschaffenheit und die Utensilien, die man mitnehmen sollte. Nett sind auch die fürsorglichen Empfehlungen der Autorin, etwa bei Route 5 vom Bahnhof Leer zum Bahnhof Papenburg. Dort gibt es kurz vor der Brücke bei Leerort den Hinweis: „Kräftig treten, es geht kurz bergauf“.

Was sagen die Touristiker zu Radtour-Führern?

Radfahren sei eines der Kernthemen bei der Vermarktung der Region, sagt Wiebke Leverenz von der Ostfriesland Tourismus GmbH. Aktiv-Tourismus werde immer wichtiger. Ostfriesland verfüge mit einem 3500 Kilometer langen Radnetz über eine ideale Infrastruktur. Außerdem gewährte das Knotenpunktsystem Orientierung. Bei diesem Konzept erhalten alle Orte, an denen mindestens zwei Routen aufeinandertreffen, Nummern. Das sind die Knotenpunkte, die auf einer speziellen Karte verzeichnet sind. Zwischen den einzelnen Koordinaten ist die Streckenentfernung angegeben. Wer eine Radtour nach dem Knotenpunktsystem plant, sucht sich eine Strecke auf der Karte aus und merkt sich die Ziffern der Knotenpunkte. Die Reihenfolge der Zahlen wird dann abgefahren. Die Planung einer Route sei aber über die App „Grenzenlos aktiv“ möglich, sagt Wiebke Leverenz.

Funktionieren die „Radelzeit“-Routen auch digital?

Am Ende des Buches kann der Leser über einen QR-Code den Tourenverlauf downloaden, nachdem er vorher eine Outdoor-App wie beispielsweise Kompass oder Komoot heruntergeladen hat. Nach Recherchen der Redaktion ist auch eine Kopplung mit Fitness-Trackern möglich. Ich selbst nutze dafür den finnischen Hersteller Suunto, der sich bei mir nach Einlesen des QR-Codes sofort eingeklinkt hat und wissen wollte, welche Tour ich denn jetzt abfahren möchte.

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