Moskau Putin oder Prigoschin: Wer wird den Ukraine-Krieg überleben?
Aus dem Aufstand von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin sollte Deutschland vier Lehren ziehen. Vor allem: Ab jetzt kämpft Diktator Wladimir Putin ums eigene Überleben. Was bedeutet das für den Ukraine-Krieg?
Es waren 24 Stunden, in denen die Welt den Atem anhielt. Stürzt Putin? Übernehmen Söldner das größte Atomwaffenarsenal der Welt? Versinkt Russland im Bürgerkrieg? Erinnerungen an die Oktoberrevolution 1917 wurden wach, doch vorerst bleibt es bei einem Juni-Putschversuch von Wagner-Chef Prigoschin. Der Machtkampf ist damit aber nicht beendet.
Allein die Tatsache, dass Prigoschin nicht einmal verhaftet wurde, zeigt, wie geschwächt das Regime ist. Vor dem Ukraine-Krieg wäre es undenkbar gewesen, dass es ein Chef einer Privatarmee wagt, den Kreml herauszufordern. Lange galt Putin als unangreifbarer Herrscher, der ein stabiles und ausbalanciertes Machtsystem von Generälen und Oligarchen anführt. Prigoschin Meuterei beweist, dass das ein Mythos ist. Putins Anfang vom Ende ist da.
Für die ukrainische Armee könnte jetzt das Momentum gekommen sein, die Linien der Aggressoren zu durchbrechen. Die lang angekündigte Offensive von Präsident Wolodymyr Selenskyj war bislang von wenig Erfolg und hohen Verlusten geprägt. Die Wagner-Rebellion straft aber jetzt diejenigen Lügen, die einen Sieg von David gegen Goliath kategorisch ausschließen.
Zum einen dürfte die ohnehin niedrige Kampfmoral der regulären russischen Armee weitere Dämpfer erlitten haben, wenn sich selbst die kampferprobten Wagner-Söldner gegen Putin stellen. Zum anderen fehlen dem Kreml damit die wichtigsten Offensivkräfte. Denn ohne Prigoschins Männer hätten die Russen womöglich nicht einmal Mariupol und Bachmut erobert.
Das taktische Vorgehen der russischen Streitkräfte war bisher so katastrophal, dass die Ukrainer durchaus Chancen haben, den Krieg zu gewinnen - auch dank der westlichen Waffenlieferungen. Putins Armee muss dafür gar nicht vollständig besiegt werden. Das Ausbleiben von Erfolgen auf russischer Seite reicht, um die Spannungen im Kreml und den Unmut in der Bevölkerung ins Extreme zu steigern. Der Krieg, der nach Putins Lügen-Propaganda ja weiterhin nur eine Spezialoperation sein soll, ist längst in der Provinz angekommen. Denn die Zahl der Toten und Verletzten dürfte mittlerweile bei weit über 200 000 Soldaten liegen. Je länger sich die Ukrainer den Aggressoren erfolgreich entgegenstellen, desto stärker schwindet Putins Macht. Deutschland darf daher nicht müde werden, Kiew mit Waffen und Geld zu unterstützen.
Sollte Putin nach mehr als zwei Jahrzehnten aus dem Kreml gedrängt werden, wird der Westen nicht erleichtert aufatmen können. Denn es spricht wenig dafür, dass dann demokratische, dem Westen freundlich gesonnene Kräfte die Macht übernehmen würden. Selbst Prigoschin ist eine Kreatur Putins und ein durchtriebener Kriegsverbrecher. Nationalistische Kräfte, die von einem imperialistischen Großrussland träumen, könnten womöglich einen noch schlimmeren Krieg anzetteln als Putin. Deutschland und der übrige Westen sind daher gut beraten, die Verteidigungsfähigkeiten massiv zu stärken. Der neue Kalte Krieg geht nicht vorbei, selbst wenn Putin gestürzt werden sollte.