Osnabrück Neue Zeit für Utopien? Worpswede zeigt die Träumer des Morgen
Utopie ist nicht mehr gefragt. Zu drückend scheinen die Krisen der Gegenwart. Der Künstlerort Worpswede wagt dennoch das Experiment. Aber was sagen künstlerische Utopien heute noch?
Utopisten sind nicht mehr in Mode. Wer soll heute ihre Hoffnung auf hochfliegende Ideale teilen? Klimakrise, Kriege, Katastrophen: Die Gegenwart schreibt viel zu deprimierende Geschichten, um an Utopien, also künftige Idealzustände der Menschheit, glauben zu können. In Worpswede wird jetzt trotzdem geschaut, ob Utopien weiterhelfen könnten. Wo auch sonst? Der Künstlerort bei Bremen wirkt bis heute wie eine Zeitkapsel, in die eingeschlossen ist, was Heinrich Vogeler einst versuchte – sein Künstlerhaus Barkenhoff zum Ort eines utopischen Sozialprojekts zu machen.
Die Tage der Landkommune, die Vogeler einst initiierte, liegen ein Jahrhundert zurück. Jetzt sollen die utopischen Energien von einst neu aufgeladen werden. Für den Kunstsommer 2023 bieten die Kuratorin Runa König und Barkenhoff-Direktorin Beate Arnold den Künstler Wenzel Hablik auf, einen wahren Sternenwanderer aller Utopisten, dessen kristallin schimmernde Architekturbilder vorwegnehmen sollten, was der Künstler in der regelmäßigen Bildung schöner Steine erkannte: das Modell eines idealen Zusammenlebens der Menschen.
Solche Gedanken sind noch immer mit dem Hinweis auf nüchterne Wirklichkeit abgetan worden. Der 1934 verstorbene Hablik konterte schnöden Realitätssinn brillant: „Muss ich schon an der Erde kleben – dann wenigstens nicht mit dem Hirn“. Der Mann aus dem heutigen Tschechien, dessen Villa in Itzehoe museales Zeugnis seiner Ideen ist, fordert Pragmatiker heraus. Sein „Sternenhimmel“ von 1909 oder sein Bild „Große utopische Bauten“ von 1922 entlarven jeden Realismus als schlecht kaschierte Gedankenträgheit.
Ob Vogeler oder Hablik, Utopisten der Moderne des 20. Jahrhunderts haben gewagt, was jedem Operieren in Sachzwängen widerspricht – alles noch einmal neu zu denken. Utopisten haben sich nie auf das beschränkt, was heute Debatte und Praxis der Politik bestimmt: die bloße Reparatur einer havarierten Welt.
Der Künstlerort Worpswede gruppiert seine Ausstellungen von 2022 bis 2027 zum Projekt der „Zeitenwende“. Über fünf Jahre hinweg soll gefragt werden, wie das künftige Zusammenleben von Menschen aussehen kann. Künstler nehmen dabei jene Rolle ein, die der Worpsweder Jugendstilklassiker Heinrich Vogeler einst vorlebte: die des Schrittmachers und Projektdesigners.
Das Konzept klingt gut. Leider geht ihm in der aktuellen Schau der vier Worpsweder Häuser Barkenhoff, Große Kunstschau, Kunsthalle und Haus im Schluh schnell der anfangs vehemente Atem aus. Ja, Wenzel Habliks Werk wird gerade wieder neu befragt. Das belegt nicht zuletzt die große Überblicksschau 2017 im Berliner Gropius-Bau. Leider zeigen Habliks Werke aber auch, wie ideologisch geprägt sein kann, was unbelastet nach vorn weisen soll. „Das Weib – Die Erde – in die der Same fällt“ oder „Der Mann, der Raum – zwei Ewigkeiten“: Wer will an solche Sätze Habliks zu einer Serie von Drucken heute noch anschließen?
In der Großen Kunstschau konfrontiert Kuratorin Manuela Husemann die Worpsweder Landschaftsmaler mit den utopischen Stadtmodellen von Nándor Angstenberger. Der Künstler türmt Fundstücke von Plastikröhrchen bis zur leeren Tube zu fantastisch wuchernden Stadtmodellen. Sie erinnern an die im Miniaturformat nachgebauten Mega-Metropolen, mit denen der kongolesische Künstler Bodys Isek Kingelez auf der Documenta 11 von 2002 für Furore sorgte. Angstenberger setzt seine knallbunt-skurrilen Stadtgespinste in Wolkenrahmen aus schneeweißem Styropor. Ein ironisches Spiel mit den Blütenträumen der Utopie?
Eine Spur von Ironie täte den Grafiken und Gemälden gut, mit denen der Leipziger Künstler Martin Voigt in der Worpsweder Kunsthalle die Trias der Gastkünstler komplettiert. Der 1990 geborene Voigt breitet eine verwunschene Naturwelt aus, die wie das Gegenteil einer Utopie wirkt. Der verwundete Hirsch avanciert zum Symbol der geschundenen Natur, die Wildschweinrotte zum Idealbild der verschworenen Gemeinschaft. Mitten Im Utopieprojekt scheint damit ein altmeisterlicher Konservatismus auf.
Mindestens ebenso befremdlich: Die Kunsthalle richtet diese Präsentation unverhohlen als Verkaufsschau einer Galerie aus. Auch wenn die Kunsthalle früher selbst einmal eine Galerie war – mitten in einer Jahrespräsentation der Worpsweder Museen ist das ein dicker handwerklicher Schnitzer.
Worpswede: Barkenhoff, Große Kunstschau, Kunsthalle, Haus im Schluh: Worpsweder Kunstsommer 2023. Eine Zeitreise von Vogeler bis heute. Bis 5. November 2023.