Wiesmoor Postkarte von Ostfriesland nach Bayern ist 28 Jahre unterwegs
Die „Feriengrüße von der Nordsee“ kamen bei den Verwandten in Bayern mit einer Verzögerung von knapp 28 Jahren an. Bei der Post hält man die verspätete Zustellung für einen Scherz; die Absenderin hat ihre eigene Theorie.
Diese „Feriengrüße von der Nordsee“ haben es in sich: Martina Eschen aus Strackholt bei Aurich in Ostfriesland staunte nicht schlecht, als ihre in Bayern lebende Schwester sich bei ihr meldete und den Erhalt einer Postkarte kundtat. Eschen hatte die mit ihrem Neffen Korbinian, ihren Eltern Artur und Mina und deren Schulfreunden Hans und Helga geschrieben – vor annähernd 28 Jahren. „Wir sind auf Entdeckungsreise“, schrieb die Reisegesellschaft den Daheimgebliebenen. Damals war Martina Eschen gerade frisch aus Schwaben zu ihrem Mann in den Norden gezogen.
Die beiden Ehepaare aus Schwaben samt Neffen aus der Gemeinde Schäftlarn im Umfeld von München statteten ihr einen ersten Besuch ab und erkundeten Ostfriesland. So findet sich auf der Karte beispielsweise die Einschätzung: „Spiekeroog ist noch schöner als Langeoog“. Die Karte warfen sie im ostfriesischen Wiesmoor in den Briefkasten, erinnert sich Eschen im Gespräch mit der Redaktion. Dort wurde sie am 10. August 1995 auch abgestempelt. Danach verliert sich ihre Spur. Es fehlte ein entscheidendes Detail: „Wir konnten die Postleitzahlen nicht ausfindig machen. Wir haben gedacht, die Karte wird schon ankommen.“
Die fünfstelligen Postleitzahlen gab es schon. Die vierstelligen Postleitzahlen wurden mit Juli 1993 ungültig. Ein Smartphone mit Internetzugang gab es damals noch nicht. Eschen entschied sich zum Mut zur Lücke. Fast 28 Jahre nach dem Versenden kam die Karte nun in Bayern an. Bei der Post bewies man Humor und stempelte dazu den Vermerk „Sendung wegen fehlender Postleitzahl verzögert“.
Einmal mehr zeigt sich: Gut Ding will Weile haben. „Mein Neffe war damals zwölf Jahre alt. Heute ist er 40.“ Wie viel Zeit seit dem Versenden der Grüße aus dem Norden vergangen ist, zeigt vor allem eines eindrucksvoll: Eschens Eltern und deren Freunde leben nicht mehr. Ihr Vater sei 1997 verstorben, die Mutter 1999, erinnert sich die Strackholterin. „Wir haben alle geschluckt.“
Bei der Post hält man die verspätete Zustellung des Nordsee-Grußes unterdessen allerdings für einen Scherz, sagte Jens-Uwe Hogardt von der Pressestelle Nord der Deutsche Post DHL Group in Hamburg. Ganz ausschließen will er es zwar nicht, lenkte er auf Nachfrage ein, doch seine Einschätzung ist klar: „Das scheint äußerst unwahrscheinlich.“ Kuriositäten wie diese würden zwar immer wieder mal vorkommen, sagt er. „Aber sie sind nicht erklärbar.“
Konkret geht er davon aus, dass solche Fälle daher rühren, dass „Spaßvögel“ ihr Unwesen trieben. Beispielsweise Nachbarn, oder Briefmarkensammler, die die Karte längst in ihrem Besitz hatten und sie nun beim Empfänger einwarfen. Martina Eschen hat ihre eigene Theorie, wie und wo die Postkarte jetzt aufgetaucht sein könnte. Sie vermutet, sie habe möglicherweise in einer Art Lager der Post gelegen, wo man sie nun wieder herausgeholt und mit der fehlenden Postleitzahl ausgestattet habe.
Das aber verneint Hogardt entschlossen: Diese Art von Lager oder vielleicht sogar Cold-Case-Akten mit alten Fällen wie bei der Polizei gebe es in seinem Unternehmen nicht. Vielfach könne die Post trotz fehlerhafter oder unvollständiger Adressen sogar zugestellt werden: „Es gibt vielfach Zahlendreher bei den Postleitzahlen. Das wird maschinell geregelt.“ Die Briefsortiermaschinen drücken dann auch mal ein Auge zu – wenn der Rest der Adresse schlüssig ist.
Wenn ein Brief oder eine Postkarte aber unzustellbar ist, weil die Adresse fehlerhaft oder unvollständig ist, wird die Sendung in der Briefermittlungsstelle der Deutschen Post AG in Marburg unter die Lupe genommen. Mehrere Tausend Briefe, Postkarten, Pakete und selbst Inhalte aus Briefen, die herausgefallen sind, treffen dort pro Tag ein. Dort werde untersucht, was nicht zugestellt werden konnte.
Im äußersten Notfall dürften die rund 100 Mitarbeiter dort die Briefe oder Pakete sogar öffnen, um hinter ihre Briefgeheimnisse zu kommen. Normalerweise ist das strengstens verboten. Einen Haken hat das: Nach einer Frist von drei Monaten wird vernichtet, was nicht zugeordnet werden kann. Das Geheimnis, wo die Postkarte sich so lange versteckt hielt, wird vermutlich für immer eines bleiben.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen-Zeitung in Leer.