28-Jähriger vor Gericht  Geldautomaten gesprengt – Niederländer drohen nun mehrere Jahre Haft

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 28.06.2023 14:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nachdem die Automatenknacker in Hinte zuschlugen, rückte die Spurensicherung an. Foto: Archiv/Hillebrand
Nachdem die Automatenknacker in Hinte zuschlugen, rückte die Spurensicherung an. Foto: Archiv/Hillebrand
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Seit Mittwoch muss sich ein 28-Jähriger wegen der Sprengung von Geldautomaten vor dem Landgericht Aurich verantworten. In Emden und Hinte schlugen er und sein Mittäter zu.

Aurich - „Sie haben in Perfektion zusammengearbeitet.“ Das berichtete die Ermittlungsführerin in einer deutschlandweiten Sprengungsserie von Geldautomaten als Zeugin über die beiden Täter. Einer von ihnen musste sich am Mittwoch vor dem Auricher Landgericht verantworten. Der 28-Jährige aus dem Niederlanden war geständig. Ihm droht eine Haftstrafe von sieben bis acht Jahren.

Etwa 520 Geldautomaten werden nach Angaben von Lennart Jacobs von der Staatsanwaltschaft Osnabrück jährlich in Deutschland gesprengt. Im Jahr 2019 traf es Einrichtungen in Emden und Hinte. Am 21. März um 3.45 Uhr erbeuteten die Diebe 146.000 Euro durch eine Explosion in der Ostfriesischen Volksbank an der Emder Neutorstraße. Es entstand ein Sach- und Gebäudeschaden in Höhe von 201.000 Euro. Am 4. Mai in Hinte, bei der Sprengung eines Geldautomaten im Combi-Markt, flüchteten die Täter ohne Beute, weil sie nicht an das Geld gelangten. Der Sachschaden betrug 31.000 Euro.

Insgesamt 410.750 Euro erbeutet

Die jeweils keine zwei Minuten dauernden Vorfälle gehörten zu einer Bandendiebstahlsserie über acht Taten im Zeitraum zwischen August 2018 und August 2020, die vor der dritten Großen Strafkammer verhandelt wurde. Die Bande erbeutete durch die Serie insgesamt 410.750 Euro. Die Anklage lautete auf vorsätzliches Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und schweren Bandendiebstahl.

Der Niederländer sei in Utrecht mit der Geldautomatensprenger-Szene in Kontakt gekommen, trug seine Verteidigerin Marielle Schmöe vor. Deren Angebot habe er angenommen, weil seine beruflichen Aussichten bescheiden gewesen seien.

Die Person mit der Uhr um den Hals

„Vorab bin ich die Person mit der Uhr um den Hals“, hieß es zu Anfang der Einlassung. Der Angeklagte war Anführer des Duos und überwachte die Einleitung eines explosiven Gemisches in die Geldautomaten sekundengenau mit einer Stoppuhr. Das Vorgehen habe ihm der Chef erklärt. Von der Beute erhielt er 20 Prozent.

Die weiteren Hilfsmittel brachten Kollegen mit einem Sprinter an den Tatort. Nach der Detonation des Tresors wurde das Geld in eine Sporttasche gestopft. Anschließend flüchtete man mit einem in der Nähe abgestellten Motorroller. Zu den Namen der Hintermänner – „fünf bis sechs Leute waren an dem Konstrukt beteiligt“ – wollte er keine Angaben machen: „Ich weiß nicht, ob es sich um echte oder Alias-Namen handelte, und ich habe eine Familie zu schützen.“ Weitere kriminelle Taten will der Angeklagte nicht begehen. „Ich habe verstanden, dass Freiheit das höchste Gut für mich ist“, schloss sein vorbereiteter Text. Sein Mittäter ist bereits rechtskräftig verurteilt.

Verfahrensverkürzende Verständigung

Im Vorfeld des Prozesses waren Gespräche über eine verfahrensverkürzende Verständigung geführt worden, der am Mittwoch alle Prozessbeteiligten zustimmten. Im Falle einer geständigen Einlassung stellte die Kammer dem ehemaligen Fabrikarbeiter ohne Ausbildung eine Haftstrafe zwischen sieben und acht Jahren in Aussicht. Die dreijährige Gefängnisstrafe des Amtsgerichts Fürth, wo er im Januar vergangenen Jahres für dieselbe Tat verurteilt wurde, fließt mit ein.

Drei der Taten, darunter diejenige in Hinte, wurden eingestellt, weil die Beweislage nicht so deutlich war wie bei den anderen fünf Sprengungen in Emden, Ingolstadt, Lüneburg-Vögelsen, Tübingen, Ulm und Lüneburg-Saline. Dort wurden DNA-Spuren sichergestellt, die beim Abgleich mit einer EU-Datenbank zu dem Niederländer führten.

Bundesweit Automaten gesprengt

Die Ermittlungsführerin schilderte, sie sei seit 2012 „im Phänomen Automatensprengung“ aktiv. Sie habe Bilder von Tatorten, Spuren und Beschädigungen im Kopf. Die Tat von Lüneburg-Vögelsen am 15. März 2019 sei auf ihrem Tisch gelandet. „Was sie besonders machte, waren die Täter, ein sehr großer und ein sehr kleiner, die mit dem Roller geflüchtet sind“, erklärte die 39-Jährige von der Kriminalinspektion Lüneburg. Auch die Stoppuhr und ein grün-schwarzer Vorschlaghammer sind ihr unter anderem aufgefallen. Bei der Tat im August 2020 in Lüneburg-Saline kam das alles erneut zum Einsatz – „ein deckungsgleiches Vorgehen“. Da sei ihr das bundesweite Wirken der Täter klar geworden. Beim Prüfen von Videoaufzeichnungen sei sie auf die Tat vom 24. Juni 2019 in Ulm gestoßen und habe Kontakt zum Bundeskriminalamt aufgenommen.

„Der große Täter ragte über den Geldautomaten hinaus“, beschrieb sie ihre Beobachtungen der Videoaufzeichnungen. Es sei markant gewesen, wie er auf die Stoppuhr geschaut habe. Zu kurze Jackenärmel hätten auf einen eher hellen Hauttyp schließen lassen. „Er wirkte als Anführer, wusste, was zu tun ist, und war für mich der Tonangeber vor Ort“, sagte sie über den Angeklagten. Der kleinere Mittäter hatte „die Funktion, dass er angereicht hat“.

Der Prozess wird diesen Donnerstag ab 9 Uhr in Saal 003 des Auricher Landgerichts abgeschlossen.

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