Ganderkesee Wie die Wetterextreme in Niedersachsen für Probleme sorgen
Dieser Juni war Niedersachsen richtig warm und ganz lange extrem trocken. Dann schlug der Starkregen zu. Das Wetter wird extremer: Was hat das für Auswirkungen? Ein Blick in den Landkreis Oldenburg.
Wer die heiligen Katakomben des Wasserwerks vom Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) betritt, sollte sich lieber einen der Gehörschützer vom Haken nehmen: Im Keller des Wasserwerks brummt es ziemlich laut. Hier arbeiten die Filteranlagen unter Hochdruck, damit Wildeshausen und Teile von Ganderkesee und Delmenhorst sowie andere Gemeinden im Landkreis Oldenburg, Vechta und Diepholz sowie die Stadt Bremen jährlich mit bis zu 8,7 Millionen Kubikmeter Trinkwasser versorgt werden. Das läuft in der Regel auch völlig unproblematisch. Es sei denn, es wird heiß und trocken und die Verbräuche steigen an.
Wie Mitte Juni. Da warnte der OOWV, dass der Wasserverbrauch deutlich über dem Limit gewesen sei. Zu dem Zeitpunkt hatte es seit Wochen nicht geregnet, außerdem war es durchgehend warm. In solchen Fällen wird in diesem Gebiet auf den Wasserspeicher in Havekost zurückgegriffen, der bis zu 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Außerdem gebe es im OOWV-Gebiet weitere Speicher.
Doch was passiert, wenn diese aufgrund des dauerhaft hohen Verbrauchs immer leerer werden würden? Vorab: „Wir dürfen nichts verbieten. Der OOWV kann nur die Landkreise bitten, etwas zu erwirken“, erklärt Regionalleiter Stefan Fauerbach. Beispielsweise ein Rasenbewässerungs- oder Poolbefüllungsverbot. Grundsätzlich habe der Wasserverband allerdings einen Notfallplan mit verschiedenen Stufen in der Hinterhand. Nach und nach würde dann der Wasserdruck gesenkt werden. „Das ist erstmal nicht so dramatisch“, sagt Pressesprecher Heiko Poppen. Im Worst Case würde tatsächlich die Wasserversorgung ausfallen – das hat es laut Poppen im Jahr 2018 für ein paar Stunden in Lohne (Landkreis Vechta) gegeben. Doch das sei unwahrscheinlich.
Und dennoch hat der OOWV die Situation im Blick. „Wir brauchen Rückhalteflächen für Regenwasser“, macht der neue Werksleiter Dirk Gellermann deutlich. Sein Vorgänger Hartwig Hillen ergänzt: „Der Regen, der heute fällt, ist unser Grundwasser in 20 Jahren.“ Und da das Grundwasser durch die Filteranlagen zu Trinkwasser aufbereitet wird, sei es wichtig, sich dem Thema verstärkt anzunehmen. „Bis 2016 wurde die Gewährleistung der Trinkwasserversorgung nicht infrage gestellt“, merkt Fauerbach an. Doch das habe sich mittlerweile geändert. Deshalb arbeite der OOWV an verschiedensten Projekten, um die Stabilität der Trinkwasserversorgung für die kommenden Jahrzehnte sicherzustellen.
Ortswechsel. Rund 16 Kilometer nördlich des Wasserwerks befindet sich der Hof von Hans-Gerd Witte. Der 50-Jährige ist in zehnter Generation Landwirt und hat den Betrieb in Ganderkesee/Havekost Ende der 90er-Jahre von seinem Vater übernommen. Ihm gehören im Delmetal 170 Hektar Fläche, davon 30 Hektar Grünland, der Rest ist Acker. Dass Niederschlag für den Landwirt ein großes Thema ist, fällt beim Betreten der Küche direkt auf. Rechts neben dem Fenster hängt ein Kalender. „35 mm Regen vom 20. auf den 21. Juni. 43 mm vom 22. auf den 23. Juni“, steht dort – ausgewertet von seiner Mutter. Sie sagt: „Das Wetter hat sich gewandelt. Diese Extreme hatten wir früher nicht.“
Denn in den Wochen zuvor war es eben trocken. „Der Boden war stark ausgedörrt und konnte fast nichts aufnehmen. Glücklicherweise gab es die beiden Starkregentage im Juni und nicht im Mai. Die Pflanzen waren bereits groß genug, um den Boden vor Erosion zu schützen“, sagt Witte. Der Dürremonitor vom Zentrum für Umweltforschung (UFZ) bestätigt, dass der Boden in den vergangenen Wochen – und trotz der Starkregenereignisse auch noch aktuell – viel zu trocken ist. Von einer moderaten bis schweren Dürre im Landkreis Oldenburg ist dort die Rede.
Und diese Trockenheit kombiniert mit hohen Temperaturen (laut DWD-Angaben war der Juni im Temperaturmittel um 3,1 Grad zu warm) sorgt durchaus für Probleme. Denn Witte betreibt auch Bullenmast mit 170 Tieren und in Kooperation mit zwei Landwirten eine Biogasanlage. Die Bullen würden mit einer Mischung aus Mais, Gras, Getreide und Mineralien gefüttert werden. Die Biogasanlage brauche unter anderem Mais. Alles aus eigenem Anbau. Und wenn es zu trocken ist, leidet die Ernte. Witte: „Wir haben keine Möglichkeit, die Felder zu bewässern. Das ist viel zu teuer.“
Bei anderen Landwirten, die sich beispielsweise ausschließlich auf die Mais- und Getreideernte konzentrieren, würden die Witterungsbedingungen große Sorgenfalten verursachen. Hans-Gerd Witte sagt: „Wir Landwirte sind alle von der Natur abhängig. Das ist eine riesige mentale Belastung. Man sieht die Pflanzen verdorren und kann nichts machen. Das sind riesige finanzielle Verluste. Nicht wenige gehen daran kaputt.“
Den Rindern, aus wirtschaftlichen Gründen hat der Landwirt aktuell keine Schweine auf dem Hof, mache die zunehmende Hitze derweil nicht ganz so viel aus. Die Ställe seien mittlerweile gut durchlüftet, das sei früher noch anders gewesen. „In Deutschland sind die Standards in Sachen Tierwohl heutzutage ganz hoch“, erklärt Witte.
Durchaus mal für Probleme sorgen kann die Hitze aber bei Menschen. Das weiß Dr. Klaus Gutberlet, Chefarzt der Inneren Medizin im Delme Klinikum Delmenhorst (DKD) ganz gut. „Die zunehmende Hitze hat sich bei unseren Patientinnen und Patienten bemerkbar gemacht. Die Auswirkungen schwanken je nach Ausmaß der Hitzewelle“, berichtet er. Die Menschen würden vor allem mit Kreislaufproblemen und Kollapsen in die Klinik kommen. Warum eigentlich?
Frage: Herr Dr. Klaus Gutberlet, was macht die Hitze mit unserem Körper?
Antwort: Wir können die Wärme schlechter abgeben, da die Umgebungstemperatur höher ist. Diese Temperaturabgabe läuft besonders über die Blutgefäße an Armen, Beinen, Händen und Füssen, die man nicht zudecken sollte. Daher kommt auch der Vorschlag mit lauwarmen Duschen vor dem Schlafen. Sport kurz vor dem Schlafengehen beispielsweise erzeugt zusätzliche Hitze und ist ungünstig, während andererseits Sport vier Stunden vor dem Schlafen wissenschaftlich untersucht die Wärmeabgabe fördert.
Frage: Warum schlafen wir bei hohen Temperaturen eigentlich schlechter?
Antwort: Grundsätzlich sind wir im Schlaf verletzlich, daher signalisiert unser Körper als tief verankerten Überlebensreflex bei einer Störung wie Hitze: ´Hier stimmt was nicht, nicht einschlafen!´
Frage: Bei Hitze sollte man ja besonders viel trinken. Wie viel Flüssigkeit muss es sein?
Antwort: Sie können recht einfach darauf achten, dass der Urin hell bleibt. Pauschal kann man dies nicht sagen. Bei Fieber gilt beispielsweise die Faustregel, ein Liter Flüssigkeit zusätzlich pro Grad Temperaturerhöhung.