Berlin  Sexuelle Übergriffe im Nachtleben: Bei K.o.-Tropfen geht es um Macht, nicht um Sex

Barbara Nolte
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Von Barbara Nolte
| 09.07.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Sexualisierte Gewalt ist laut der Psychologin Charlotte Hirz auch ein Problem gesellschaftlicher Machtstrukturen. Foto: Unsplash/Max Titov
Sexualisierte Gewalt ist laut der Psychologin Charlotte Hirz auch ein Problem gesellschaftlicher Machtstrukturen. Foto: Unsplash/Max Titov
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Die Psychologin Charlotte Hirz berät Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Dies passiere „am laufenden Band“, sagt sie. Von problematischen Machtstrukturen, der Scham der Opfer und dem Fall Rammstein.

Die gesellschaftliche Debatte über sexuelle Übergriffe ist allgegenwärtig. Dabei sind die Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann nur der jüngste Fall von mutmaßlichem Machtmissbrauch und sexueller Nötigung. Im Interview spricht die Psychologin Charlotte Hirz über Klischees, Aufklärung und Prävention aber auch über sexualisierte Gewalt als Problem gesellschaftlicher Machtstrukturen.

Frage: Frau Hirz, sexualisierte Übergriffe wurden jahrzehntelang als ausschweifender Lebensstil verklärt ...

Antwort: ... die gesellschaftliche Debatte darüber ist vielleicht neu. Aber dass so etwas am laufenden Band passiert, ist nicht neu.

Frage: Stichwort „Date Rape“: Nach anfänglich beidseitigem Interesse schlägt die Situation irgendwann in einen Übergriff um, manchmal sogar in eine Vergewaltigung. Wie verbreitet ist das in Berlin?

Antwort: Das kann ich nicht beziffern. Was ich sagen kann: Vergewaltigungen entsprechen nur in den seltensten Fällen dem Bild, das man im Kopf hat. Dunkle Gasse, Frau, die allein unterwegs ist, Überfall.

Antwort: Meistens gibt es vorher irgendeine Art von Annäherung zwischen Täter und Opfer, manchmal auch eine Körperlichkeit. Betroffene empfinden deshalb oft große Scham. Mitunter müssen sie sich von Freunden und Familie anhören: „Warum bist du da überhaupt hingegangen?“ Oft hört man: „Es war doch klar, dass es bei After-Show-Partys um Sex geht!“ Ich erlebe in meinen Beratungen oft, dass sich Frauen diese Vorwürfe selbst machen: „Warum habe ich mich darauf eingelassen? Ich hätte die Gefahr sehen müssen!“

Frage: Ist es wirklich Scham, was Opfer von sexuellen Übergriffen besonders quält?

Antwort: Ja, neben vielen anderen Trauma-Symptomen. Manche schämen sich auch, weil sie sich für eine Person gehalten haben, die sich wehren kann, Nein sagen kann. Und dann haben sie es in der Situation nicht gekonnt, weil sie in der akuten Gefahrensituation wie eingefroren waren.

Frage: Sie versuchen, den Frauen die Scham auszureden?

Antwort: Ich versuche, das Ganze einzuordnen. In dem Sinne: Es ist okay, diese Gefühle zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass irgendeine Art von Schuld auf der Seite der Betroffenen liegt. Die Verantwortung liegt zu hundert Prozent bei der Person, die diese Grenze überschritten hat.

Frage: K.-o.-Tropfen spielen bei Date Rapes eine Rolle. Zahlen, wie häufig sie eingesetzt werden, gibt es nicht. Wie oft berichten Ihnen Frauen die Vermutung, mit diesen Substanzen sediert worden zu sein?

Antwort: Zwischen fünf und zehn Prozent unserer Beratungen haben mit K.-o.-Tropfen zu tun. Hinzu kommt, dass Frauen bei unserer Hotline anrufen, um sich über die Wirkung von K.-o.-Tropfen zu erkundigen ...

Frage: ... Frauen, die Erinnerungslücken haben?

Antwort: Erinnerungslücken, blaue Flecken, für die sie keine Erklärung haben, Verletzungen, Schwangerschaften.

Frage: Schwangerschaften?

Antwort: Ja, auch das kommt vor.

Frage: Gab es Fälle, in denen der Täter, der einer Frau K.-o.-Tropfen verabreicht hat, vor Gericht gestellt werden konnte?

Antwort: Ich weiß von Kolleginnen, die das schon erlebt haben. Ich hatte noch keinen Fall. Man braucht viel Glück. K.-o.-Tropfen werden im Körper schnell abgebaut. Nur sechs Stunden sind sie im Blut nachweisbar, zwölf Stunden im Urin.

Frage: Betroffene sollten sofort nach der Tat zur Gerichtsmedizin gehen.

Antwort: Ja. Das ist das Problem. Betroffene müssen sich erst mal klar darüber werden, was ihnen passiert ist, denn sie waren ja bewusstlos. Man muss sich die Situation nur einmal vorstellen: Man wacht irgendwo auf, kann sich nicht erinnern, wie man dorthin gekommen ist, hat Verletzungen, von denen man nicht weiß, woher sie stammen.

Antwort: In einer solchen Situation stehen die meisten Frauen erst mal neben sich. Sie müssen aber gleich schalten, was passiert sein könnte, und dann zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Oder bei der Gerichtsmedizin eine Untersuchung verlangen, um Spuren zu sichern. Das kann Stunden dauern. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei etwas gefunden wird, wird mit jeder Minute kleiner. Und in Berlin gibt es nur wenige Adressen, wo das möglich ist und wo das einer Gewalterfahrung entsprechend sensibel behandelt wird.

Frage: Noch schwerer nachzuweisen ist sogenanntes Needle Spiking, ein Verbrechen, über das vor zwei Jahren erstmals in Großbritannien berichtet wurde: Männer spritzen im Trubel der Tanzfläche Frauen K.-o.-Tropfen in den Rücken oder Arm. Hatten Sie schon damit zu tun?

Antwort: Ich hatte noch keine Frau in meiner Beratung, die einen solchen Verdacht geäußert hat, aber das heißt nicht, dass es nicht vorkommt. Wir von LARA beraten zwar 1500 Frauen im Jahr. Doch wir sind so überlastet, dass wir manchmal über Wochen keine Termine anbieten.

Antwort: Ein Fall ging ja durch die Medien. Eine Frau hatte im vergangenen Jahr auf Instagram gepostet, dass sie auf der Tanzfläche des Berghain plötzlich Atemnot bekommen habe, zusammengebrochen sei und mit Krämpfen auf dem Boden gelegen habe. Später habe sie einen Nadeleinstich an ihrem Arm gefunden. Daraufhin hat das Berghain das Awareness-Konzept aufgelegt.

Frage: Die Frage bei Needle Spiking ist, warum Männer das Risiko auf sich nehmen, wo sie den Frauen die K.-o.-Tropfen einfach in den Drink schütten könnten.

Antwort: Ich möchte mich nicht in die Motive der Täter hineinversetzen. Aber vielleicht ist es ein besonderer Kick. Man muss sich vor Augen führen: Beim Einsatz von K.-o.-Tropfen geht es nicht um Geschlechtsverkehr, sondern darum, eine Person außer Gefecht zu setzen, Macht auszuüben und sie zu dominieren. Wir haben viele Fälle, in denen die Betroffenen gesagt haben: „Hey, klar, es stand Sex im Raum. Da hätte ich auch nichts dagegen gehabt. Deswegen verstehe ich überhaupt nicht, warum er das gemacht hat.“

Frage: Das Landeskriminalamt Niedersachsen warnte vergangenes Jahr ausdrücklich vor der Gefahr, wenn Dates über Online-Plattformen zustande kommen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Antwort: Ich finde die Frage schwierig. Der Umkehrschluss wäre problematisch, dass Dates, die außerhalb des Internets zustande kommen, sicher sind. Das Problem sind nicht die Dating-Apps, sondern die Personen, die sie missbrauchen.

Frage: Aber da es diese Personen gibt, ist es sinnvoll, Muster zu kennen, um sich zu schützen.

Antwort: Klar ist Aufklärung wichtig: Was ist im Zweifelsfall zu tun? Frauen sind sich der Gefahren bewusst. In der europäischen Studie „Sexism Free Night“, an der ich mitgewirkt habe, haben 66,6 Prozent angegeben, ihren Schlüssel in der Hand zu halten, wenn sie nachts alleine unterwegs sind, 67 Prozent simulieren ein Handy-Gespräch.

Antwort: Wenn man Frauen rät, bestimmte Dinge zu unterlassen, überträgt man ihnen die Verantwortung, sexualisierte Gewalt zu verhindern. Damit es keine sexualisierte Gewalt mehr gibt, müssen die Personen, die sie ausüben, damit aufhören. Es handelt sich um ein Problem gesellschaftlicher Machtstrukturen. Nicht nur Frauen sind betroffen, sondern auch Personen mit trans und nonbinärer und intergeschlechtlicher Identität, die wir auch beraten.

Frage: Sie schulen Berliner Barpersonal und Clubbetreiber darin, heikle Situationen zu erkennen und einzuschreiten. Könnten Sie das genauer erklären?

Antwort: Das Programm ist so aufgebaut, dass es den Bystander-Effekt berücksichtigt.

Frage: Der besagt, dass Hilfe umso unwahrscheinlicher ist, je mehr Leute drum herum sind ...

Antwort: ... weil man eben denkt: Wenn die anderen die Situation nicht als Gefahr einschätzen, dann ist es wohl keine. Dabei kann man sich gut auf sein Bauchgefühl verlassen. Wenn man ein ungutes Bauchgefühl hat, kann man davon ausgehen, dass es der betroffenen Person nicht gut geht – und man sollte eingreifen.

Frage: Wie genau?

Antwort: Oft reicht es schon, eine Irritation zu schaffen, indem man zur betroffenen Person geht und fragt: „Wie spät ist es?“ oder „Hast du Feuer?“ Täter fühlen sich oft sicher, wenn niemand etwas unternimmt. Indem man die bedrängte Person anspricht, signalisiert man, dass man die Situation wahrnimmt. Manchmal ist es sinnvoll, direkt zu fragen: „Möchtest du aus dieser Situation heraus?”

Frage: Haben Sie das Gefühl, dass es durch die MeToo-Kampagne Frauen leichter fällt, über sexualisierte Gewalt, die ihnen widerfahren ist, zu sprechen?

Antwort: Ja, aber ich glaube auch, dass es ist eine Frage der Generation ist. Jüngere Menschen, die sich mit den Themen Gleichberechtigung und Feminismus beschäftigen, tauschen eher untereinander ihre Erfahrungen aus. Einigen von ihnen fällt es leichter, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, was positiv ist, da es darum geht, sexualisierte Gewalt sichtbar zu machen.

Frage: Zuletzt berichteten Frauen anonym über ihre Erfahrungen nach Konzerten. Aus Scham?

Antwort: Das wundert mich nicht. Die Personen, die sich geäußert haben, müssen Beschimpfungen im Internet und sogar Gewaltandrohungen ertragen. Man muss sich nur die Kommentarspalten zu den Artikeln anschauen! Außerdem ist das Stereotyp des Opfers, das in unserer Gesellschaft existiert, sehr unangenehm.

Frage: Was meinen Sie genau?

Antwort: Unter einem Opfer stellt man sich oft eine schwache, völlig zerstörte Frau vor. Nur wenn sie so reagiert, wird ihr geglaubt, dass ihr etwas Schlimmes widerfahren ist. Aber dieses Bild passt in den meisten Fällen überhaupt nicht zur Trauma-Reaktion, die viele Betroffene haben, und auch nicht zu dem Spektrum an Emotionen, die auftreten, wenn jemand Gewalt erlebt hat.

Frage: Wie äußert sich eine Trauma-Reaktion?

Antwort: Ein Trauma wird definiert als eine Erfahrung, die so großen Stress verursacht hat, dass sie nicht mehr verarbeitet werden kann. Manchmal äußert sich das in Flashbacks oder Panikattacken. Das Spektrum ist ziemlich breit. Wenn eine Person wieder mit dem Täter konfrontiert wird, zum Beispiel in einer Gerichtsverhandlung, kann es dazu führen, dass die Person als Schutzmechanismus komplett dissoziiert.

Frage: Was heißt das?

Antwort: Die Person wirkt apathisch, so, als wäre sie ganz woanders. Sie antwortet monoton. Dann wird gesagt: „Sie hat noch nicht mal geweint. Dann kann es wohl nicht so schlimm gewesen sein.“ Es besteht ein Mangel an Wissen darüber, was eine traumatische Reaktion ist.

Frage: Aber es gibt bei Gericht psychologische Gutachter, die darüber Bescheid wissen.

Antwort: Mein Eindruck ist trotzdem, dass das Verhalten von Betroffenen Auswirkungen darauf hat, für wie glaubwürdig sie angesehen werden. Die Art, wie Prozesse in Deutschland geführt werden, ist für Betroffene oft eine große Belastung. Sie müssen vor Gericht explizite, intime, schwierige Fragen beantworten.

Antwort: Prozesse dauern in der Regel bis zu zwei Jahren, manchmal sogar länger. Und in der Zeit findet man von diesem Thema einfach keine Ruhe. Und dann enden nur 8,4 Prozent der Verfahren mit einer Verurteilung, wie der Bundesverband „Frauen gegen Gewalt“ errechnet hat.

Frage: Wäre Ihrer Ansicht nach eine Verschärfung des Sexualstrafrechts nach schwedischem Vorbild sinnvoll, wo nicht, wie bei uns, ein „Nein“ vom Sexualpartner akzeptiert werden muss, sondern ein explizites „Ja“ verlangt wird?

Antwort: Sehr viel verspreche ich mir davon auch nicht. Denn wieder liegt die Verantwortung auf der Seite der Frauen, die in quälend langen Verhören nachweisen müssen, nicht zugestimmt zu haben. Außerdem berücksichtigt es nicht das Machtgefälle, das bei MeToo-Fällen besteht und das es für Betroffene extrem schwer macht, in der Situation ihre Grenze zu ziehen.

Frage: Helfen öffentliche Debatten, weil sie die Grauzone weiter ausleuchten, was einvernehmlicher Sex ist?

Antwort: Es gibt keine Grauzone. Einvernehmlichkeit kann jederzeit zurückgenommen werden. Dann handelt es sich um eine Vergewaltigung.

Dieses Interview erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.

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