Hamburg  Atomkraftwerk zwischen den Fronten: Warum kein zweites Tschernobyl droht

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 07.07.2023 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Das hat kein AKW in der Welt bisher durchgemacht“: Expertin Anna Veronika Wendland über das AKW Saporischschja. Foto: Imago Images/Itar-Tass
„Das hat kein AKW in der Welt bisher durchgemacht“: Expertin Anna Veronika Wendland über das AKW Saporischschja. Foto: Imago Images/Itar-Tass
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Die Sorgen um das Atomkraftwerk Saporischschja sind groß: Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, einen Angriff auf das Kraftwerk zu planen. Was könnte im schlimmsten Fall passieren? Wir haben mit der Osteuropa- und Technikhistorikerin Anna Veronika Wendland gesprochen.

Nicht erst seit der Sprengung des Kachowka-Staudammes durch Russland wird immer deutlicher, wie verwundbar Energieinfrastrukturen im Ernstfall sind. Der ultimative Alptraum vieler Menschen spielt sich derzeit in Saporischschja ab: Hier droht unter Umständen eine weitere völkerrechtswidrige Eskalation des Kriegsgeschehens.

Welche Folgen könnte ein Angriff auf Europas größtes Atomkraftwerk haben? Wir haben mit der Osteuropa- und Technikhistorikerin Anna Veronika Wendland über mögliche Gefahren durch einen Angriff auf das AKW gesprochen.

In welchem Zustand befindet sich das Atomkraftwerk Saporischschja derzeit?

„Seit September 2022 sind die sechs Blöcke abgeschaltet, es findet keine Kernspaltung mehr statt“, sagt Wendland. „Die Brennelemente sind im Abklingbecken.“ Hauptsächlich komme es jetzt auf die Beckenkühlung an und dass das Wasserniveau im Kühlwasserteich, aus dem sich das Abklingbecken speist, stabil bleibe. „Die Brennelemente haben dank der langen Zeit seit dem Herunterfahren inzwischen eine deutlich geringere Nachzerfallswärme.“

Was sind mögliche Risikoszenarien?

Sollte die Stromversorgung des Kraftwerks unterbrochen werden, würde das unter anderem auch die Umwälzpumpen für das Kühlsystem im Abklingbecken betreffen. Ein Beschuss der Anlage wiederum könnte die Standfestigkeit des Kühlwasserteichs beinträchtigen: Er könnte instabil sein seit der Sprengung des Kachowka-Staudamms, ist allerdings laut dem Bundesamt für Strahlenschutz nicht akut gefährdet. Es gibt auch Alternativen der Wasserversorgung, in Frage kommen laut Wendland eine mobile Schlauchverbindung mit Feuerlöschpumpen direkt zum Fluss Dnipro, zudem gebe es eine Versorgung mit Tiefbrunnen. „Die daraus bezogene Wassermenge wäre genug, um Brennelemente zu kühlen“, sagt Wendland.

Welche Zerstörungen könnten die Russen dem Atomkraftwerk mutwillig zufügen?

„Man muss zwischen dem unterscheiden, was dem AKW durch Kampfeinwirkungen passieren kann, z.B. Stromausfall und Zufallstreffer, und dem, was die Russen willentlich zerstören könnten, z.B. durch gezielte Sprengung“, sagt Wendland. „Eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie das AKW für lange Zeit unbrauchbar machen. Man muss dafür dem Reaktor selbst gar nichts antun, es reicht schon, die Turbinen und Generatoren zu beschädigen.“

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Russen das Kraftwerk angreifen oder zerstören?

„Die Russen verhalten sich immer nach einem gewissen Drehbuch, das wir bei der Staudammsprengung von Kachowka gesehen haben: Attacken vorbereiten; dies dementieren; es am Ende trotzdem machen und den Ukrainern in die Schuhe schieben. Deswegen haben die Ukrainer zumindest berechtigte Befürchtungen. Der Westen hat immer noch nicht verstanden, wie Russland tickt“, sagt Wendland.

„Irgendein Feuerzauber“ oder auch ein Szenario der verbrannten Erde sei demnach durchaus denkbar – ebenso, dass die Russen unter irgendeinem Vorwand einfach gesichtswahrend abziehen. „Dass die Russen einen ganz großen Reaktorunfall provozieren, halte ich für nicht wahrscheinlich. Es ist aber auch nicht undenkbar.“

Welche Folgen könnte das haben – droht jetzt ein neues Tschernobyl?

„Es wird auf keinen Fall so ausgehen wie bei Tschernobyl.“ Wendland erklärt: „Damals flog innerhalb von Sekunden der ganze Reaktor auseinander, es gab einen Grafitbrand und das erzeugte eine starke Thermik. Die radioaktiven Stoffe wurden sehr schnell sehr weit verfrachtet, der Ostwind trug dazu bei, dass man auch radioaktiven Fallout in Mittel- und Westeuropa hatte. Die Bedingungen in Saporischschja sind aber ganz anders. Da geht es um die Brennelemente in den Abklingbecken. Wenn die Russen so ein Lagerbecken also nicht mutwillig entleeren und das Reaktorgebäude in die Luft sprengen, wofür es derzeit keinen Anhaltspunkt gibt, dann hat man, etwa bei einem Zusammenbruch der Kühlung, viel mehr Reaktionszeit bis zu einer Freisetzung.“

Inwieweit wäre Deutschland davon betroffen – kommt hier irgendwas davon an?

Da ist sich die Expertin sicher: „Für Deutschland besteht überhaupt keine Gefahr.“ Dennoch machen sich viele Menschen seit Beginn des Krieges um das Atomkraftwerk Saporischschja große Sorgen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) beobachtet die Lage seit Beginn des Krieges nach eigenen Angaben intensiv: „Messwerte aus der Ukraine wie den Nachbarstaaten liefern weiterhin keine Hinweise auf eine Freisetzung von radioaktiven Stoffen. Das BfS überprüft täglich etwa 500 bis 600 Messwerte in der gesamten Ukraine und hat eine 24/7-Rufbereitschaft.“

Sollte dennoch Radioaktivität freigesetzt werden und in einer eher seltenen Ostwindlage nach Deutschland gelangen, schätzt das BfS die Gefahr so ein: Notfallmaßnahmen würden voraussichtlich nur für die Landwirtschaft und die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte ergiffen werden, heißt es auf der Website. „Nach den Berechnungen des BfS ist nicht zu erwarten, dass weitergehende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung notwendig wären.“ Auch von der Einnahme von Jodtabletten rät das BfS ausdrücklich ab. Und Expertin Wendland stellt klar: „Nicht alles, was messbar ist, ist auch gefährlich.“

Sowohl Russland als auch die Ukraine werfen sich gegenseitig vor, die Anlage angreifen und eine Havarie provozieren zu wollen. Was ist davon zu halten?

„Beide Seiten, die Ukraine und Russland, arbeiten mit einer Angstkommunikation“, stellt die Osteuropahistorikern Wendland fest. „Das ist aus ukrainischer Sicht zwar menschlich und politisch verständlich: Die Ukraine will damit an die Weltöffentlichkeit und die Verbündeten appellieren. Es ist aber auch gefährlich: Sie läuft damit Gefahr, die Panik bei der eigenen Bevölkerung anzuheizen. Warnt sie zu oft vor Ereignissen, die dann nicht eintreten, macht sie sich unter Umständen auch unglaubwürdig.“

Das AKW ist nahezu seit Beginn des Krieges umkämpft und immer wieder auch Beschuss ausgesetzt, ohne dass bislang etwas Gravierendes passiert ist. Wie kann das sein?

„Das AKW Saporischschja hat während des Krieges schon alle erdenklichen Betriebszustände durchlaufen: sieben Notstromfälle, wo das Kraftwerk keine Netzanbindung mehr hatte und Dieselgeneratoren die Anlage versorgen mussten, und einen Lastabwurf auf Eigenbedarf, d.h. eine Woche, wo das AKW seinen Strombedarf nach so einer Netztrennung mit einem der Reaktorblöcke produziert hat. Das hat kein AKW in der Welt bisher durchgemacht, und bislang hat die Anlage das gut überstanden.“ Das liegt laut Wendland nicht zuletzt auch an der Bauart: „Sowjetische Druckwasserreaktoren sind in einigen Aspekten zwar einfacher aufgebaut als deutsche Anlagen, aber sie sind sehr robust und haben große Sicherheitsreserven.“

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