Osnabrück Kreuzfahrten endlich klimaneutral? Das sind die Pläne der Meyer Werft in Papenburg
Die Kreuzfahrtbranche boomt. Die Meyer Werft in Papenburg baut im Auftrag internationaler Reedereien Kreuzfahrtschiffe. Doch wann ist endlich eine klimaneutrale Kreuzfahrt möglich? Das sagen Experten.
20 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr eine Kreuzfahrt unternommen. 2019 vor der Corona-Pandemie lag die Nachfrage sogar bei 30 Millionen Plätzen auf den Urlaubsschiffen. Und das, obwohl diese Form des Tourismus umstritten ist: Erstens weil die Schiffe mit umweltschädlichen Treibstoffen fahren, Venedig und Dubrovnik haben zudem das Anlegen der Schiffe reglementiert. Außerdem steht der Vorwurf des „Overtourism“, einer Tourismusform, die das Leben der Einheimischen vor Ort stört, im Raum. Wie kann sich die Branche zum Guten entwickeln?
Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erhebt jährlich die Zahlen der CO2-Ausschüttung der internationalen Kreuzfahrt-Reedereien und kommt zu dem Ergebnis: „Man sieht Fortschritte in der Branche, insgesamt ist die Kreuzfahrt aber nicht klimafreundlich“, ordnet der Nabu-Schifffahrtsexperte Sönke Diesener im Live-Talk zum Thema „Traumurlaub oder Umweltsünde: Wie klimaschädlich sind Kreuzfahrten?“ ein. Kreuzfahrtschiffe sind große Emittenten von Luftverschmutzung und Treibhausgasen.
Eine Woche Kreuzfahrt beziffert der Nabu mit einem Durchschnittswert von zwei Tonnen CO2, auf kleinen Schiffen steigt der ökologische Fußabdruck allerdings, auf sehr großen Schiffen liegt er darunter. Das liegt daran, dass die großen Schiffe oftmals auf Energieeffizienz getrimmt sind und der Anteil der Gäste an der Luftverschmutzung sinkt, je mehr Menschen an Bord sind. Besonders klimaschädlich seien allerdings Kreuzfahrten mit einem Expeditionskreuzfahrtschiff durch die Arktis, mit einer solchen Reise erreicht man laut Nabu einen Wert von bis zu zehn Tonnen CO2. „Das ist mehr als ein Bürger in Deutschland im ganzen Jahr ausstößt. Niemand auf der Erde sollte sich das herausnehmen, so viel CO2 zu emittieren auf eine Urlaubsreise“, so Diesener.
Ein weiterer Richtwert für das klimaschädliche Ausmaß der Reise ist zusätzlich die Anreise. Wer zu dem Kreuzfahrtschiff fliegt, womöglich sogar mit einem Langstreckenflug, verdoppelt den ökologischen Schaden des Urlaubs. „Wer aber mit der Bahn anreist und durch die Ostsee eine Kreuzfahrt macht, dann kann sich diese Form der Kreuzfahrt messen. Aber wer reist schon mit der Bahn zur Kreuzfahrt an?“, so Diesener.
Grafik: Auf Kreuzfahrt in die Klimakrise
Seit 2012 muss sich die Kreuzfahrtbranche den Vorwürfen der Klimaschädlichkeit stellen, sagt Alexis Papathanassis, Professor für Seetouristik und Touristik sowie Rektor der Hochschule Bremerhaven: „Klimafreundlich ist die Branche nicht, ist es auch nie gewesen.“ Auch auf weiteren Ebenen sei Kreuzfahrt nicht nachhaltig, schaue man sich gesellschaftliche und ökonomische Nachhaltigkeit an. „Die Diskussion über Nachhaltigkeit nur auf die Diskussion über CO2 zu reduzieren, ist nicht zielführend. Man verschiebt den Schaden“, so Papathanassis.
Die Entwicklung der Schiffe sei deutlich effizienter geworden, was Sönke Diesener vom Nabu begrüßt: „Das ist der erste Hebel, an dem man drehen kann, bevor klimaneutrale Treibstoffe eingesetzt werden können.“ Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass der Branche eine besonders große Verantwortung zukäme. Während der Frachtverkehr einen Sinn erfülle, finde eine Kreuzfahrt aus Spaß statt, was die Verantwortung der Branche steigere.
Klimaneutralität sei nicht nur von der Kreuzfahrtindustrie gefordert, betont auch Gijs Streppel, Programm-Manager Sustainability bei der Meyer Werft. Das emsländische Unternehmen zählt zu den größten Werften der Welt.; Kunden wie der Disney-Konzern und Norwegian Cruise Line (NCL) lassen ihre Kreuzfahrtschiffe in Papenburg bauen. „Wir sind ungefähr ein halbes Prozent der maritimen Industrie. Und gleichzeitig hat das eine gewisse Vorbildfunktion, die Kreuzfahrt ist sichtbar und im Tourismussektor.“ Das sorge für eine gewisse Innovationskraft in der gesamten maritimen Industrie.
Der Nabu definiert einen klaren Ansprechpartner für Entwicklungsfragen in der Kreuzfahrtindustrie: „Es gibt gesetzliche Rahmenbedingen, die sich ändern müssen“, betont Sönke Diesener. Nicht nur müssten die Unternehmen aus eigenem Antrieb saubere Technologien verwenden; auch muss der Gesetzgeber diesen Prozess regulieren. „Da fehlt allerdings das Ambitionsniveau, das wir eigentlich bräuchten, um den Klimawandel aufzuhalten“, so Diesener.
Doch es gebe auch von Unternehmensseite ein Bestreben, klimafreundlicher zu werden, berichtet Gijs Streppel: „Viele Unternehmen haben gesagt, die ersten klimaneutralen Schiffe müssen 2030 bis 2035 auf den Markt kommen. Das muss die Werftindustrie bis dahin natürlich auch zur Verfügung stellen“, so Streppel. Man arbeite schon lange an diesen Forderungen.
Die Branche müsse sich wandeln, weiß Gijs Streppel: „Wir arbeiten schon lange an Klimaneutralität, es soll aber nicht nur um die CO2-Emissionen gehen.“ So habe die Wasseraufbereitung an Bord höhere Standards als an Land, auch habe man 15 Jahre an LNG-Technik geforscht, um die Luftverschmutzung durch Schwefel und Rußpartikel zu vermeiden. „Es ist wichtig, da zu unterscheiden: Ja, wir verbrennen in der Industrie fossile Brennstoffe und müssen CO2 reduzieren, aber wir sind viel breiter aufgestellt, um das allumfassende Thema Nachhaltigkeit voranzutreiben“, betont Streppel.
Technologien, die aktuell in den Blick genommen werden, sind besonders die Methanol-Wasserstoff-Brennstoffzellen. Sauerstoff und Kohlendioxid werden der Luft entnommen, klimaneutrales, synthetisch hergestelltes Methanol hinzugegeben. Die Brennstoffzelle wandelt schließlich den Wasserstoff im Methanol in Strom um, der den Elektromotor antreibt. Davon verspricht sich auch Gijs Streppel von der Meyer Werft eine neue Perspektive: „Während der synthetischen Herstellung von Methanol kann das Kohlenstoffatom aus der Luft entnommen werden und ein klimaneutraler Kreislauf erzeugt werden.“ Kreuzfahrtschiffe könnten so klimaneutral betrieben werden. Auch ältere Schiffe wollen man auf diese Technologie umrüsten.
Aktuell betreibt die Meyer Werft ihre Schiffe mit einer Kombination aus Batteriepaketen und Brennstoffzellen. Schon in diesem Jahr wolle man Schiffe mit diesen Technologien abliefern, die einen Großteil der Energie aus klimaneutralen Energieformen gewinnen.
„Corona war ein Bruch, wenn auch ein kurzweiliger“, betont Alexis Papathanassis. Der Professor pronostiziert der Kreuzfahrtbranche eine Nachfrage, die sich bis 2030 auf den Wert vor Corona von etwa 30 Millionen Kreuzfahrten pro Jahr steigern wird. Dann komme es zu einer Stagnation, die sich nicht nur an den Passagierzahlen, sondern auch an den Kapazitäten der Schiffe bemisst.
Grafik: Die Kreuzfahrtbranche setzt Kurs auf Normalität
Kürzlich verabschiedete die EU im Zug des Green Deals ein Dossier, das eine gewisse Quote von E-Fuels ab 2030 anordnet. „Das ist eine geringe Quote, aber sie gibt Investitionssicherheit und verschiedene Werften werden jetzt grünes Methanol in Europa produzieren“, stellt Diesener in Aussicht. „Die Mengen müssen gewaltig hochskaliert werden, aber es passiert etwas.“ Bis Mitte 2040 hofft der Nabu aber auf eine klimaneutrale Branche, bis dahin müsse Verzicht eine Rolle spielen, da es sich um ein Luxussegment handelt.
Auch die Meyer Werft setzt sich hier ehrgeizige Ziele: Sie will bis spätestens 2035 klimaneutrale Schiffe bauen und bis 2045 die gesamte Flotte umgerüstet haben. „Was deutlich früher ist, als alle maritimen Organisationen als Richtlinie herausgegeben haben“, ordnet Streppel ein.
Kreuzfahrten finden international statt, schließen damit auch Länder im Süden ein, wie Alexis Papathanassis betont: „Für viele Länder des globalen Südens sind Kreuzfahrt und Tourismus kein Spaß, sondern lebenswichtig.“ Viele Menschen würden in der Sommersaison versuchen, ausreichend Geld für das gesamte Jahr zu verdienen. Tourismus sei Luxus, aber dass er optional sei, gelte nicht mehr. Verbiete man Kreuzfahrten und Flüge, richte man internationalen Schaden an.
Die Frage sei vielmehr, so Papathanassis, wie man den Tourismus saisonfrei gestaltet: „Overtourism ist ein Nachhaltigkeitsproblem, weil die Ressourcen vor Ort so knapp werden.“ Schaffe man es, Tourismus über das ganze Jahr zu verteilen, könnte man mit weniger Einwirkungen auf das Klima Urlaub machen und weniger Schäden hinterlassen.