Berlin Energieberater: Bis 2028 werden noch 1,2 Millionen Gasheizungen eingebaut
Welche Heizung ist die richtige und wie komme ich da dran? Das verrät Stefan Bolln, Chef von Deutschlands größtem Energieberaterverband GIH. Der Schornsteinfegermeister rügt die Politik, die Leute mit dem Heizungsstreit total verunsichert zu haben.
Am Ende des Gesprächs platzt Stefan Bolln der Kragen: „Wir Energieberater stellen wirklich mit Schrecken fest, wie es die Politik geschafft hat, die Menschen dazu zu bringen, sich irriger Weise noch für eine Gasheizung oder sogar Holz zu entscheiden.“
Auch mit Blick auf Wasserstoff und Biogas seien „viele falsche Hoffnungen“ gemacht worden, sagt der 52-jährige Schornsteinfegermeister aus Itzehoe und Schatzmeister der Schleswig-Holstein-SPD. Seine Losung lautet: Erst Dämmen, dann Wärmepumpe oder Wärmenetze. Wie das im Einzelnen geht:
Frage: Herr Bolln, das Heizungsgesetzes verzögert sich durch die Entscheidung in Karlsruhe. Was halten Sie davon?
Antwort: Nun, es ist blöd für alle, die jetzt konkret vor der Frage stehen, was sie mit ihrer Heizung machen sollen. Es wäre wirklich fatal, wenn das Gesetz nicht zum 1. Januar in Kraft treten könnte. Es braucht endlich Planungssicherheit für die Menschen, die längst völlig verunsichert sind. Je schneller, desto besser! Deswegen müssen die Parlamentarier die Zeit im Sommer nutzen und sofort nach der Sommerpause das Gesetz verabschieden.
Frage: Dann sollte das Gesetz nicht noch mal aufgeschnürt werden, wie es die Unionsfraktion verlangt?
Antwort: Wir Energieberater sind mit dem Entwurf nur bedingt zufrieden. Vor allem, weil die Reduktion des Energieverbrauchs ausgeklammert ist. Und es ist aus unserer Sicht sehr ärgerlich, dass es noch einen Aufschub für Gasheizungen von vier Jahren gibt. Bis zum Abschluss der kommunalen Wärmeplanung wird kaum etwas passieren. Dadurch wird bei der Wärmewende kostbare Zeit verloren. Wir gehen davon aus, dass bis dahin in jedem Jahr noch rund 300.000 neue Gasheizungen eingebaut werden. Das ist in den allermeisten Fällen auf lange Sicht viel teurer für die Hausbesitzer und in jedem Fall schlecht für das Klima. Aber das Gesetz nochmal aufschnüren? Da wäre die Gefahr weiterer Verzögerungen viel zu groß. Also bitte nur ohne weitere Verzögerung.
Frage: Die AfD spricht von einem “Verarmungs- und Enteignungsgesetz”…
Antwort: Solche Unterstellungen sind falsch. Das eigene Haus fit machen für die Zukunft und auf elektrisches Heizen umzustellen steigert den Wert enorm. Auch 2045, wenn Deutschland klimaneutral sein soll, werden noch drei von vier Haushalten individuell heizen, also an kein Wärmenetz angeschlossen sein. Mit Gas und Öl zu heizen, wird nach und nach extrem teuer. Das Umrüsten geht nicht mit einem Fingerschnippen. Es braucht eine gute Planung. Aber der Staat gleicht Mehrkosten gegenüber der Anschaffung von Gas- oder Ölbrennern aus. Also: Wer behauptet, durch das Gebäudeenergiegesetz werde Eigentum vernichtet, liegt falsch und hat keine Ahnung. Wir werden nur nennenswert CO₂ und Kosten einsparen, wenn das Gesetz kommt. Ohne Gesetz bleiben wir weiterhin stehen. Wir müssten uns als Gesellschaft ehrlich machen und sagen: Klimaschutz interessiert uns nicht.
Frage: Gehen wir ein Beispiel durch: Das Einfamilienhaus aus den 70er Jahren hat eine 20 Jahre alte Gasheizung. Was tun?
Antwort: Unbedingt auf einschlägigen Portalen einen der 14.000 unabhängigen Energieberater suchen und mit ihm Bauteil für Bauteil durchgehen: Wie sehen die Wände aus, wie können sie isoliert werden? Die oberste Geschossdecke dämmen. Im Keller einfach verglaste Scheiben durch Doppelverglasung ersetzen oder die Decke dämmen, ebenso die Rohrleitungen der Heizung. Ein ganz entscheidender Schritt: Größere Heizkörper einbauen, weil mit größerer Fläche auch bei geringerer Wärmezufuhr höhere Zimmertemperaturen zu erreichen sind. Ich habe allein dadurch in meinem Haus die Leistung über die Heizkörper verdreifacht. So kann man es auch mit niedrigeren Vorlauftemperaturen schön warm bekommen. Mein dringender Rat: Mit der Umrüstung der Heizkörper sollte jeder rechtzeitig vor der nächsten Heizung beginnen. Und wenn dann irgendwann die Gasheizung den Geist aufgibt, ist die Wärmepumpe in den wirklich allermeisten Fällen die günstigste und sauberste Lösung.
Frage: Bloß keine neue Gas- oder Öltherme einbauen?
Antwort: Bei Gas oder Öl bitte sehr vorsichtig sein! Dass die Ampel den Einbau neuer Gasthermen auch in Bestandsbauten gegenüber den ursprünglichen Plänen um vier Jahre verlängert, ist ein großer Fehler. Schon heute ist Heizen mit Wärmepumpe preiswerter sein als mit Gas. Wenn die Therme kaputtgeht und in ein paar Jahren ein Wärmenetz kommt, wäre Gas womöglich erstmal eine günstige Übergangslösung. Generell rate ich meinen Kunden: Stecken Sie das gesparte Geld in die Modernisierung des Hauses, weil Heizen mit Gas durch die CO₂-Bepreisung definitiv teurer wird und sich ein späterer Umstieg auf elektrisch betriebene Wärmepumpen lohnt.
Frage: Biogas oder Wasserstoff sind keine guten Alternativen?
Antwort: Nein. Es ist sehr bedenklich, dass hier in den vergangenen Monaten viele falsche Hoffnungen geweckt worden sind. Wasserstoff wird nach Überzeugung der gesamten Fachwelt kaum zum individuellen Heizen verfügbar sein. Maximal als geringe Beimischung. Hier werden sowohl technisch als auch von den Kosten Irrwege aufgezeigt. Unter Experten herrscht Einigkeit: Die Wärmepumpe ist die neue Gasheizung. In 30 Jahren wird man sich sehr wundern, warum wir heute diese Diskussionen über Gas, Biogas und Wasserstoff geführt haben. Das hat schon dazu geführt, dass die Nachfrage nach Wärmepumpen eingebrochen ist. Die Verbraucher sind völlig verunsichert worden. Das ist auch verheerend für die vielen Installationsbetriebe, die nicht genau wissen, wohin sie ihren Betrieb ausrichten sollen. Das Ergebnis des Parteiengezänks ist Stillstand und Frust. Dabei will Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Niemand will das nicht, einige Bundesländer sogar schneller. Ich sehe nicht, wie wir das unter diesen Bedingungen noch schaffen sollen. Das einzig Positive: Wer jetzt eine Wärmepumpe kaufen will, kommt wieder schneller an das Gerät.
Frage: Wem raten Sie noch zur Pelletheizung?
Antwort: Wer in Süddeutschland lebt und günstig an Pellets kommt, oder wer in einem wirklich alten Haus lebt, bei dem die Dämmung unfassbar teuer wäre, für den könnten Pellets womöglich Sinn machen. Im Neubau sehe ich das für maximal fünf Prozent. Die Technologieoffenheit, die von einigen immer wieder und immer noch beschworen wird, ist nicht mehr als ein Placebo und irrelevant für die Masse der Haushalte. Wir Energieberater stellen da wirklich mit Schrecken fest, wie es die Politik geschafft hat, die Menschen völlig zu verunsichern oder dazu bringen, sich irriger Weise noch für eine Gasheizung oder sogar Holz zu entscheiden. Gerade in alten Gebäuden gilt: Ran an die Dämmung, um den Energiebedarf zu senken! Das ist das Allerwichtigste.