Osnabrück  Trotz Ukraine-Krieg: Warum Friedfertigkeit für Kinder so wichtig ist

Elena Werner
|
Von Elena Werner
| 10.07.2023 12:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Friedfertigkeit kann erlernt werden, glauben die Experten beim Osnabrücker Friedensgespräch. Foto: dpa/Boris Roessler
Friedfertigkeit kann erlernt werden, glauben die Experten beim Osnabrücker Friedensgespräch. Foto: dpa/Boris Roessler
Artikel teilen:

Krieg, Flucht, Vertreibung und Gewalt sind über Europa hereingebrochen. Doch wie können Kinder und Jugendliche in diesem Umfeld Frieden für die kommende Gesellschaft erlernen? Das fragten sich auch die Experten im Rahmen des Osnabrücker Friedensgesprächs.

Ukrainische Kinder in den Schulklassen, geflohene Kinder in den Fußballvereinen: Flucht, Migration und Krieg finden statt. So präsent, dass auch die Kinder und Jugendlichen unmittelbar damit konfrontiert sind – mit oder ohne direkte Fluchterfahrungen. Schulen kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu; hier sitzen die Kinder nicht nur Seite an Seite, sie berichten auch von ihren Erfahrungen und Hintergründen. Und, so die Forderung der Experten: Sie lernen Friedfertigkeit. Nur wie?

Uli Jäger, Professor und Leiter des Bereichs Friedenspädagogik und Globales Lernen der Berghof Foundation in Berlin, sieht vor allem aktuell erschwerte Bedingungen: „Die Digitalisierung hat ihr Gutes, aber auch Schattenseiten durch Desinformation.“ Nicht nur in diesem Punkt müssten Lehrer derzeit mehr leisten, auch brauche es umso mehr den Austausch, um das Auseinanderdriften der Gesellschaft und die internationalen Konflikte mit Kindern und Jugendlichen aufarbeiten zu können.

Hinzu komme, dass Erwachsene einen anderen Blick auf die Welt werfen, als Kinder und Jugendliche das tun, berichtet Edelgard Bulmahn, ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung a. D. und SDG-Botschafterin für Frieden und Demokratie. Der Krieg sei lange nicht so nah gewesen, habe nun unmittelbare Auswirkungen auf unser Leben, so Bulmahn: „Das Fundament unseres Zusammenlebens ist zerstört, jetzt erleben die Kinder und Jugendlichen, dass man für den Frieden kämpfen muss.“ So müsse man sich aktuell mehr denn je fragen, wie die Gesellschaft friedlich bleiben könne. Das gelinge jedoch nur, indem man positive Beispiele aufzeigt. „Pessimismus bringt uns nicht weiter, pessimistische Menschen werden nicht friedfertig sein“, ordnet Bulmahn ein.

Er beobachte jedoch keinen Weg der Konfliktlösung, vielmehr reagiere die Staatengemeinschaft mit Krieg, berichtet Johannes Hirata, Moderator der Runde. Stehe das nicht in Konflikt zu dem Erziehungsansatz, friedfertig zu reagieren? Nein, betont Uli Jäger: „Kinder und Jugendliche fragen sich aktuell vor allem, warum Putin Krieg führt und wo sie ukrainisch lernen können. Das Bedürfnis danach, handeln und helfen zu können, ist groß.“ Darum sei es angesichts der großen Sichtbarkeit des Krieges umso wichtiger, genau dem nachzugehen und Wissen zu vermitteln, wie ein Umgang mit Vielfalt und Desinformation aussehen könne.

Die Lösung liege auch im Recht auf Selbstverteidigung, betont Edelgard Bulmahn. Dieser Erziehungsinhalt stehe zwar einerseits in Kontrast zu der Friedfertigkeit, gleichzeitig „werden ansonsten Menschenrechte mit Füßen getreten.“ Um eben jenen Unterschied besser einschätzen zu können, sei ein eigener, innerer Frieden für Kinder und Jugendliche unerlässlich, ist sich Uli Jäger sicher: „Empathie und Ergebnisoffenheit setzen voraus, mit sich umgehen zu können.“ Und doch sei es nicht so einfach, einen Weg zu sich zu finden, besonders aktuell, wirft Wolfgang Dietrich, Professor und emeritierter UNESCO Chairholder for Peace Studies an der Universität Innsbruck, ein. Benachteiligung und Diskriminierung hinderten die Kinder und Jugendlichen daran, diese innere Ruhe finden zu können.

Abzuschätzen, wo Krieg beginnt und wo trotz Frieden Konflikte herrschen, sei ein Erziehungsinhalt, so Dietrich: „Mit dem Grundverständnis, diese Handlungskompetenz so früh wie möglich zu lernen, steht der gesamte Sektor inzwischen besser da als vor 50 Jahren.“ Und dennoch sei genau diese Erziehung eine Ressourcenfrage; besonders in den Schulen brauche es dafür Zeit und Personal, so Bulmahn: „Die Möglichkeiten der öffentlichen Haushalte sind angespannt, aber da kommt die umso wichtigere politische Aufgabe zum Tragen, Friedfertigkeit als Erziehungskompetenz zu ermöglichen.“

Wie gelingt es mit dieser schwierigen Ausgangslage, die Hoffnung zu bewahren und weiterhin für den Frieden einzustehen? „Was ist die Alternative?“, fragt sich Edelgard Bulmahn. Frieden sei etwas erstrebenswertes, das sei gesellschaftlicher Konsens. Auch Wolfgang Dietrich betont, einen Umgang mit Konflikten könne man lernen: „Wir haben so viel erreicht – und Konflikte bedeuten, dass wir leben.“

Ähnliche Artikel