Hamburg  Kinder aus Roma-Familie auf Klau-Tour? Behörden sprechen von Clan-Kriminalität

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 11.07.2023 03:33 Uhr | 3 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Polizei in Niedersachsen hat Clan-Kriminalität besonders im Blick. Auch Mitglieder einer Roma-Familie ordnen die Sicherheitsbehörden in dieses Feld ein. Foto: dpa
Die Polizei in Niedersachsen hat Clan-Kriminalität besonders im Blick. Auch Mitglieder einer Roma-Familie ordnen die Sicherheitsbehörden in dieses Feld ein. Foto: dpa
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Clan-Kriminalität oder nicht? In Niedersachsen gehen Kinder aus einer Roma-Großfamilie offenbar auf Diebestour. Die Sicherheitsbehörden benennen das so und sprechen von Clan. Der Zentralrat der Sinti und Roma spricht von Rassismus.

Sogenannte Clan-Kriminalität ist seit jeher ein sensibles Thema. Manche behaupten, es gebe so etwas gar nicht. Andere wiederum fordern ein härteres Vorgehen des Staates. Der versucht seit einigen Jahren einen Überblick über das Phänomen zu bekommen.

In Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen, beides Hochburgen von Clans, werden Lagebilder zur Clan-Kriminalität erstellt. Was in solche Lagebilder einfließt, was ein Clan ist und was nicht, definieren die Länder für sich. Konsens war bislang weitgehend: Tatverdächtige haben einen Bezug zum arabischen Raum, stammen aus arabischen Großfamilien.

Als die Sicherheitsbehörden in Niedersachsen kürzlich aber ihr Clan-Lagebild für das Jahr 2022 präsentierten, fiel eine Tätergruppe aus dem Rahmen. In der Präsentation, der sowohl Innenministerin Daniela Behrens als auch Justizministerin Kathrin Wahlmann (beide SPD) beiwohnten, hieß es: „Massendelikte im Bereich Eigentums- und Vermögenskriminalität durch Großfamilie aus der Ethnie der Roma [...]”.

Im Fokus der Ermittler: eine Roma-Großfamilie, bei der zumindest ältere Familienmitglieder eine rumänische Staatsbürgerschaft haben sollen. Die Ermittlungen führt die Staatsanwaltschaft Hildesheim. Hier sitzen auf Clan-Kriminalität spezialisierte Staatsanwälte. Sie haben eine Tätergruppe im Visier, die im Großraum Hannover lebt und der Hunderte Straftaten zugeschrieben werden; allein in diesem Jahr sind es 126 Verfahren.

Nahezu täglich sollen aus dem Kreise der Großfamilie Diebstähle begangen werden. Wobei es offenbar die Kinder sind, die gezielt auf Klau-Tour geschickt werden. In Barsinghausen sollen Mädchen ab elf Jahren bereits mehrfach ein Handygeschäft regelrecht geplündert haben. Die Kinder können strafrechtlich nicht belangt werden.

Für die Sicherheitsbehörden in Niedersachsen zählt die Großfamilie in den Bereich der kriminellen Clans, ihre Straftaten tauchen folglich in der Statistik zur Clan-Kriminalität auf. Das sorgt für Kritik. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma spricht von Rassismus und Diskriminierung.

Vorsitzender Romani Rose teilt unserer Redaktion mit, Straftaten müssten selbstverständlich verfolgt und aufgeklärt werden. Dass diese aber in Verbindung mit Herkunft und unter Bezug zu Clan-Kriminalität erfasst werden, sei inakzeptabel. Der Zentralrat sieht darin „eine Fortsetzung der rassistischen und antiziganistischen Sondererfassung, die trotz der leidvollen Geschichte unserer Minderheit und trotz des Verbots in unserer Verfassung widerrechtlich weiterbetrieben wird.”

Sinti und Roma wurden in den Zeiten des Nationalsozialismus verfolgt und viele von ihnen ermordet. Auch nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg erfuhr und erfährt die Minderheit weiter Rassismus und Diskriminierung hierzulande. Jahrzehntelang wehrten sich Sinti und Roma gegen eine Sondererfassung in Polizeistatistiken.

Das Vorgehen in Niedersachsen weckt bei Rose offenbar Erinnerungen an die Vergangenheit. „Dadurch werden deutsche Sinti und Roma ausgegrenzt, stigmatisiert und kriminalisiert und in den Fokus von Clankriminalität gerückt, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit mit Schwerstkriminalität in Verbindung steht”, sagt der Zentralratsvorsitzende und warnt: „Diese Form von Kriminalisierung gegenüber unserer Minderheit gibt den Rechtsextremen die Munition zur Rechtfertigung ihrer Gewalttaten, wie sie schon sehr oft gegenüber unserer Minderheit ausgeübt wurden.“

Das Innenministerium in Hannover legt indes Wert darauf, dass „Clankriminalität ethnienunabhängig betrachtet und erfasst” werde. Roma oder nicht spiele also keine Rolle. Vielmehr richte sich die Polizei bei der Einordnung, ob Clan oder nicht, nach einem Indikatorenkatalog. In dem stehen beispielsweise die Überhöhung der Familienehre oder ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft. Ebenso Indikatoren: eine Paralleljustiz und eine patriarchalisch-hierarchisch geprägte Familienstruktur.

Aus Sicht der niedersächsischen Ermittler treffen einige dieser Indikatoren offenbar auf die Roma-Großfamilie im Raum Hannover zu. Wie viele der rund 4000 im Lagebild Clan-Kriminalität erfassten Fälle Roma zugeordnet werden, kann das Innenministerium nicht sagen.

Auch das Nachbarland Nordrhein-Westfalen macht dazu auf Anfrage keine Angaben. Dort erfolgt die Erfassung noch einmal anders als in Niedersachsen, wie das Innenministerium in Düsseldorf auf Anfrage erklärt. Der Fokus liegt hier auf „türkisch-arabisch stämmigen Clans”. Deren Erfassung in NRW sorgt regelmäßig für Kritik, da die Sicherheitsbehörden sich offenbar vor allem an Nachnamen orientieren, weniger an Indikatoren wie in Niedersachsen.

Nach den Massenschlägereien im Ruhrgebiet zwischen libanesischen und syrischen Gruppen in den vergangenen Wochen wird nun eine Ausweitung der Erfassung geprüft. So könnten bald auch „syrische Clans” miterfasst werden. Die Prüfung dauere an, heißt es aus dem NRW-Innenministerium.

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