Schleswig-Holstein  Heide Simonis: Machtpolitikerin mit Herz und Haltung

Kay Müller
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Von Kay Müller
| 12.07.2023 19:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Heide Simonis (SPD, l), frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, nahm aus Anlass ihres 75. Geburtstags von Ralf Stegner, damaliger stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender, die Willy-Brandt-Medaille entgegen, die höchste Auszeichnung der Partei. Foto: Wolfgang Schmidt/dpa
Heide Simonis (SPD, l), frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, nahm aus Anlass ihres 75. Geburtstags von Ralf Stegner, damaliger stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender, die Willy-Brandt-Medaille entgegen, die höchste Auszeichnung der Partei. Foto: Wolfgang Schmidt/dpa
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Schleswig-Holsteins ehemalige Ministerpräsidentin Heide Simonis ist im Alter von 80 Jahren gestorben. 1969 tritt sie in die SPD ein und es folgt ein schneller politischer Aufstieg. Heide Simonis setzt sich durch und zeigt Mut zur Veränderung, auch nach ihrem Rückzug aus der Politik.

Es sind viele Sätze, die von Heide Simonis im Gedächtnis bleiben. Aber: „Viel Spaß und macht keinen Scheiß“, ist vielleicht der Satz, der die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin am besten charakterisiert. Sie sagt ihn zur Eröffnung der Kieler Woche 1996 – und die Menschen folgen ihr, weil sie bodenständig ist und doch Klartext redet.

Jetzt ist diese Stimme nach langer schwerer Krankheit kurz nach ihrem 80. Geburtstag für immer verstummt. „Ihren Wagemut, ihre Standhaftigkeit und ihr unfassbares Talent, Menschen für sich zu gewinnen, werden wir für immer in Erinnerung behalten“, sagt die aktuelle SPD-Vorsitzende Serpil Midyatli – und greift damit etwas zu kurz. Denn Simonis ist gerade in den 90er Jahren so etwas wie die stille Reserve und das gute Gewissen der Partei, in der sich die so genannten Enkel Willy Brandts um die Macht streiten.

Simonis ist ein Gegengewicht zu alten Machtstrukturen – etwa, als die Ministerpräsidentin 1995 SPD-Chef Rudolf Scharping und seinem Kontrahenten Gerhard Schröder vorwirft, sie benähmen sich „wie kleine Jungs, die im Sandkasten mit ihren Förmchen spielen. Irgendwann hauen sie sich dann immer die Eimer um die Ohren.“ Es zeigt, welches Standing sich Simonis zu diesem Zeitpunkt erarbeitet hat. Dabei hat es die junge Heide nicht leicht.

Sie ist die älteste von drei Schwestern, leidet schon früh an Asthma. In ihrem Buch „Unter Männern“ hat sie vor 20 Jahren beschrieben, wie schwer die Auseinandersetzungen mit ihrer dominanten Mutter waren. Simonis, die damals noch Steinhardt heißt, lernt schnell, sich anzupassen, auch weil sie wegen ihrer Krankheit oft in Kinderheimen ist und wegen des Berufs des Vaters häufig umziehen muss. Doch nie verliert sie dabei ihren eigenen Kompass.

Nach ihrem Abitur studiert sie gegen den Willen der Familie Volkswirtschaftslehrer, heiratet 1967 den Professor Udo Simonis, der sie nach ihrer Parkinson-Erkrankung bis zu ihrem Tode pflegen wird.

1969 wird Heide Simonis Mitglied der SPD und lernt schnell, wie die Partei funktioniert. In der Kieler SPD schätzen sie das freche Wort der Neuen, sie steigt schnell auf – und lernt, sich durchzusetzen. 1976 wird sie etwas überraschend als Direktkandidatin im Wahlkreis Rendsburg-Eckernförde direkt in den Bundestag gewählt – als jüngste weibliche Abgeordnete.

Bewusst stürzt Simonis sich auf die männerdominierte Wirtschafts- und Finanzpolitik, sie ist die einzige Frau im Haushaltsausschuss. Doch Simonis beißt sich durch, und als nach der Barschel-Affäre 1988 Björn Engholm die CDU-Macht in Schleswig-Holstein bricht, wird Simonis erste Finanzministerin des Landes.

Es ist die Zeit, in der die SPD viel auf den Weg bringt, was die CDU versäumt hat. Engholm besetzt das Kabinett paritätisch, Umweltfragen werden plötzlich ganz anders diskutiert, Minderheiten bekommen eine Stimme, Zuwanderer einen Landesbeauftragten.

Und Simonis sorgt dafür, dass das alles bezahlbar bleibt. Doch Engholms Rücktritt wegen der so genannten Schubladen-Affäre überrascht auch sie. Schnell wird jedoch klar, dass sie die potenzielle Nachfolgerin ist – und Simonis greift zu. 1993 wird sie die erste Ministerpräsidentin eines Bundeslandes.

Simonis setzt Engholms Kurs fort, zuerst in einer Alleinregierung, ab 1996 gemeinsam mit den Grünen – bevor nach der Wahl 2005 wieder ein Satz fällt, den man bis heute mit Simonis in Verbindung bringt. „Und wo bleibe ich?“, fragt sie in einer Talkshow den Moderator, als der von ihr wissen will, warum sie keine große Koalition mit der CDU eingehen will, in der Peter Harry Carstensen den Ton angibt. Ein Satz, den vielleicht viele andere Politiker gedacht, aber nicht gesagt haben.

Nur ein paar Wochen später weiß Simonis, wo sie bleibt. Es ist eine der bittersten Stunden in der deutschen Parlamentsgeschichte. Trotz mehrerer positiver Probeabstimmungen kann Simonis nicht die erforderliche Mehrheit im Parlament bekommen und eine vom SSW tolerierte rot-grüne Regierung bilden.

„Mit so etwas hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich fühlte mich reingelegt und hatte keinen Plan B“, sagt Simonis viele Jahre später über den „Heide-Mord“. Und: „Eines habe ich immerhin gewonnen – so etwas wie politische Unsterblichkeit.“ Carstensen wird kurz darauf Ministerpräsident und sagt bis heute, dass er den Verrat als „politisch unerträglich“ empfindet: „Ich hatte zu Heide immer ein offenes Verhältnis und weiß, wie sehr sie das belastet.“

Simonis fällt es nicht leicht, von der Macht zu lassen. 2006 wird sie ehrenamtliche Bundesvorsitzende von Unicef, aber in der Politik spielt sie keine große Rolle mehr. Im Licht der Öffentlichkeit steht sie trotzdem immer mal, etwa als „Hoppel-Heide“ verschrien in der RTL-Tanzshow „Let’s dance“.

Der Mut, etwas zu wagen und dabei auch Niederlagen zu riskieren hat sie auch dort nicht verlassen. Und klar zu dem zu stehen, was sie sagt – so wie zehn Jahre zuvor als sie den Menschen erklärt, wie das Leben funktionieren kann: Habt Spaß, aber macht keinen Scheiß.

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