Hamburg Im Alter länger fit im Kopf: Dieses technische Gerät kann Ihre Chancen deutlich erhöhen
Neue Forschungsergebnisse aus den USA zeigen: Menschen mit einem höheren Risiko für Demenz können sich mit einem technischen Helfer offenbar gut vor starkem geistigen Verfall schützen. In Deutschland übernimmt die Krankenkasse die Kosten dafür ganz oder anteilig.
Bei Erwachsenen gibt es verschiedene Risikofaktoren für Demenz, darunter erhöhter Blutdruck, Diabetes, Alleinlebenden, geringe Bildung und geringeres Einkommen. Für sie gibt es nun Hoffnung. Eine jüngst in der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlichte Studie zeigt, dass die Verwendung von Hörgeräten das Risiko eines kognitiven Verfalls um 48 Prozent reduzieren kann.
Frank Lin, Professor an der Johns Hopkins University School of Medicine und Hauptautor der Studie, sagt, es sei eine „positive Überraschung“, dass ein besseres Hörvermögen so großen Einfluss habe. Es unterstreiche, dass Hören „wirklich wichtig“ ist. Da viele Menschen nicht wüssten, wie gut ihr Hörvermögen ist, bestehe der erste Schritt darin, Ihr Gehör untersuchen zu lassen, rät der Forscher.
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Ein Bericht aus dem Jahr 2020 in „Lancet“ zeigte bereits, dass der altersbedingte Hörverlust das Demenzrisiko nahezu verdoppelt.
Justin S. Golub, Professor für HNO-Heilkunde am Irving Medical Center der Columbia University sagt der „Washington Post“ über die Studie und ihr Ergebnis: „Das ist wirklich einzigartig, wirklich bahnbrechend.“
Für die Studie wurden zwei Gruppen mit insgesamt rund 1000 Menschen im Alter von 70 bis 84 Jahren über einen Zeitraum von drei Jahren an vier Standorten in den Vereinigten Staaten untersucht. Eine Gruppe bestand aus gesünderen Menschen. Als die Gruppe mit höherem Demenzrisiko separat analysiert wurde, stellten die Forscher fest, dass die Verwendung von Hörgeräten den kognitiven Rückgang erheblich verringerte.
Unklar ist, ob ein Hörgerät das Risiko, an Demenz zu erkranken, langfristig senkt. Das sei die „nächste große Frage“, so Studienleiter Lin. Eine geplante Folgestudie solle versuchen, diese zu beantworten. Wie diese Statista-Grafik zeigt, wird die Zahl der Demenzerkrankungen in Deutschland zunehmen.
Mehrere Studien legen nahe, dass Menschen mit schlechtem Hörvermögen sich mehr anstrengen müssen, um Gesagtes zu verstehen. Christiane Völter, Leiterin des Hörkompetenzzentrums an der Ruhr-Universität Bochum, sagt, dies sei eine Belastung, weil „der Hörgeschädigte seine kognitiven Fähigkeiten einsetzen muss, um aus den Bruchstücken, die er gehört hat, einen sinnvollen Satz zu formen“. Das verschwendet kognitive Ressourcen, die für andere Aufgaben dann nicht mehr vollständig zur Verfügung stehen.
Eine andere Theorie ist, dass bei Menschen mit Hörverlust der Schläfenlappen schneller schrumpft, weil er weniger akustischen Input vom Innenohr bekommt. Forscher vermuten, dass dies Einfluss auf die Struktur und die Funktion des Gehirns haben könnte.
Ein dritter Ansatz ist, dass Menschen mit Hörverlust sich mehr zurückziehen. „Wenn man weniger unter Menschen geht, sich weniger an Gesprächen beteiligt, erhält man auch weniger stimulierenden Input“, sagt Christiane Völter. Dies könne sich auch auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirken.
So vielversprechend die Studienergebnisse klingen: „Man kann nicht sagen: Ich trage ein Hörgerät und alles ist gut“, sagt Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums an der Berliner Charité. Für ein gesundes Gehirn sollten sich auch ältere Menschen bewegen und für kognitive Reize sorgen, also nicht nur vor dem Fernseher sitzen.
Hörverlust ist weltweit verbreitet: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation werden bis zum Jahr 2050 rund 2,5 Milliarden Menschen davon betroffen sein. Demnach hat in der Altersgruppe zwischen 60 und 69 Jahren rund jeder Fünfte eine Hörstörung. Bei den 70- bis 79-Jährigen sind es 42 Prozent, bei den über 80-Jährigen rund drei Viertel (71,5).
(Mit Material von dpa)