ADFC Aurich fordert Umdenken Drei tödliche Fahrradunfälle in drei Tagen
Zwischen dem 12. und dem 14. Juli sind in Ostfriesland drei Radfahrer tödlich verunglückt. Besonders einer der drei Unfälle bringt den ADFC in Wallung.
Aurich/Wittmund - Drei tödliche Fahrradunfälle innerhalb von drei Tagen: An eine solche Bilanz kann sich bei der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund niemand erinnern. Die drei Fälle liegen sehr unterschiedlich, haben jedoch eines gemeinsam: Es handelte sich nicht um Fahrräder mit Elektroantrieb (Pedelecs), denen ja ein größeres Unfallrisiko nachgesagt wird als herkömmlichen Rädern.
- In der Nacht zum 12. Juli wird in Stedesdorf (Landkreis Wittmund) ein 19-Jähriger aus Dunum von einem Auto erfasst, als er die Auricher Straße (L 8) von links nach rechts überqueren will. Am Steuer des VW sitzt ein 60-jähriger Auricher. Der Radfahrer, der keinen Helm trägt, erliegt noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen. Auf der Auricher Straße gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 Kilometern pro Stunde. Um diese Uhrzeit – kurz nach Mitternacht – herrscht dort in der Regel wenig Verkehr. Ist der Autofahrer zu schnell gefahren? Hat der Radfahrer womöglich nicht mit Autos gerechnet und beim Überqueren der Straße nicht auf den Verkehr geachtet? Beide Fragen kann die Polizei nicht beantworten. „Die Ermittlungen laufen“, sagt Pressesprecherin Wiebke Baden.
- Am späten Nachmittag des 12. Juli wird in Aurich-Sandhorst eine 84-jährige Radfahrerin aus Aurich beim Rechtsabbiegen von einem Lastwagen erfasst. Sowohl die Radfahrerin als auch der 58 Jahre alte Lkw-Fahrer aus Südbrookmerland wollen vom Hoheberger Weg in die Sandhorster Allee abbiegen. Der Lkw-Fahrer übersieht die Radfahrerin und erfasst sie mit seinem Fahrzeug. Die 84-Jährige gerät mit ihrem Rad unter den Laster, wird eingeklemmt und stirbt noch an der Unfallstelle. In diesem Fall schützt sie auch der Fahrradhelm nicht.
- Am Morgen des 14. Juli stürzt auf der Edenserlooger Straße in Werdum (Landkreis Wittmund) ein 91-Jähriger aus Werdum mit seinem Fahrrad auf die Fahrbahn und prallt gegen einen Mercedes. Er trägt keinen Helm. Ein Rettungshubschrauber bringt ihn ins Krankenhaus. Dort stirbt der Mann kurz darauf.
Wegen toten Winkels sei Schulterblick unerlässlich
„Solche Unfälle gehen uns immer nah“, sagt Polizeisprecherin Baden. „Die Frage ist: Wären sie durch Präventionsmaßnahmen vermeidbar gewesen?“ Baden appelliert an Auto- und Lastwagenfahrer, beim Abbiegen auf Radfahrer, Fußgänger oder E-Scooter-Fahrer zu achten. Wegen des toten Winkels sei der Schulterblick unerlässlich, betont die Pressesprecherin. „Wie wir es alle in der Fahrschule gelernt haben.“ Lastwagen müssen laut einer EU-Vorschrift Spiegel für eine Rundumsicht haben, ohne toten Winkel. Das schützt jedoch nicht vor Fehlern. „Vergisst der Fahrer den Blick in den Spiegel oder sind die Spiegel falsch eingestellt, kann es trotzdem gefährlich werden“, schreibt die Allianz-Versicherung.
Auffallend ist, dass es im vergangenen Jahr laut Unfallstatistik in den Landkreisen Aurich und Wittmund insgesamt nur zwei tödliche Fahrradunfälle gab, beide mit Pedelecs. Diesmal starben innerhalb von drei Tagen drei Menschen mit „normalen“ Fahrrädern. Albert Herresthal vom Kreisverband Aurich des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) hält die Unterscheidung zwischen Pedelecs und „normalen“ Fahrrädern für unnötig. Es werde immer von erhöhter Unfallgefahr gesprochen, weil Pedelecs schneller unterwegs seien. Im Schnitt seien sie im Straßenverkehr aber nur rund zwei Kilometer pro Stunde schneller.
„Es bedarf einer Sensibilisierung“
Besonders erschüttert zeigt sich Herresthal von dem tödlichen Abbiegeunfall in Aurich. Von abbiegenden Auto- und Lastwagenfahrern übersehen zu werden: Das sei für Radfahrer die größte Gefahr. „Dagegen wird viel zu wenig getan.“ Stattdessen sei die Polizei „sehr engagiert“, wenn es beispielsweise um die Kontrolle der Beleuchtung von Rädern gehe. „Natürlich muss das Licht funktionieren“, sagt das ADFC-Vorstandsmitglied. Doch technische Mängel am Rad seien fast nie die Ursache für Unfälle. Gegen Abbiegeunfälle müsse mehr unternommen werden, fordert Herresthal. „Es bedarf einer Sensibilisierung durch Kampagnen oder Schulungen.“
Es sei zudem gefährlich, wenn Radfahrer und abbiegende Autos an Kreuzungen und Einmündungen gleichzeitig Grün bekämen. Zumindest ein Vorlauf von einigen Sekunden für Radfahrer und Fußgänger, wie es ihn teilweise schon gebe, müsse bei der Verkehrsplanung Standard werden, fordert Herresthal. „Ob man die Ampelphasen komplett trennt, muss man von Situation zu Situation sehen.“
Polizei schult ältere Radfahrer
Der ADFC-Sprecher empfiehlt Radfahrern das Tragen eines Helms. „Dass im Falle eines Unfalls ein Helm schützen kann, ist überhaupt keine Frage“, sagt Herresthal. Dennoch stört ihn auch an diesem Thema etwas: Den schwächsten Verkehrsteilnehmern werde „alles Mögliche an Schutzmaßnahmen aufgebürdet“: immer bessere Beleuchtung, Helm, Warnweste. Gleichzeitig vermisse er jedoch das Bemühen, beim Gegenpart, nämlich Autofahrern, die Sinne zu schärfen.
Unterdessen kündigt Polizeisprecherin Baden noch für diesen Sommer eine Radfahr-Kampagne mit dem Titel „Sicherheit erfahren“ an. Der Termin werde voraussichtlich Mitte August sein. Die Aktion richtet sich an Menschen ab 65 Jahren, die mit dem Pedelec unterwegs sind. Jeweils zehn bis zwölf kommen in einer Gruppe zusammen und unternehmen mit Polizeibeamten eine Radtour, bei der neuralgische Punkte angesteuert werden, an denen sie sich unsicher fühlen, beispielsweise Kreisverkehre. Sollte Interesse bestehen, werde man ähnliche Aktionen etwa in Ihlow, Wittmund oder Norden anbieten.