Bayreuth  Bayreuther Festspiele bereiten 150. Geburtstag vor – voraus in die Vergangenheit?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 26.07.2023 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Sommernacht in Bayreuth: Am Vorabend der diesjährigen Bayreuther Festspiele gibt es, umsonst und draußen, ein Konzert mit dem Festspielorchester unter Markus Poschner und Solisten. In diesem Fall singt Sopranistin Daniela Köhler „Summertime“ von George Gershwin. Foto: Daniel Vogl/dpa
Sommernacht in Bayreuth: Am Vorabend der diesjährigen Bayreuther Festspiele gibt es, umsonst und draußen, ein Konzert mit dem Festspielorchester unter Markus Poschner und Solisten. In diesem Fall singt Sopranistin Daniela Köhler „Summertime“ von George Gershwin. Foto: Daniel Vogl/dpa
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Die Bayreuther Festspiele haben sich für die neue Saison warm gelaufen. Im Park unterhalb des Festspielhauses gab es ein Konzert in schönster „Umsonst und Draußen“-Manier. Zuvor blickte die Festspielleitung auf die nächsten Jahre.

„Summertime“ in der Wagner-Stadt Bayreuth, Musik von Giuseppe Verdi gar, von Kurt Weill und von Aerosmith: Um den Bayreuthern und den bereits angereisten Festivalgästen etwas Gutes zu tun, gibt es am Vorabend der diesjährigen Bayreuther Festspiele ein entspanntes Klassik-Open-Air im Park unterhalb des Festspielhauses. Die Menschen nehmen das dankend an, und sogar das Wetter gibt, nach einem Wolkenbruch am Vormittag, seinen Segen. Die abendlichen Regenwolken machen einen Bogen um Bayreuth, die Stimmung ist vortrefflich.

Das erste Wort hat aber schon Richard Wagner: Das Vorspiel zu „Parsifal“ stimmt auf den Sommerabend und auf die neue Festivalsaison ein. Denn am Dienstagabend steht ja die Premiere des „Parsifal“ an.

Der Clou der Inszenierung soll die erweiterte Bühnenrealität sein, die dabei zum Zuge kommt: 330 der knapp 2000 Gäste tragen sogenannte AR-Brillen, die einerseits den Blick auf die Bühne zulassen. Andererseits kann Regisseur Jay Scheib zusätzliche Erzählebenen auf die AR-Brille spielen. Wie gesagt: Für 330 Gäste; mehr gab das Budget nicht her, wie Ulrich Jagels, geschäftsführender Direktor der Festspiele, nachmittags auf einer Pressekonferenz sagt. Bei einem Preis von rund 900 Euro pro Brille leuchtet das ein, eigenartig mutet es trotzdem an, wenn nur ein kleiner Kreis Auserwählter alle Dimensionen der Inszenierung erleben kann.

Noch merkwürdiger ist aber etwas anderes: Nach wie vor gibt es Karten für den „Ring des Nibelungen“. Ausgerechnet das Allerheiligste der Wagner-Religion ist also zum Ladenhüter geworden. Immerhin: Die anderen Inszenierungen sind voll wie eh und je, vermeldet Jagels.

Die anderen Botschaften beschränken sich auf Regularien: Im nächsten Jahr inszeniert Thorleifur Örn Arnarsson einen neuen „Tristan“, dirigieren wird Semyon Bychkov. 2025 folgen neue „Meistersinger“; Regie führt Matthias Davids, die musikalische Leitung übernimmt Daniele Gatti.

2026 feiern die Bayreuther Festspiele dann 150. Geburtstag. Dafür kündigt Festspielleiterin Katharina Wagner ein Maximalpaket an: Alle 10 Werke vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“ werden auf dem Spielplan stehen - plus eins: Als Geburtstagsbonbon wird erstmals Wagners frühe Oper „Rienzi“ im Festspielhaus gegeben.

Aber wo bleibt der Aufbruch, der Schritt nach vorne? Bisher bleibt „Parsifal“ das einzige Werk, das explizit für das Festspielhaus komponiert wurde und das letzte, das seine Uraufführung erlebte. 1882 war das; bis 1901 hat sich der ewig-gültige Bayreuth-Kanon manifestiert. Seither gründet der Mythos Bayreuth auf der Neuinterpretation der immer gleichen zehn Opern.

Jetzt bröckelt dieser Mythos, und das allein Valentin Schwarz und seinem wirren „Ring“ in die Schuhe zu schieben, wäre zu einfach. Gestiegene Lebenshaltungskosten, Krieg und Krisen drücken die Festivalstimmung, das Konsum- und Freizeitverhalten ändert sich – und sicher auch das Verhältnis einer jungen Generation zur Kunstreligion Richard Wagners.

Statt vor diesem Hintergrund ein Zeichen für den Aufbruch in ein neues Zeitalter zu setzen, gehen die Festspiele mit „Rienzi“ einen Schritt zurück in die Vergangenheit. Man habe über eine Auftragskomposition nachgedacht, sagt Katharina Wagner auf Nachfrage. Anders gesagt: Der Wille war da. Was fehlte, war – Geld. Und das ist ein Armutszeugnis für den runden Geburtstag der Bayreuther Festspiele. Oder ein Menetekel? Katharinas Vertrag endet 2025. Wie es weitergeht, soll die Musikwelt im Herbst erfahren.

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