Frankfurt  WM-Genuss mit Müsli und einer Tasse Kaffee

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 27.07.2023 15:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Fußballfest zum Frühstück: Hier die PArtie zwischen Kolumbien und Südkorea. Foto: imago/AAP
Ein Fußballfest zum Frühstück: Hier die PArtie zwischen Kolumbien und Südkorea. Foto: imago/AAP
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Die Fußball-WM der Frauen in Australien und Neuseeland läuft - und nimmt auch unseren Kolumnisten mit. Udo Muras über ein schützenswertes Paralleluniversum.

Nach dreiwöchiger Kolumnenpause wird es vielleicht interessieren, welche Neuerung die gravierendste in meinem Leben ist: Ich frühstücke jetzt mit Frauen, Frauen aus aller Welt. War der Fernseher sonst nie vor nachmittags an, zieht einen die Weltmeisterschaft in Down Under in ihren Bann und zumindest beim 9.30- Uhr-Spiel bin ich verlässlich dabei, egal wer da nun spielt. Mit Müsli und einer Tasse Kaffee.

Nicht der einzige Unterschied zum allgemeinen Fanverhalten bei einer Männer-WM, aber der ist ja der Zeitverschiebung geschuldet. Aber auch sonst ist vieles anders und doch nicht schlechter. Die Zuschauer sind friedlich, weder im noch vor dem Stadion gibt es Krawalle oder Schmähungen, nicht mal Flitzer. Der allgemeine Hype ist wohltuend kleiner, mit Werbespots werden wir nicht überfrachtet. Aber die Medien berichten nicht zu knapp, schon im Vorfeld.

Dass diese WM stattfindet, konnte eigentlich niemand verpassen. Die sportliche Komponente ist die wichtigste: was diverse Kommentatoren schon längst festgestellt haben, bestätigt sich einmal mehr: Frauen spielen fairer und sind zum Glück die schlechteren Schauspieler, das Spiel ist weniger unterbrochen. Platzverweise nach Frustfouls oder Tätlichkeiten? Haben wir noch nicht gesehen und werden wir auch nicht sehen! Schwalben gibt es höchstens im ZDF-Studio, wenn es Expertinnen zu wohl wird, und Rudelbildungen nur beim Torjubel.

Mir scheint: Frauenfußball spielt sich in einem Paralleluniversum ab. Einem, das es zu schützen gilt, bevor die Geier kommen, die den Männerfußball verdorben haben. Dass sich die Frauen auch ergebnistechnisch fairer verhalten, muss im Sinne des Sports und der Spannung übrigens nicht so bleiben. Bei dieser WM stellen wir das nie gesehene Phänomen fest, dass Frauen bei dieser WM nicht zurückschlagen, wenn sie getroffen werden. Wer nämlich das 1:0 schießt, hat schon gewonnen. Schlimmer noch, der Gegner wird kein Tor mehr schießen. So war es in 21 der ersten 22 Spiele, nur Schweden hat da den Trend verpennt und aus einem 0:1 gegen Südafrika noch ein 2:1 gemacht. Ansonsten stand in allen Spielen immer mindestens eine Null.

Das müssen wir so hinnehmen, bis der Wissenschaft dazu eine Erklärung einfällt. Mich hält es nicht davon ab, die Spiele zu sehen. Ich war unter den 5,64 Millionen, die den deutschen Auftaktsieg sahen – an einem Montagmorgen. Die Zahl an sich mag bei 82 Millionen Einwohnern noch keinen umhauen, doch da etwa zehnmal so viele Menschen gar keine Gelegenheit hatten, das Spiel zu sehen, sondern ihrem Tagewerk nachgehen mussten, ist es eine beeindruckende Zahl.

Noch Zweifel? Die Sehbeteiligung, also der Anteil an den eingeschalteten Fernsehern zu dieser ungewöhnlichen Zeit, betrug 60 Prozent. Die Frage ist, ob das so bleibt oder nur deshalb der Fall ist, weil die DFB-Männer gerade eine veritable Krise durchlaufen? Dass es sich sozusagen um nicht wenige Protestwähler handelt, die nach Schlagzeilen wie „Die Frauen müssen die Ehre des deutschen Fußballs retten“ zur Fernbedienung griffen? Das hätten sie nicht verdient. Gegen erfreuliche Resultate aus dem deutschen Lager, die die Stimmung im Lande heben, ist trotzdem nichts einzuwenden. Wir würden uns gern dran gewöhnen, so wie wir uns auch längst an weibliche Kommentatoren gewöhnt haben. Dass Claudia Neumann (ZDF) beim deutschen Spiel „zweieinhalb Fans“ aus der Heimat im Stadion wähnte und drei Nullen unterschlug oder Stephanie Baczyk (ARD) den Versuch, eine Blitztabelle zu errechnen, wegen eines „Drehwurms im Kopf“ abbrach? Geschenkt. Dürfen sie nicht auch Lampenfieber haben?

Diese Stimmen gehören zum Frauenfußball wie einst Marcel Reif und Bela Rethy zu den Männern. Wer das nicht erträgt, muss ja nicht zuschauen. Aber er oder sie verpasst was. Der Fußball, das zeigten schon die letzten WM-Turniere, hat ein neues Gesicht bekommen, und das ist schön.

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