Frankfurt am Main  Weitere Erhöhung des Leitzins: Der Kurs der EZB steht – noch

Mischa Erhard
|
Von Mischa Erhard
| 27.07.2023 17:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt hat ein weiteres Mal den Leitzins erhöht, um die Inflation im Euroraum einzudämmen. Foto: dpa/Arne Dedert
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt hat ein weiteres Mal den Leitzins erhöht, um die Inflation im Euroraum einzudämmen. Foto: dpa/Arne Dedert
Artikel teilen:

Die Europäische Zentralbank hält ihren Kurs und hat die Zinsen ein weiteres Mal angehoben. Doch langsam werden die Folgen des steilen Zinsanstieges der vergangenen zwölf Monate immer sichtbarer – vor allem für Verbraucher.

Die Hoffnung auf rückläufige Inflationsraten hellt die Verbraucherstimmung in Deutschland leicht auf. Das stellen die Konsumforscher der GfK in Nürnberg fest. Damit habe das Konsumklima die Verluste aus den vergangenen Monaten vollständig kompensiert. „Aktuell trägt ausschließlich die Einkommenserwartung zur Verbesserung der Konsumstimmung bei“, sagte der Konsumexperte der GfK, Rolf Bürkl, dieser Zeitung. Grund für den schwindenden Pessimismus sei vor allem auch die Hoffnung auf rückläufige Inflationsraten, so die GfK.

Beides ist die Kehrseite nur einer Medaille. Denn zum einen erwarten Verbraucher steigende Löhne. Das würde ihre Kaufkraft stärken und sie so zu Anschaffungen animieren. Wenn zugleich die Inflation wie erhofft zurückgeht, dann zahlt das gleichermaßen auf die Kaufkraft ein. Damit würde sich die Lage von Verbrauchern tatsächlich deutlich verbessern. Denn in den vergangenen Monaten mit hoher Inflation mussten sie vor allem reale Lohnverluste hinnehmen.

Dem Ziel sinkender Inflationsraten ist von Haus aus die Europäische Zentralbank verpflichtet. Bei ihrer Zinssitzung am Donnerstag hat sie der Eurozone eine weitere Zinsanhebung von 0,25 Prozent verordnet. „Wir sind fest entschlossen, die Inflation zu brechen“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Ratssitzung in Frankfurt. „Wir wollen die Inflation mittelfristig und nachhaltig auf zwei Prozent zurückführen“. Zwei Prozent ist die magische Zahl der Währungshüter: Bei einer Inflation von zwei Prozent sehen sie ihr Mandat von Preisstabilität gegeben.

Die steigenden Zinsen zur Inflationsbekämpfung sind ebenfalls eine Medaille mit zwei Seiten. Zum einen tragen sie dazu bei, dass die Inflation langsam zurückgeht. Im Juni haben die Statistiker noch eine Inflation von 5,5 Prozent gemessen – doch die Tendenz ist fallend. Das dürfte vielen Konsumenten in die Karten spielen, weil besagte Kaufkraft dann steigt. 

Allerdings glaubt GfK-Experte Rolf Bürkl nicht, dass der Konsum die Konjunktur in diesem Jahr stützen kann. Grund dafür ist auch die andere Seite steigender Zinsen. Denn die Zinsen wirken durch die Finanzmärkte hindurch und verteuern am Ende für Verbraucher die Kredite. Auch deswegen halten sich viele Menschen mit teuren Anschaffungen zurück, was den Konsum belastet und damit auch die Konjunktur.

Vor allem in der Bauindustrie ist das zu bemerken. Dort sind Materialkosten nach wie vor hoch. Zugleich sind seit der ersten Leitzinserhöhung der EZB vor einem Jahr die Kosten für Baukredite stark angestiegen. „Die Zinsen für Bau- und Ratenkredite sind seit Anfang 2022 kontinuierlich gestiegen, und zwar sehr deutlich“, so Ralf Wefer vom Vergleichsportal Verivox. „Da haben die Banken die erwartete Zinswende schon ein gutes Stück vorweggenommen“.

Die brachliegende Bautätigkeit allerdings hat die Baubranche in eine Krise geführt. Nach Angabe von Branchenverbänden denken viele Unternehmen mittlerweile über Stellenstreichungen nach. Insgesamt also führen die steigenden Zinsen zu dem von der Zentralbank erwünschten Effekt: Dass die Konjunktur abkühlt.

Im Glasturm der Europäischen Zentralbank ist man sich dieses Problems natürlich bewusst. Hieß es bei der vorherigen Zinssitzung im Juni noch, eine weitere Zinsanhebung im Juli sei sehr wahrscheinlich, so fehlte dieser Passus im offiziellen Statement und den Antworten, die Christine Lagarde gab, gänzlich.

Stattdessen will die Zentralbank ab jetzt „datenbasiert“ vorgehen, sprich: Sie will dann auf Vorlage von Inflations- und Konjunkturdaten in der jeweiligen Situation entscheiden, ob die Zinsen weiter steigend werden oder möglicherweise eine Pause angesagt ist.

Ähnliche Artikel