Junges Leben in alten Gemäuern Kindergarten zieht in Ostfrieslands ältesten Gulfhof
Der Gulfhof von Erika Deeken in Westerende-Kirchloog ist wohl der älteste Gulfhof Ostfrieslands. Er wird derzeit aufwendig restauriert und soll eine ganz neue Bestimmung finden.
Westerende-Kirchloog - Wenn alles klappt, werden nächstes Jahr im Sommer die jüngsten Einwohner von Westerende-Kirchloog im ältesten Wohnhaus des Dorfes mit Bauklötzen, Puppen und Teddybären spielen. Im ehemaligen Gulfhof Rieken wird die Gemeinde Ihlow eine Kindertagesstätte einrichten. Zwei Krippengruppen mit je 15 Kindern sollen dort neue Spielräume bekommen – inklusive Küche, Toiletten und Büros. Sogar eine Wohnung für das Personal wird im Obergeschoss entstehen.
Realisiert wird das Projekt von der Eigentümerin Erika Deeken aus Haselünne. Sie hat das altehrwürdige Haus von ihren Eltern geerbt. Der jetzt gestartete zweite Bauabschnitt wird etwa 2,8 Millionen Euro kosten, finanziert auch mit Fördermitteln aus dem Denkmalschutz. Ab dem nächsten Jahr wird Erika Deeken ihren Gulfhof für die Laufzeit von 25 Jahren an die Gemeinde Ihlow verpachten.
Bäume fürs Ständerwerk wurden 1568 gefällt
Einen Scheck über 100.000 Euro konnte Erika Deeken kürzlich in Empfang nehmen. Dazu war Dörte Lossin aus Oldenburg angereist. Sie ist die Ortskuratorin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. „Wir finanzieren diesen Schatz mit entschiedenem Bewusstsein“, sagte Lossin. Nun sei es die Aufgabe der Eigentümer, den landschaftsprägenden Charakter dieses besonders alten Gulfhofes zu erhalten.
Mit den Fördergeldern soll das Außenmauerwerk wieder hergestellt werden. Sie stammen aus privaten Spenden sowie aus Mitteln der Lotterie Glücksspirale. Gefördert wird das Gebäude aufgrund seines besonders hohen Alters. Nach einer dendochronologischen Untersuchung wurde 2018 festgestellt, dass die Bäume für das Ständerwerk im Jahre 1568 gefällt worden sind. Der künftige Kindergarten ist somit der älteste bekannte Gulfhof in ganz Ostfriesland. Und ein seltenes Beispiel der ostfriesischen Bautätigkeit vor dem Dreißigjährigen Krieg.
„Wir haben hier viel Historie gefunden – bis in die Tiefe“
Vor drei Jahren konnte bereits der erste Bauabschnitt realisiert werden. 300.000 Euro kosteten damals das Reetdach und die Ertüchtigung des Gulfgerüstes aus Eichenholz. Nun ist das Mauerwerk dran.
Doch bevor die Handwerker weiter machen können, müssen erst noch die Archäologen der Ostfriesischen Landschaft ihre Arbeit abschließen. „Wir haben hier viel Historie gefunden – bis in die Tiefe“, sagte Grabungsleiter Matthias Oetken jetzt beim Ortstermin. Dort, wo früher einmal das Vieh gestanden hat, konnten die Archäologen an 112 Stellen einen historischen Befund feststellen. So wurden alte Pfähle sichtbar, ein gut erhaltendes Fundament – und auch Keramikscherben aus dem 16. und 17. Jahrhundert wurden zu Tage gefördert. Die Ergebnisse werden fotografiert, Bodenproben entnommen – und somit für die Nachwelt dokumentiert. Danach geht der eigentliche Bau mit dem Einbringen der Bodenplatte weiter.
„Für die Gemeinde ist das ein Glücksgriff“
Im Sommer nächsten Jahres ist der Einzug der Kinder geplant. „Für die Gemeinde ist das ein Glücksgriff“, sagte Martin Jürgens. Er ist nicht nur Ortsbürgermeister in Westerende-Kirchloog, sondern auch stellvertretender Bürgermeister von Ihlow.
Der denkmalgeschützte Kindergarten sei neben der Klosterstätte bald das zweite „Aushängeschild“ der Gemeinde. Der Gulfhof gehört nun zu den 490 Denkmalen, die die Deutsche Stiftung Denkmalschutz aus privaten Spenden, ihrer Treuhandstiftungen sowie der Mittel der Glücksspirale allein in Niedersachsen fördern konnte.