Geflügel im Porträt  Das verrückteste Huhn Ostfrieslands ist eine Gans

| | 28.07.2023 19:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der langjährige ehemalige Vorsitzende des Vereins, Rainer Birck, hat sich den Emdener Gänsen verschrieben. Diese alte Rasse hat die Ostfriesen schon vor 2000 Jahren ernährt. Foto: Ortgies
Der langjährige ehemalige Vorsitzende des Vereins, Rainer Birck, hat sich den Emdener Gänsen verschrieben. Diese alte Rasse hat die Ostfriesen schon vor 2000 Jahren ernährt. Foto: Ortgies
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Geflügel begleitet die Menschen schon seit vielen Tausend Jahren. Züchter zeigen, welche Exoten heute in Ostfriesland krähen, gackern und schnattern. Ein Treffen mit Federvieh und seinen Freunden.

Aurich/Ihlow - Irritiert flüchten die riesigen weißen Gänse mit den blauen Augen hinter einen Baum auf ihrer Weide. Eigentlich sehen sie, jedenfalls für Laien, bis auf die Augenfarbe herkömmlichen Gänsen für das weihnachtliche Festmahl ziemlich ähnlich. Abgesehen davon, dass sie einfach nur riesig sind. „Es ist eine sehr seltene und alte ostfriesische Haustierrasse“, erklärt Dr. Rainer Birck. Sie sei aber aus der Mode gekommen, weil sie in keinen Backofen mehr passt, fügt er hinzu und lacht, während er den Baum umrundet und seine Emdener Gänse dem Fotografen vor die Linse treibt.

Was und warum

Darum geht es: Die Redaktion war auf der Suche nach den verrücktesten Hühnern Ostfrieslands und stieß auf Gänse.

Vor allem interessant für: Freunde von Nutztieren und Züchter

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, welche besonderen Arten von Geflügel in Ostfriesland gezüchtet werden und haben exemplarisch drei Beispiele (Achtung: Wortwitz) „herausgepickt“.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Er will eine kleine Besonderheit zeigen: In seiner Herde lebt eines der wenigen Emdener Gänseküken, das von seiner eigenen Mutter ausgebrütet und aufgezogen wurde. Die Tiere sind nicht nur die größten Gänse Deutschlands, sondern mit zwölf Kilogramm so schwer, dass nie ein Ei heile bleibt, das sie ausbrüten. Der kleine Kerl ist der erste im Hause Birck in Ostersander, der es geschafft hat. Emdener Gänse gelten inzwischen als stark gefährdet und Birck ist einer ihrer wenigen Züchter.

Die Gans unter den Hühnern

Gänse also. So ist das manchmal im Leben eines Journalisten. Man geht zu einem lange geplanten Termin, um für ein Thema mit dem Arbeitstitel „Die verrücktesten Hühner Ostfrieslands“ zu recherchieren. Dann stellt sich heraus, dass sich wirklich kuriose Geschichten nicht hinter einem lustigen aussehenden Hühnergesicht verstecken, sondern hinter relativ gewöhnlich aussehenden Gänsen. Gestrichen ist die Idee, ausschließlich Hühner und ihre Halter zu porträtieren.

Holger Janssen und sein Sohn Ilias (7 Jahre) kommen aus Sandhorst und sind mit einem Lakenfelder Huhn angereist. Das ist eine lebhafte und athletische alte Haustierrasse. Die Hühner können sogar noch auf Bäume fliegen. Foto: Ortgies
Holger Janssen und sein Sohn Ilias (7 Jahre) kommen aus Sandhorst und sind mit einem Lakenfelder Huhn angereist. Das ist eine lebhafte und athletische alte Haustierrasse. Die Hühner können sogar noch auf Bäume fliegen. Foto: Ortgies

Schließlich leben Gänse schon viel länger unter den Menschen – seit etwa 7000 Jahren. Domestizierte Hühner wurden seit etwa 3000 Jahren nachgewiesen. Warum sich also ausschließlich auf Hühner konzentrieren? Schließlich kann man sich auch bei Gänsen die Frage stellen, ob passionierte Züchter mit der Zeit ihren Tieren immer ähnlicher werden – vielleicht vom Wesen oder vom Aussehen. Bei Tieren wie dem Hund oder der Katze passiert das ja auch, oder?

Wie ähnlich sind sich Huhn und Halter?

Selbst den Geflügelhaltern ist der Gedanke nicht fremd. Holger Janssen spricht ihn an diesem Tag als erster aus, als er mit seinen Vereinskollegen bei Friesentee und Rosinenstuten zusammensitzt. Der junge und dynamische Vorsitzende des Vereins Deutscher Rassegeflügelzüchter Aurich von 1888 aus Sandhorst züchtet mit seinen Lakenfeldern eine der athletischeren Haustierrassen, die sogar noch richtig fliegen kann. Eine gewisse Ähnlichkeit von Huhn und Halter? Das könnte schon passen, überlegt er.

Nadine Janssen läuft an diesem Tag außerhalb der Konkurrenz. Sie hat Huhn Grete mitgebracht – eine Vorwerk-Henne. Sie war als Amme zweier Lakenfelder Küken leihweise zu den Janssens gekommen und ist geblieben. Foto: Ortgies
Nadine Janssen läuft an diesem Tag außerhalb der Konkurrenz. Sie hat Huhn Grete mitgebracht – eine Vorwerk-Henne. Sie war als Amme zweier Lakenfelder Küken leihweise zu den Janssens gekommen und ist geblieben. Foto: Ortgies

Seine Lakenfelder Hühner sind ebenfalls eine alte Haustierrasse. Vor etwa 15 Jahren hat er sie im Freilichtmuseum in Detmold für sich entdeckt. „Aussterbende Rassen wie diese sind einfach meine Passion“, sagt Janssen. Zwei bis drei Stunden täglich widmen er und seine Frau Nadine den Tieren. Füttern, den Stall sauber halten, Tiere pflegen. „Hühner sind die perfekten Tiere für Kinder und Menschen mit wenig Platz“, findet er.

Warum gut essen und gut schmecken zusammenpasst

Bei Dirk Heuermann aus Dietrichsfeld passt es zwischen Huhn und Halter auf eine etwas andere Weise. Seine großen, bunten und stattlichen, etwa dreieinhalb Kilo schweren New Hampshire sind für ihn so etwas wie die perfekten Hühner – äußerlich wie innerlich. Sie können im Gegensatz zu den Lakenfeldern wegen des Gewichts nicht so leicht abheben, dafür liefern sie einen stattlichen Braten. „Schon über einen ein Meter hohen Zaun gehen sie nicht drüber“, sagt Heuermann. Er mag die Tiere, weil sie nicht nur schön sondern auch pflegeleicht sind.

Dirk Heuermann aus Dietrichsfeld hat einen New Hampshire Hahn auf dem Arm. Die Tiere sind zwar nicht immer leicht zu bändigen, schmecken dafür aber gut, findet er. Foto: Ortgies
Dirk Heuermann aus Dietrichsfeld hat einen New Hampshire Hahn auf dem Arm. Die Tiere sind zwar nicht immer leicht zu bändigen, schmecken dafür aber gut, findet er. Foto: Ortgies

Was aber zwischen ihm und dem New Hampshire Huhn so richtig gut passt: Der Züchter ist Genießer und die Fleischqualität seiner Tiere „ist einfach top“, findet er. Das ist aber nicht der einzige Zuchtzweck. Schließlich gehören seine Tiere zu den Schönsten, dafür treibt er einen großen Aufwand bei der Zucht. Das zeigt Heuermann auch auf Zuchtschauen. Dann wäscht er sogar eigenhändig die Füße seiner Tiere und nutzt das Speiseöl nicht dafür, um sie zuzubereiten – sondern um Kamm, Beine und Gefieder zum Glänzen zu bringen.

Es geht nicht nur um Fleisch und Eier

Natürlich gehe es bei der Geflügelzucht nicht nur um Fleisch und Eier. Aber die Rechnung sei einfach, sagt Erika de Buhr: „Um zehn gute Tiere mit den richtigen Rassemerkmalen zu bekommen, muss man jährlich etwa 100 Tiere züchten.“ Die übrigen Hühner gebe man entweder weiter oder verwerte sie selbst. Buhr selbst hat jahrzehntelang Geflügel gezüchtet und ist noch immer fast jedes zweite Wochenende auf Schauen in ganz Deutschland und im nahen europäischen Ausland unterwegs.

Rudi Günnel aus Südbrookmerland hat statt einem Ostfriesischen Silbermöwen Huhn ein Altorientalisches Mövchen mitgebracht. Das Huhn war in der Mauser, da musste die Taube einspringen. Foto: Ortgies
Rudi Günnel aus Südbrookmerland hat statt einem Ostfriesischen Silbermöwen Huhn ein Altorientalisches Mövchen mitgebracht. Das Huhn war in der Mauser, da musste die Taube einspringen. Foto: Ortgies

Auch ohne eigene Tiere musste Buhr einfach zu diesem Pressetermin kommen. Schließlich ist sie das wandelnde historische Gedächtnis des Vereins. Mitgebracht hat sie nicht weniger als die handschriftliche Vereinschronik seit der Gründung als „Vogelschutz-, Geflügel- und Singvogel-Zucht-Verein“ im Jahr 1888 und weitere Vereinsmitglieder als Unterstützung. So geht es an diesem Tag auf der Terrasse im Garten von Rainer Birck ähnlich gesellig zu wie in einem Hühnerstall.

Das erste von der eigenen Mutter ausgebrütete Emdener Gänseküken in der Zucht von Dr. Reiner Birck. Foto: Ortgies
Das erste von der eigenen Mutter ausgebrütete Emdener Gänseküken in der Zucht von Dr. Reiner Birck. Foto: Ortgies

An dieser Stelle wird klar, dass man die Ähnlichkeit zwischen Geflügel und Halter viel weiter denken muss. Offenbar gibt es nicht nur bei einzelnen Mensch-Tier-Beziehungen Parallelen, sondern auch bei ganzen Gruppen. Hühnern zumindest wird ein sehr soziales Verhalten nachgesagt. So dürfte es niemanden wundern, bei einem solchen Termin nicht auf einzelne Geflügelzüchter zu treffen, sondern auf eine ganze Gruppe. Die haben aus diesem Anlass kurzerhand ein Sommerfest mit Tee und Grillen gemacht. So würden es wohl auch Hühner machen, wenn sie könnten.

Deutschlandweit gibt es zahlreiche anerkannte Geflügelrassen. Der Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter führt als Dachorganisation der Züchter auf seiner Webseite allein 192 Rasseporträts von Hühnern und Zwerghühnern. Wassergeflügel wie Gänse und Enten sind mit 39 Rassetafeln vertreten. Wer hier (https://link.zgo.de/Nn4xsA) nicht das zum Typ passende Geflügel für sich findet, kann die gut 300 Karten für Rassetauben durchstöbern. Ist dann nicht das geflügelte Gegenstück gefunden, sollte man doch wohl lieber die Gesellschaft von Hunden und Katzen suchen.

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