Osnabrück Was uns ein Handschlag vor 375 Jahren für den Krieg in der Ukraine lehrt
Vor 375 Jahren wurde der Westfälische Frieden ausgehandelt, ein einzigartiger Vertrag, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Was können wir von damals für die aktuelle Situation in der Ukraine ableiten?
Zwei Männer, die Seite an Seite durch die Pforte des Osnabrücker Doms schreiten. Es sind die Vertreter der zwei christlichen Kirchen an dem Ort, wo vor 375 Jahren der Durchbruch für das Ende des Dreißigjährigen Krieges gelang.
Da gingen an diesem Wochenende der katholische Bischof Franz-Josef Bode und der evangelische Regionalbischof Friedrich Selter durch die Stadt, von der Marienkirche zum Dom, gefolgt von einer großen Schar an Zuschauern. Gelöste Stimmung und fröhliche Menschen in der Friedensstadt (!) Osnabrück. Lachende Kinder im Bischofsgarten. So sieht Frieden aus. So möchte ich leben, dachte ich mir.
Mir gibt das Jubiläum des Osnabrücker Handschlags vom 6. August 1648 Hoffnung – Hoffnung, die wir mehr denn je brauchen, wenn wir Richtung Osten auf den Ukraine-Krieg schauen, nur zweieinhalb Flugstunden von uns entfernt. Jeden Tag sterben dort Menschen, auch wenn das in der Öffentlichkeit inzwischen zu einer Randnotiz geworden ist. Kann man sich an das Grauen gewöhnen?
Die diplomatische Meisterleistung von 1648 brachte den entscheidenden Durchbruch in einem Religions- und Territorialkrieg, der weite Gebiete Europas zerstört und unvorstellbares Leid über die Bevölkerung gebracht hatte, mehr als ein Drittel der Einwohner wurde ausgelöscht.
Was mir am damaligen Friedensschluss besonders gefällt? Dass sich die Erkenntnis durchsetzte, dass Krieg eine Katastrophe ist und sich eine Sehnsucht nach Frieden verbreitete. Ich glaube, man muss nicht 30 Jahre kämpfen, um an diesen Punkt zu kommen.
Auch im Ukraine-Krieg zeigt sich, dass die Situation militärisch nicht zu lösen ist, dass es wohl keinen Sieger auf dem Schlachtfeld geben wird. Denn weder Russland noch der Westen scheinen Interesse an einem ganz großen und final entscheidenden Schlag zu haben, sonst würde Moskau zu anderen Mitteln greifen (Stichwort: Atomwaffen) und der Westen würde die Ukraine in ganz anderem Umfang unterstützen (Stichwort: Kampfjets, Marschflugkörper, Luftabwehr).
Es droht jetzt in der Ukraine ein jahrelanger Abnutzungskrieg. Dieses Wort ist fürchterlich, schon im Ersten Weltkrieg konzipierte der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn die Schlacht bei Verdun als „Abnutzungsschlacht“ – das Ergebnis war entsetzlich.
Was wir vom Osnabrücker Friedensschluss lernen können? Dass es für den Frieden Prinzipien gibt, die unabhängig von Zeit und Ort gelten. Etwa, dass keine der Parteien ihre Ehre verlieren darf. Dass staatliche Akteure unabhängig von ihrer Größe gleiche Rechte haben sollten. Dass das Toleranzprinzip gelten muss: Ich lass Dir Deine Religion, ich lass Dir Deine Regierungsform.
Für einen Friedensschluss brauchen alle Seiten den Willen zum Frieden. Sie müssen bereit sein, Kompromisse zu schließen. Sie müssen den Mut zu unkonventionellen Lösungen haben. Wenn das vor 375 Jahren geklappt hat, warum dann nicht auch heute?