Osnabrück  Hat der Märchenwald noch eine Zukunft?

Marion Trimborn
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Von Marion Trimborn
| 14.08.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Glaubt noch an den Märchenwald: Der Vorsitzende des Meller Märchenwald-Vereins Hartwig Grobe Foto: Hartwig Grobe
Glaubt noch an den Märchenwald: Der Vorsitzende des Meller Märchenwald-Vereins Hartwig Grobe Foto: Hartwig Grobe
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„Es war einmal….” – wer erinnert sich nicht gerne an die Märchen von früher. Im Märchenwald werden Sagen und alte Geschichten mitten in der Natur erzählt. Hat das noch Zukunft – oder sind Märchenwälder Lost Places, die aussterben? Ein Vor-Ort-Besuch in Melle und Ibbenbüren.

Rotkäppchen und der Böse Wolf stecken hinter Gittern. Aber nicht nur sie sind eingesperrt. Auch Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg und die sieben Zwerge trennen dicke Metallstäbe von der Welt da draußen. Sie blicken sehnsüchtig Richtung Wald. Diesen historischen Märchenfiguren ihre Freiheit zurückzugeben – das ist das Ziel des Märchenvereins in Melle. Statt in einer dunklen Höhle am Restaurant Weberhaus sollen die Figuren, die noch aus dem alten, 2001 geschlossenen Märchenwald stammen, in einem neuen Märchenpfad wieder zum Leben erwachen. 

Statt eines Märchenwaldes soll deshalb ein naturhafter Märchenpfad entstehen. Sprich: Der Besucher wird vergebens Hütten mit Figuren suchen, die sich auf Knopfdruck oder Geldeinwurf bewegen und Musik abspielen oder ein Märchen erzählen. Grobe, ehemaliger Wirtschaftsförderer der Stadt, spricht lieber von einem „Sehnsuchtsort”, der da im Wald in der hügeligen Landschaft entstehen soll, rund um die Quelle, an der der Sage nach ein Riese gepinkelt hat, weswegen die Quelle auch „Riesenpisse” heißt. 

Entlang eines einen Kilometer langen Märchenpfades sollen die Kinder Natur vermittelt bekommen – über das Thema Märchen und Sagen. Da soll etwa Rotkäppchen auf einer Wildblumen-Wiese stehen und Blumen sammeln. Die Hexe in ihrer Hütte wird per Handy-App erzählen, welche Heilpflanzen hier wachsen, und ein Wildschwein aus gestapelten Holzstämmen soll über das Leben von Käfern und Würmern im Baum aufklären.

„Wir wollen in Zeiten, in denen jeder ein Handy hat, die Besucher auch audio-visuell erreichen”, sagt Katrin Topalli, Inhaberin des Weberhauses und Vereinsmitglied. Die historischen Figuren sind dabei nur ein Teil, sie sollen liebevoll platziert im Eingang stehen. 

Dieser pädagogische Ansatz ist ganz anders als der in den 1950er Jahren entstandene Märchenwald, der an anderer Stelle in Melle mit Grimm’schen Märchen bestückt war. Er machte die Stadt weit über die Grenzen hinaus bekannt. Bis heute wirbt die Stadt Melle mit dem Slogan „Fabelhaftes Melle” oder „Melle - die Märchenstadt”. 

„Dieser Markenkern ist aber gar nicht mehr da”, kritisiert Topalli. „Deshalb wird ein neuer Märchenpfad die Stadt attraktiver machen.” Nach zwei Jahren Planung erwartet der Verein die Genehmigung der Stadt nun „zeitnah”. Zur Deckung der Kosten setzen Grobe und Co. auf Unterstützung durch Stiftungen, Firmen und Bürger sowie EU-Fördermittel 

Da wird ein Märchenwald in neuer Form wieder belebt – ist das überhaupt noch zeitgemäß? Märchen sind in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten. Sie gelten als überholt, weil sie etwa ein veraltetes Frauenbild zeigen, wie die Prinzessin, die wartet, bis der Prinz kommt und sie heiratet. Märchen sind brutal: Da schubsen die Kinder die Hexe in den Ofen, wo sie verbrennt, die Stiefmutter vergiftet Schneewittchen. Der pädagogische Wert von Märchen wird in Frage gestellt, Eltern lesen ihren Kinder zunehmend weniger die traditionellen Grimm`schen Märchen vor. 

„Aber kurzweilige Märchen sind doch schön”, hält Luisa Derhake, Geschäftsführerin des Märchenwaldes Ibbenbüren dem entgegen. Die 36-Jährige führt in vierter Generation erfolgreich den Freizeit- und Erholungspark, der auch eine Sommerrodelbahn umfasst, und mitten im Teutoburger Wald liegt. „Im Disneyland werden die Geschichten noch viel wilder und brutaler gezeigt”, sagt die Betreiberin.

Auch Derhake betont das Naturerlebnis: Die Besucher gehen in Ibbenbüren durch den Wald und sehen dort elf Grimm’sche Märchen, die nach Vorlagen aus alten Büchern umgesetzt wurden. Vieles mutet noch wie 1958 an, als ihre Großeltern den Park gegründet haben. 

An verschiedenen Stationen stehen Hütten, wo Märchenfiguren sich hinter Glas auf Knopfdruck bewegen. Musik ertönt und eine Stimme erzählt dann das Märchen. „Es war einmal, da wünschten sich ein König und eine Königin sehnlichst ein Kind…” beginnt etwa die Geschichte von Dornröschen - daneben steht der Stein mit der Aufschrift „Erbaut 1959”. Es ist wie vor 50 Jahren.

Die vierjährige Louisa findet das durchaus faszinierend – ist aber auch enttäuscht, wenn sich an einem Fenster mal nichts bewegt. Am liebsten mag Louisa die Geschichte vom Froschkönig. „Wenn ich groß bin, möchte ich eine goldene Kugel haben wie die Prinzessin aus dem Froschkönig”, sagt Louisa.

Vierjährige liegen genau im Trend der Besucher. Denn auch im traditionellen Märchenwald hat sich einiges verändert. „In den 1970er und 80er Jahren waren es vor allem Jugendliche, die kamen”, erzählt Derhake.

Es seien vor allem die Eltern und Großeltern, die gerne kämen: „Wir sprechen alle Generationen an. Viele Eltern haben noch nostalgische Erinnerungen an ihre eigene Kindheit”, so Derhake. Die Besucherzahlen sprechen für sich: In Ibbenbüren zählt der Märchenwald laut Betreiberin jedes Jahr rund 90 000 bis 100 000 Besucher, die Zahlen seien seit 15 Jahren stabil.

Gehen Märchenwälder denn nun verloren, sind sie sogenannte Lost Places oder nicht? Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht, weder der Deutsche Tourismusverband noch der Verband Deutscher Naturparke führen auf Anfrage eine Statistik. Die private Seite Freizeitfans.de kommt auf 33 Märchenwälder in Deutschland - davon fünf in Niedersachsen (in Surwold, Verden, Dötlingen, Bad Grund und Bad Harzburg). 

In Schleswig-Holstein gibt es den Zwergenwald Bad Schwartau, in Mecklenburg-Vorpommern ist nichts verzeichnet. In den Niederlanden wirbt der größte Freizeitpark des Landes „De Efteling” mit seinem Märchenwald als „Herz der Attraktionen”. Auch wenn mal der ein oder andere Park in den vergangenen Jahren geschlossen wurde, etwa weil die Betreiber keinen Nachfolger fanden: Ein allgemeiner Trend ist nicht zu sehen. 

Sicher liegt es auch daran, dass Märchenwälder sich trotz aller Tradition auch immer wieder anpassen. „Vor zwei Jahren haben wir Dornröschen neu gestaltet und den Text auf eineinhalb Minuten gekürzt, weil die Aufmerksamkeits-Spanne bei Kindern heute nicht mehr so lang ist”, erzählt Luisa Derhake. Die Sprache wurde moderner, weil viele Kinder alte Wörter nicht mehr verstehen. Hinzu kamen neue Lichteffekte, die das Ganze attraktiver machen sollen und ein großer Spielplatz, damit Kinder mehr toben können als früher. „Märchenwälder verschwinden nicht, sie müssen einfach mit der Zeit gehen”, sagt Derhake.

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