Kindeswohlgefährdung in Ostfriesland  Psychische Gewalt gegen Kinder nimmt stark zu

Nora Kraft
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Von Nora Kraft
| 16.08.2023 18:46 Uhr | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Auch seelische Gewalt gegen Kinder ist ein Fall akuter Kindeswohlgefährdung. Symbolfoto: Armer/DPA
Auch seelische Gewalt gegen Kinder ist ein Fall akuter Kindeswohlgefährdung. Symbolfoto: Armer/DPA
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In Ostfriesland hat seelische Gewalt gegen Kinder im vergangenen Jahr zugenommen. Dennoch stellten Behörden insgesamt weniger Missbrauchsfälle fest.

Ostfriesland/Hannover - Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Niedersachsen ist 2022 gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangen. Wie das Statistische Landesamt in Hannover vor Kurzem mitteilte, hat die Zahl der jugendamtlichen Gefährdungseinschätzungen mit 17.448 Fällen gegenüber 2021 zwar leicht zugenommen, die Zahl der dabei festgestellten Kindeswohlgefährdungen sei aber um 8,5 Prozent gesunken.

In Ostfriesland spiegeln die Zahlen der Kindeswohlgefährdungen die landesweite Entwicklung wider, wie Erhebungen des Statistischen Landesamtes darstellen. Demnach wurden in der Stadt Emden im vergangenen Jahr 20 Fälle festgestellt (2021 waren es 35 Fälle). Im Landkreis Aurich sank die Zahl von 60 auf 52 Gefährdungen. Im Kreis Wittmund ging die Zahl von 36 Fällen auf 31 zurück. Nur im Landkreis Leer stieg die Zahl von 52 auf 58 Fälle.

Verschiedene Arten von Missbrauch

Den leichten Rückgang der Kindeswohlgefährdungen im Landkreis Aurich habe er in seiner Beratungsstelle nicht wahrgenommen, sagt Stefan Eilers. Er leitet die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern des AWO Bezirksverbands Weser-Ems am Georgswall in Aurich. Die Einrichtung ist für Familien im Einzugsbereich des südlichen Landkreises Aurich zuständig. Unter anderem steht sie Kindertageseinrichtungen beim Verdacht einer Kindeswohlgefährdung beratend zur Seite. Die Beratungsgespräche in den Kindertageseinrichtungen haben laut Eilers 2022 im Vergleich zum Vorjahr sogar zugenommen. Die Zahl der Eltern, die das Angebot in der Beratungsstelle wahrgenommen haben, ist laut Eilers im Vergleich zum Vorjahr etwa gleich geblieben.

Bei Kindeswohlgefährdungen werden zwischen akuten und latenten Fällen unterschieden. Eine akute Kindeswohlgefährdung liegt laut Statistischem Bundesamt vor, wenn eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls des Kindes oder Jugendlichen eingetreten ist oder mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten ist und von Sorgeberechtigten nicht abgewendet wird oder nicht abgewendet werden kann. Latente Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn eine konkrete Misshandlung nicht eindeutig nachgewiesen, aber auch nicht ausgeschlossen werden kann.

Hemmschwelle vor einem Kontakt zu einem Jugendamt

Insgesamt erkannten die Jugendämter in Niedersachsen 2022 bei 3980 Kindern eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung an. Dies entspricht 22,8 Prozent aller Gefährdungseinschätzungen. Den Angaben zufolge wurde bei 1979 Kindern eine akute Kindeswohlgefährdung festgestellt. Diese Fälle betrafen vorwiegend die Vernachlässigung des Kindes oder eine körperliche Misshandlung. 2021 lag die Zahl der akuten Kindeswohlgefährdungen laut Statistischem Landesamt noch bei 2019 Fällen.

Deutlicher fiel der Rückgang landesweit bei den latenten Kindeswohlgefährdungen aus. Er sank von 2331 auf 2001 Fälle, was einem Anteil von 11,5 Prozent der Gefährdungseinschätzungen entspricht. Am häufigsten ergaben die jugendamtlichen Prüfungen Anzeichen von Vernachlässigung sowie Hinweise auf psychische Misshandlung. Seelische Gewalt sei eines der Schwerpunktthemen des Kinderschutzbundes in Leer, sagt Richard Heeren. „Die psychische Gewalt hat während der Pandemie stark zugenommen.“ Außerdem falle auf, dass Missbrauch immer häufiger angezeigt werde, so der 1. Vorsitzende.

Der Kreis- und Ortsverband Leer des Kinderschutzbundes betreibt einen Telefonnotruf für Kinder und Jugendliche. Diesen wählten aber vermehrt Eltern, die Hilfe suchen, sagt Heeren. Die Hemmschwelle vor einem Kontakt zu einem Jugendamt sei häufig so groß, dass der Kinderschutzbund die erste Anlaufstelle sei. Manche Anrufer meldeten sich sogar aus Städten, weit über die Region hinaus. Daher sei eine Einschätzung zur Entwicklung der aktuellen Zahlen im Kreisgebiet schwierig.

Mit Material von EPD

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