Osnabrück Schauspielerin Claudia Michelsen: „Machtmissbrauch kenne ich seit Jahrzehnten“
Claudia Michelsen arbeitet seit 1989 als Schauspielerin, ist in der Branche mit allen Wassern gewaschen. Und doch stört sie sich im Interview am Machtmissbrauch unter Kollegen und der ungleichen Bezahlung in Film und Fernsehen.
In über 110 Filmen und Fernsehserien hat Claudia Michelsen mitgespielt. Dazu gehören nicht nur Produktionen, die sich mit der DDR auseinandersetzen, in der Michelsen aufgewachsen ist. Auch in Hollywood habe sie Angebote bekommen, sagt die Schauspielerin. Im Interview erzählt die 54-Jährige, warum sie freiwillig auf eine Karriere in Hollywood verzichtete und welche Rollen ihr in deutschen Produktionen besonders am Herzen liegen.
Frage: Frau Michelsen, viele kennen Sie als Film-Kommissarin, aber in welchen Filmarten spielen Sie eigentlich am liebsten mit?
Antwort: Das kann ich nicht klar ausmachen, das wechselt. Es kommt letztendlich auf das Buch und die Konstellation an. Da bin ich offen in alle Richtungen – da möchte ich mich gar nicht festlegen. Vielleicht kann ich eher ausschließen, zu welcher Art Film ich mich nicht so hingezogen fühle, Splatter oder Horror Movies sind nicht so meins, also das weiß ich.
Frage: Sie spielen vor allem in Filmen mit, die von den öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt werden. Doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Gebührenmodell ist umstritten, es gibt immer wieder Kritik. Würden Sie sagen, es gibt Bedarf zur Erneuerung?
Antwort: Es ist wichtig, dass wir öffentlich-rechtliche Sender haben und ich finde auch sehr vieles gut und besonders, was produziert wird. Und, ja natürlich könnte in puncto Gesellschaftskritik mehr Mut in Talk- oder Nachrichtenformaten gezeigt werden, das wird aber meiner Meinung nach tatsächlich von den Sendern und den verschiedenen ARD-Anstalten sehr unterschiedlich betrieben. Auch der immer noch existierende Gender Pay Gap (Abstand zwischen den Gehältern von Männern und Frauen, Anm. d. Red.), müsste dringend thematisiert werden, neben vielen anderen Themen, die uns alle im Moment so umtreiben. Aber was die Sender da jeweils schon vorhaben und umsetzten wollen, darüber weiß ich tatsächlich zu wenig.
Frage: Haben Sie auch schon solche Erfahrungen einer ungleichen Bezahlung im Vergleich zu männlichen Kollegen gemacht?
Antwort: Ja, natürlich, aber gleichzeitig lässt sich das nicht ganz vermeiden. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, bei Schauspielern lässt sich Leistung und Marktwert natürlich auch schlechter einschätzen. Trotzdem besteht meiner Meinung nach auch hier großer Handlungsbedarf.
Frage: In der Kultur allgemein, aber auch in der Filmbranche wird zuletzt über Machtmissbrauch gesprochen. Zuletzt standen Dreharbeiten für einen Film von Schauspieler und Regisseur Til Schweiger im Fokus. Haben Sie selbst solche Situationen erlebt?
Antwort: Ja, Machtmissbrauch gibt es und ich kenne das seit Jahrzehnten. Obwohl meine kurze Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Til Schweiger tatsächlich eine sehr positive war, das ist aber schon eine Weile her. Es gibt eine Form von Hierarchie am Theater oder an Filmsets. Man braucht natürlich einen Spielleiter, einen Kopf, ein Team will ja auch geführt werden. Aber Machtmissbrauch gibt es in allen Bereichen, denke ich. Es ist gut, dass dies nun mehr und mehr benannt wird und hoffentlich ein neues Bewusstsein entsteht, angstfrei im Miteinander. Film ist Teamarbeit und da sollte jeder Einzelne mit Respekt behandelt werden.
Frage: Sie haben Ihre ersten Schauspiel-Erfahrungen in der DDR gesammelt, kommen gebürtig aus Dresden. Wie lief es dort an den Theatern ab?
Antwort: Da ging es um die gemeinsame politische Aussage und wir haben sicherlich auch dadurch kollektiv an einem Strang gezogen. Ich war damals noch sehr jung, 1989 war ich gerade mal 20 Jahre alt. Machtmissbrauch war trotzdem Alltag, allein schon wegen der politischen Haltung, die man hatte, die aber nicht gewünscht war. Es war ein sehr krankes System.
Frage: Nach dem Mauerfall sind Sie 1994 in die USA gezogen. War da der Antriebsgedanke, Abstand gewinnen zu wollen?
Antwort: Nein, ich hatte mich verliebt und bis dato sehr viel Theater gespielt, an drei Häusern in Berlin. Ich fand Berlin Anfang der 90er sehr anstrengend, das war nicht nur ein Befreiungsschlag, sondern auch eine Überforderung für die Menschen. Auch das war ein Grund, dann sogar den Kontinent zu verlassen. Aber der Hauptgrund war eine Liebe.
Frage: Haben Sie in Los Angeles versucht, Karriere zu machen?
Antwort: Erstmal habe ich gedacht, dass mein Beruf zu Ende ist. Ich musste die Sprache lernen und es hat sich erst mit der Zeit ergeben, dass ich in Deutschland weiterhin gearbeitet habe. Aber es gab Angebote in den USA, ja. Ich war dann sogar in einer großen Agentur, hatte viele Castings und habe da auch gedreht. Aber meine ältere Tochter war damals noch sehr klein, die Castings kosteten sehr viel Kraft und einen starken Willen, Karriere machen zu wollen. Irgendwann habe ich mich dann dagegen entschieden.
Frage: Keine Hollywood-Karriere? Warum?
Antwort: Das muss man wollen – das ist eine Lebensentscheidung.
Frage: 2001 dann der Umzug zurück nach Berlin, war das eine große Umstellung?
Antwort: Ich kannte Berlin schon, bin ja in kein mir unbekanntes Land gezogen. Aber es ist in der Zwischenzeit viel passiert, Berlin hatte sich tatsächlich verändert. Ich habe eine ganze Weile gefremdelt, mit der Stadt, mit der deutschen Ruppigkeit. Aber inzwischen finde ich Berlin ganz herrlich mit all seiner Farbigkeit.
Frage: Eine ihrer bekanntesten Rollen ist die der Caterina Schöllack in der „Kudamm‘“-Serie. Der Charakter kennt Berlin auch aus anderen Zeiten und fremdelt mit der Moderne. Was war Ihr Impuls, die Rolle anzunehmen?
Antwort: Die ersten Drehbücher haben ein pauschales Bild einer sehr strengen, fast boshaften Mutter dargestellt. Spannend war: Warum ist jemand so geworden, wie er ist? Wir haben zu Beginn viele Gespräche mit unserer Autorin Annette Hess geführt und festgestellt, wie viel freier die Frauen vor dem Zweiten Weltkrieg waren – in der Liebe, im Sein, in allem. Nach dem Krieg ist eine Art Rückwärtsbewegung entstanden. Viele Frauen hatten ihre Väter, Brüder, Männer verloren und mussten große Disziplin an den Tag legen, um all diese Rollen zu füllen. Das zeigt sich für mich bei Caterina, die eine fast schon preußische Disziplin an den Tag legt. Eine Strenge, die krankhaft ist – und dem Charakter immer wieder das Genick bricht. Eine herrliche Figur, an der ich viel Spaß habe.
Frage: Spannend ist auch die Schuld, die auf dem Charakter lastet. Unter anderem hat Ihr Charakter von der Enteignung einer jüdischen Familie profitiert, der Weltkrieg hat zudem Spuren hinterlassen. War diese Schuld etwas, womit Sie sich auseinandersetzen mussten?
Antwort: Nein, weil das nicht thematisiert wird, dass Caterina wirklich in Konflikt geht mit sich und eine Scham diesbezüglich entwickelt. Catherina ist von ihrer politischen Gesinnung her ziemlich fragwürdig, sie ist keine positive Figur, was das betrifft. Da graben wir mal lieber nicht zu tief – sie erinnert sich schon gern an andere Zeiten, das ist furchtbar, aber so ist es. Sie ist keine Heldin, ganz klar.
Frage: Der Charakter tut sich als Mutter von drei erwachsenen Töchtern auch durch sein Alter hervor. Mussten Sie in diese ältere Perspektive erst hineinwachsen?
Antwort: Nein, ich glaube, das hat sich durch meine jüngeren Kolleginnen automatisch ergeben. Inzwischen drehen wir etwa alle drei Jahre eine neue Staffel und dadurch ist eine Art tatsächliches Zeitdokument entstanden. Die Serie macht aus der Not eine Tugend – wir brauchen immer ewig, bis weitergedreht werden kann. Aber den Alterungsprozess, der in der Zwischenzeit entsteht, kann auch die beste Maske der Welt nicht herstellen. Ich freue mich schon wieder auf die nächste Staffel, die wir Anfang nächsten Jahres drehen.
Frage: Fällt Ihnen das Älterwerden leicht?
Antwort: Ja, so lange man gesund bleibt, ist es herrlich, weil man gelassener wird und sich vieles relativiert. Ich entscheide mich leichter gegen etwas und halte mich nicht mehr auf mit Dingen oder Menschen, die mir nicht guttun.
Frage: Auch die Rolle der Doreen Brasch haben Sie schon lange inne, seit 2013 spielen Sie einmal im Jahr den Polizeiruf 110. Liegt Ihnen der Charakter inzwischen am Herzen?
Antwort: Wir haben uns ganz gut angefreundet und es gibt immer wieder Neues miteinander zu entdecken. Das liegt wohl auch daran, dass wir uns bei diesem Format dazu entschieden haben, dass Brasch eine Art Geschichtenerzählerin ist. Wir begeben uns mit ihr auf Reisen.
Antwort: Daher kommt es mir wohl auch nicht vor wie zehn Jahre. Vermutlich auch wegen der zwei Wechsel in der Besetzung der Partner von Brasch. Zu Beginn ist mein bester Freund Sylvester Groth leider schon ausgestiegen. Dann war lange Matthias Matschke dabei, hat den Polizeiruf 2019 aber auch verlassen. Das ist wie eine Beziehung, die zu Ende geht, auch das prägt den Werdegang einer Figur und hat uns alle überrascht ob der Entwicklung von Brasch. Sie hat sich verändert in dieser Zeit.
Frage: Erkennen Sie Anteile von Doreen Brasch in sich selbst?
Antwort: Ich würde mal sagen – und ich weiß, das klingt ein bisschen klischiert – dass wir uns in unserem Gerechtigkeitswahn ähneln. Ich kann es nicht aushalten, wenn nach unten getreten wird. Dann mische ich mich ein. Auch wenn das manchmal gar nicht gefragt ist. Was uns sehr unterscheidet, ist allerdings die manchmal aufbrausende, nicht sehr diplomatische Seite von ihr. Der sehr kurze und sehr direkte Weg.
Frage: Arbeiten Sie für die Produktionen auch mit der Polizei zusammen?
Antwort: Ja, ich konnte zweimal mit der Polizei trainieren und sollte es wahrscheinlich regelmässiger tun. Wenn es wieder vonnöten ist, werde ich daran denken.
Frage: Sie suchen immer nach dem besonderen Anteil in Ihren Rollen, nennen das dann eine Perle. Was war das in der neuen Folge des Polizeiruf?
Antwort: Diese Folge ist tatsächlich etwas anders: Braschs Chef, der Kriminalrat Lemp, gespielt von Felix Voertler, ist in Not. Die Gewichtung ist in dieser Folge mehr auf ihm, was wunderbar ist. Brasch ist diesmal eher überwiegend ermittelnd unterwegs.
Frage: Was war ihre letzte sogenannte Perle?
Antwort: „Ronny“ war schon so ein Film, der letzte Polizeiruf. „Der Verurteilte“ war auch ganz großartig, es gibt schon ein paar Filme auf die wir sehr stolz sind. Außerdem drehe ich derzeit einen Sechsteiler mit Matthias Glaser und Jürgen Vogel, auch das ist auch eine sehr besondere Begegnung in der Zusammenarbeit, sehr beglückend.
Frage: Sie haben mal gesagt, dass die Älteren gefragt sind, wenn es darum geht, mit Toleranz auf die Irritationsphasen der Jüngeren zu reagieren. Merken Sie, dass Sie manchmal nicht mehr hinterherkommen bei den vielen Gesellschaftskonflikten der aktuellen Zeit?
Antwort: Ja, ich komme nicht mehr hinterher, aber das macht gar nichts. Ich versuche, mir Mühe zu geben und finde, das müssen wir auch tun. Ich werde mich nicht hinstellen und Kritik an dem Protest der Jugend üben – im Gegenteil. Jede Generation hat das Recht auf ihre eigene Form der Veränderung und da müssen die Älteren auch einfach in Bewegung bleiben. Alles, was festgefahren ist, ist nicht gut.
Frage: Fährt unsere Gesellschaft aktuell fest?
Antwort: Nein, es ist viel in Bewegung, nur leider hat die Politik zu wenig tatsächliches Interesse am Tagesgeschehen der Leute, den Nöten der Kinder und Alten. Zwei Welten, die nicht miteinander verbunden sind, eine Politik die in vielen Punkten losgekoppelt ist von seinen Menschen. Wie soll eine Gesellschaft sich so weiterentwickeln? Das ist im Moment die größte Gefahr.
Die neue Folge des „Polizeiruf 110: Du gehörst nur mir“ läuft am 27. August um 20.15 Uhr im Ersten.