Wohnen in Aurich  Wie der Wunschtraum Wohnen zum Alptraum werden kann

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 18.08.2023 09:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Haus der NLG an der Wallstraße ist jetzt fertiggestellt worden. Foto: Ortgies
Das Haus der NLG an der Wallstraße ist jetzt fertiggestellt worden. Foto: Ortgies
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An der Großen Mühlenwallstraße in Aurich schleppt sich ein Bauprojekt seit mehr als sechs Jahren hin. Jetzt ist ein Viertel des Geplanten fertiggestellt. Warum hakt es bei dem Rest?

Aurich - Bezahlbarer Wohnraum ist in Aurich wie vielerorts knapp. Mittlerweile hat man sich an Überschriften wie „Auricherin sucht nach Scheidung monatelang neue Wohnung“ oder „Kinderreiche Familie findet kein neues Heim“ fast gewöhnt. Wie langwierig und mühsam es sein kann, ein Bauprojekt umzusetzen, zeigt ein Vorhaben der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) auf einer Fläche zwischen Wallstraße und Großer Mühlenwallstraße in Aurich. Von der ersten Vorstellung der Pläne bis zur (teilweisen) Fertigstellung sind sechs Jahre vergangen. Die Redaktion hat versucht nachzuvollziehen, was alles erforderlich ist, um öffentlich zu bauen und welche Widerstände dabei überwunden werden müssen. Dabei geht es darum, sich dem Thema möglichst chronologisch anzunähern. Warum wurde gerade dieses Bauvorhaben ausgewählt? Es war die Verwunderung der Redaktion darüber, dass anstelle der ursprünglich geplanten drei Stadthäuser, die auf dem Areal hätten entstehen sollen, nur eines gebaut wurde, nämlich das an der Wallstraße.

Wann ist das Vorhaben erstmals öffentlich vorgestellt worden?

NLG-Geschäftsführer Jacobus Penning hatte 2017 im Bauausschuss Pläne für das Projekt vorgestellt. Die Gebäude sollen dort errichtet werden, wo die Bereitschaft, der Katastrophenschutz und die Hunderettungsstaffel des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ihren Sitz hatten und davor der Reifenhändler Holert ansässig war.

Dieser ursprüngliche Entwurf der Stadthäuser ist der Politik vor einigen Jahren vorgestellt worden. Repro: privat
Dieser ursprüngliche Entwurf der Stadthäuser ist der Politik vor einigen Jahren vorgestellt worden. Repro: privat

Was war ursprünglich geplant?

Im südlichen Teil, also auf der größeren Fläche zwischen Wallstraße und Großer Mühlenwallstraße, sollten ursprünglich auf 640 Quadratmetern drei zweigeschossige Stadthäuser errichtet werden. Auf der rund 100 Quadratmeter kleineren Fläche im nördlichen Teil, also direkt an der Wallstraße, plante die NLG ein seniorengerechtes Wohnhaus, an das sich ein Gebäude mit einer Wohneinheit anschließt. Das Grundstück gehört der Stadt. Sie hatte es bewusst erworben, um an dieser exponierten Stelle Einfluss auf das Stadtbild zu haben. Wer nämlich entlang der Großen Mühlenwallstraße fährt und in Richtung Innenstadt blickt, schaut auf Hinterhöfe, Lagerhäuser und Schuppen. Er gewinnt also einen eher kleinteiligen, tendenziell ungepflegten Eindruck. Das wollte die Stadt im Rahmen der Altstadtsanierung ändern. Sie hat in einem aufwendigen Verfahren über viele Jahre Grundstücke auf dieser Fläche erworben.

Welche Voraussetzungen waren für den Bau erforderlich?

Rein planungsrechtlich musste der Bebauungsplan geändert werden. Ein solches Verfahren dauert, bis alle Schritte von der Auslegung bis zum Satzungsbeschluss erledigt sind, rund ein Jahr. Über die dafür erforderliche Änderung des Bebauungsplans wurde in den politischen Gremien der Stadt lange gestritten. Dann schien der Weg für den Baubeginn frei zu sein. Das war aber nicht der Fall, weil ein Schadstoffgutachten erstellt werden musste. „Deshalb verschiebt sich der Baustart mindestens um neun Monate“, hatte Jacobus Penning im April 2020 mitgeteilt. Das Gutachten sei erforderlich, weil es sich um möglicherweise belastetes Erdreich handeln könnte. Man vermutete, dass die Nutzung durch einen Reifenhändler und den Besitzer einer Tankstelle Spuren hinterlassen haben könnte. Über das Ergebnis dieses Gutachtens wurde nichts bekannt.

Wann wurde tatsächlich gebaut?

Im April 2022 begannen die Abrissarbeiten auf dem Areal, Wochen rollten die Bagger an, allerdings nur an der Wallstraße. Parallel brachte die Stadt am 19. April 2022 eine Beschlussvorlage über den Verkauf des städtischen Grundbesitzes heraus, außerdem wurde in einer Ausschuss-Sitzung zum wiederholten Mal über die Pläne für die Bebauung diskutiert. Die Pläne, die in der Sitzung vorgelegt worden seien, hätten nicht den ursprünglichen entsprochen, sagte Ingeborg Hartmann-Seibt aktuell auf Nachfrage der Redaktion. Die SPD-Ratsfrau sprach von einem Entwurf mit Flachdach samt Staffelgeschoss. Die Politik habe darauf gepocht, dass an dieser Stelle eine kleinteilige Bebauung umgesetzt werden müsse. Außerdem habe man sich Gebäude mit Satteldächern gewünscht. Die NLG erhielt die Auflage, neue Pläne vorzustellen. Außerdem musste der Bebauungsplan geändert werden. Wieder verstrich Zeit.

Wie weit ist das Projekt aktuell?

Das Gebäude an der Wallstraße ist fertiggestellt. Es ist bezugsfertig. Davor breitet sich eine freie Fläche von 640 Quadratmetern aus. „Wir sind derzeit dabei die Planungen anzupassen. Außerdem sind wir in ständiger Abstimmung mit der Stadt“, sagte Jacobus Penning am Donnerstag auf Anfrage der Redaktion. Auf Planungsdetails wollte er nicht eingehen. Er wollte auch die Frage nicht beantworten, ob die NLG mittlerweile das Grundstück gekauft habe. „Für uns ist es nicht maßgeblich, ob wir drei Monate später mit dem Bau beginnen oder nicht“, fügte er hinzu. Grundsätzlich gehe er davon aus, dass die Arbeiten erst im nächsten Jahr aufgenommen werden. Auf die Frage, ob der dringende Bedarf an Wohnraum, nicht größere Eile gebieten würde, sagte er: „Was wir vorhaben, wird den Bedarf nicht decken. Das könnte nur ein so großes Projekt wie die Nachnutzung der Blücherkaserne. Dort entstehen Hunderte Wohnungen.“

Der Fußweg an der Großen Mühlenwallstraße ist seit vielen Wochen gesperrt, dort wird eine neue Kanalisation für die Stadthäuser verlegt. Darüber, wie die jetzt aussehen, entscheidet offenbar nicht mehr die Politik. „Die ist schließlich nicht in jeden Bauantrag involviert“, sagte Jacobus Penning. Warum dies aber vor einem Jahr der Fall war und dadurch augenscheinlich eine rasche Bebauung verhindert wurde, ließ sich nicht klären. Mirco Wento vom Planungsamt der Stadt wies auf eine Anfrage darauf hin, dass sich die Dimensionen der Baukörper denen der Häuser in der Umgebung anpassen müssten. Nach Recherchen der Redaktion wird es, konservativ geschätzt, noch anderthalb Jahre dauern, bis die Stadthäuser fertiggestellt sind. Anfang 2026 könnten sie dann bezogen werden. Dann wären fast neun Jahre von der ersten Vorstellung bis zur Verwirklichung vergangen.

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