Istanbul  Schreckliche Vorwürfe: Haben saudische Soldaten Flüchtlinge massakriert?

Thomas Seibert
|
Von Thomas Seibert
| 23.08.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der seit Jahren dauernde Bürgerkrieg im Jemen hat bislang Hunderttausende Todesopfer gefordert. Viele Menschen suchen Schutz außerhalb des Landes. Foto: imago images/Pond5 Images
Der seit Jahren dauernde Bürgerkrieg im Jemen hat bislang Hunderttausende Todesopfer gefordert. Viele Menschen suchen Schutz außerhalb des Landes. Foto: imago images/Pond5 Images
Artikel teilen:

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch behauptet, saudische Soldaten hätten afrikanische Flüchtlinge regelrecht massakriert. Von Massenerschießungen und Vergewaltigungen ist die Rede. Kritik der westlichen Welt bleibt aus.

Menschenrechtler fordern internationale Konsequenzen für Saudi-Arabien wegen der Massaker an Hunderten afrikanischen Migranten. Mit brutalen und sadistischen Methoden sollen saudische Soldaten die Flüchtlinge an der Grenze zu Jemen aufgehalten haben, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) berichtet. Die Regierung in Riad dementiert, doch Kritiker von Kronprinz Mohammed bin Salman sehen sich fünf Jahre nach dem Mord an dem Dissidenten Jamal Khashoggi in ihrer Meinung bestätigt, dass es keine normalen Beziehungen zu dem Regime des Thronfolgers geben dürfe.

HRW listet in einem 73-seitigen Bericht auf, wie afrikanische Migranten, die in Saudi-Arabien Arbeit oder Schutz vor Verfolgung suchten, an der saudisch-jemenitischen Grenze aufgehalten werden. Allein zwischen März des vergangenen Jahres und diesem Juni seien Hunderte Afrikaner an der Grenze getötet worden, berichtet HRW auf der Grundlage von Gesprächen mit Flüchtlingen und der Auswertung von Videos und Fotos. Jemenitische Huthi-Rebellen, Kriegsgegner der Saudis, bringen die meist äthiopischen Flüchtlinge laut HRW an die Grenze und verdienen am Menschenschmuggel, der nach wie vor anhalte.

Dem Bericht zufolge schossen die saudischen Truppen mit Granaten auf die unbewaffneten Flüchtlinge. In einigen Fällen seien Flüchtlinge gezwungen worden, Frauen zu vergewaltigen – als sich ein Mann weigerte, wurde er erschossen. Saudische Grenztruppen sollen Flüchtlinge auch absichtlich mit Schüssen verletzt haben; manchmal fragten sie ihre Opfer demnach, in welches Körperteil sie schießen sollten. Flüchtlinge sagten HRW, in der gebirgigen Grenzregion lägen Schwerverletzte und die Leichen von Opfern verstreut. Sollte die Gewalt auf eine politische Entscheidung Saudi-Arabiens zurückgehen, handele es sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erklärte HRW.

Weiterlesen: Annalena Baerbock rechtfertigt Rüstungsdeal mit Saudi-Arabien

Die saudische Regierung wies die Vorwürfe als haltlos zurück. Der HRW-Bericht stütze sich nicht auf verlässliche Quellen, erklärte Riad. Ali Shihabi, ein regierungsnaher saudischer Autor, schrieb im Kurznachrichtendienst X, früher Twitter, er sei sicher, dass Schuldige bestraft würden. Auch dürfe nicht vergessen werden, dass es schwer sei, zwischen Flüchtlingen und bewaffneten Angreifern zu unterscheiden. Der britische Sender Sky News meldete, die saudischen Behörden hätten eine Untersuchung eingeleitet.

Kronprinz Mohammed bin Salman bemüht sich seit 2018, das Image eines gewissenlosen Gewaltherrschers loszuwerden. Damals wurde Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul von einem Mordkommando getötet, das nach Erkenntnissen der UNO und amerikanischer Geheimdienste unter dem Befehl des Thronfolgers stand. Im Westen wurde der Kronprinz vorübergehend geächtet.

Heute ist der 37-jährige Kronprinz, genannt MBS, international wieder hoffähig, empfängt westliche Spitzenpolitiker wie US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz und besucht westliche Hauptstädte. Seine Regierung investiert Milliarden in den Umbau der Wirtschaft und in Sportprojekte. Gegner werfen ihm „Sportswashing“ vor: die Instrumentalisierung des Sports, um von Menschenrechtsverletzungen abzulenken.

Der HRW-Bericht über die Massaker an den wehrlosen Flüchtlingen verstärkt nun die Kritik an der Zusammenarbeit des Westens mit MBS. Sarah Leah Whitson, Chefin der von Khashoggi gegründeten Organisation Dawn, kommentierte, Saudi-Arabien handele in der Gewissheit, dass es von den USA unterstützt werde. Wenn Riad als Ergebnis laufender Verhandlungen mit Washington neue US-Sicherheitsgarantien erhalte, werde das Problem nur noch schlimmer, sagte Whitson dem Magazin Responsible Statecraft.

Der Nahost-Experte Nader Hashemi von der Georgetown-Universität in Washington warf die Frage auf, ob Großbritannien nach dem HRW-Bericht nun einen geplanten Besuch von MBS in diesem Herbst streichen wird. Es wäre der erste Besuch des Prinzen in London seit 2018. Die britische Regierung äußerte sich nicht dazu.

Ähnliche Artikel