„Zossenhof“-Betreiber  Willmsfelder will „Millionengrab“ RTC in gesunde Zukunft führen

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 22.08.2023 16:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Florierende Zukunft fürs RTC? Blick über den Blühstreifen am Geländerand auf die große Halle des RTC. Die möchte Andy Klasing zusätzlich zur restlichen Anlage ebenfalls pachten. Fotos: Cordsen
Florierende Zukunft fürs RTC? Blick über den Blühstreifen am Geländerand auf die große Halle des RTC. Die möchte Andy Klasing zusätzlich zur restlichen Anlage ebenfalls pachten. Fotos: Cordsen
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Seit vielen Jahren genießt das RTC in Timmel im Reitsport sehr hohes Ansehen – und schreibt ähnlich hohe Verluste. Das will ein Willmsfelder ändern und die Anlage pachten. Wer ist er?

Timmel - Es war ein Paukenschlag im April, als die Großefehner Politik entschied, dass ihre Gemeinde selbst künftig die Finger vom Betrieb des Reitsport-Touristik-Centrums (RTC) Ostfriesland in Timmel lassen und sich vom Eigenbetrieb der Anlage verabschieden soll. Zu hoch waren die Kosten, zu hoch waren die Verluste des 2008 errichteten, seinerzeit fast fünf Millionen Euro teuren Bauwerks, für das 3,2 Millionen Euro Fördergeld flossen.

Nun, ein gutes Vierteljahr später, rückt eine Lösung für die jahrelang defizitäre Anlage in greifbare Nähe: Ein eigens gebildeter Arbeitskreis für die Nachnutzung hat Gespräche mit diversen Interessenten geführt – und jetzt einen Favoriten gefunden, bei dem die Politik entscheidet, ob sie ihm die Anlage überlässt. Der will nicht nur die Reitanlage mit ihren 40 Pferdeboxen, dem Außengelände und der kleinen Halle zu pachten, sondern auch die große Halle, in der über die Jahre immer wieder Reitsport-, Zucht- und andere Sportveranstaltungen, aber auch Theateraufführungen und die beliebten „Tüddelkram“-Kunsthandwerker-Märkte zu Gast waren.

„Ich habe sofort gedacht: Das RTC muss erhalten werden“

„Leicht entsetzt“ las seinerzeit auch im 25 Kilometer nördlich gelegenen Willmsfeld (Gemeinde Westerholt) ein 42-Jähriger von diesen Nachrichten: Andy Klasing, selbst seit neun Jahren Betreiber des „Zossenhofs“, einer Reitanlage, in der inzwischen 38 Pferde ein Zuhause haben. „Ich dachte wirklich, das darf doch nicht wahr sein. Klar, man hat über die Jahre immer wieder mal gehört, dass das RTC hohe Verluste schreibt, aber damit, dass die Großefehntjer Ernst machen und die Politik sich entscheidet, sich wirklich vom Betrieb dieser tollen Anlage zu trennen: Damit habe ich nicht gerechnet, das hat auch die Szene in Ostfriesland wirklich überrascht“, sagt er.

Sein Entsetzen habe aber nur kurz gewährt. „Denn fast im gleichen Atemzug habe ich die riesige Chance erkannt, die für unseren Betrieb in dieser Entscheidung liegen könnte“, sagt er. Unter den Einstellern auf dem „Zossenhof“ ist beispielsweise Pia Schmülling aus Ostermoordorf, kürzlich in der Altersklasse der Jungen Reiter mit ihrer selbst gezogenen Stute For Ever Pleasure N Deutsche Vizemeisterin in der Vielseitigkeitsreiterei geworden. „Wir haben uns binnen neun Jahren einen wirklich guten Ruf erworben und die Zahl der Anfragen nach Pferdeboxen steigt stetig“, sagt Klasing. „Ich habe sofort gedacht: Das RTC muss erhalten werden für die Reitszene, für die Gemeinde, für die Vereine. Und dann habe ich mich gefragt: Warum machst Du selbst das nicht einfach?“ Die Frage war Momente später keine mehr.

Seit neun Jahren betreibt Andy Klasing den „Zossenhof“ in Willmsfeld.
Seit neun Jahren betreibt Andy Klasing den „Zossenhof“ in Willmsfeld.

Top-Kandidat bleib nach zahlreichen Gesprächen übrig

Ohne offizielle Ausschreibungen abzuwarten, habe er sich direkt mit der Gemeinde Großefehn in Kontakt gesetzt und vorsichtig sein Interesse bekundet. „Von dort hieß es, ich möge mich noch kurz gedulden bis zur offiziellen Ausschreibung, weil man alle Kandidaten gleich und fair behandeln möchte. Das habe ich gemacht, hatte in der Zwischenzeit aber schonmal Zeit, mein Konzept auszuarbeiten.“ Mit dem hat der Willmsfelder anscheinend überzeugt. Im September werden die politischen Gremien in der Gemeinde Großefehn sich damit befassen und darüber entscheiden, ob der 42-Jährige den Zuschlag als Pächter erhält. Entsprechende Informationen unserer Redaktion bestätigte Großefehns Bürgermeister Erwin Adams (parteilos) auf Anfrage.

Es habe „zahlreiche Anfragen und Pachtinteressierte gegeben“, sagt Adams. Mit allen habe der eigens gebildete Arbeitskreis aus Mitgliedern der Gemeinde-Tochter Großefehn Tourismus GmbH (GTG) als Betreiberin, des Rates und der Verwaltung gesprochen. Klasing sei als klarer Top-Kandidat hervorgegangen. Für zunächst drei Jahre würde der Pachtvertrag gelten. „Natürlich mit dem Ziel, dass das etwas Langfristiges wird und bleibt“, sagt Klasing.

„Er hat gezeigt, dass er es kann“

Adams sagt: „Er hat gezeigt, dass er das kann. Von seinen Kunden und aus der Branche hört man durchweg sehr Gutes über den Hof. Die Einsteller sind offenbar sehr zufrieden, und aus den bisherigen Gesprächen kann ich nur sagen, dass bei uns das Gefühl gewachsen ist, dass Andy Klasing, das RTC und wir sehr gut zusammenpassen könnten.“ Wichtig sei ihm „grundsätzlich ein gutes Miteinander, auch mit den Vereinen“.

Der Fahr- und Reitverein Timmel – er war selbst im Frühjahr als möglicher Pächter ins Spiel gebracht worden – hat unter anderem die kleine und manchmal die große Halle für Reitkurse genutzt und einen noch etwa zehn Jahre gültigen Pachtvertrag. Der Dorfverein Timmel möchte in der großen Halle 2025 ein neues, großes Theaterstück aufführen, der SuS Timmel hat die große Halle immer wieder für Sportturniere genutzt. Klasing hat mit den Vereinen schon Gespräche geführt, sagt: „Hier ist etwas wirklich Tolles entstanden, das möchte ich so in die Zukunft führen.“ Und das möchte er sogar mit dem Rundum-Glücklich-Paket der Gemeinde-Vertreter: Denn Klasing will nicht nur die Pferdeboxen, das Außengelände und die kleine Halle pachten, sondern auch die große – und sich deren Nutzung mit den Vereinen teilen.

Langjährige finanzielle Schwierigkeiten

Einhelliger Wunsch des Bürgermeisters, der Politiker wie auch der Pferde-Einsteller und Vereine war und ist: Eigentlich sollte beim Reitsport-Prestigeobjekt alles so weitergehen wie bisher – nur schlanker, effizienter, rentabler geführt von einem privat wirtschaftenden Betreiber, am liebsten als Pächter. Der könne „in privater Hand schneller reagieren und auch profitabler gestaltet werden als von uns als Kommune“, sagte Adams im Vorfeld der politischen Entscheidung.

Seit der Eröffnung musste die Gemeinde immerhin jährlich Hunderttausende Euro zuschießen, um die Verluste auszugleichen. Zuletzt waren es mehr als 400.000 Euro pro Jahr. Fürs kommende Jahr rechnete die Gemeinde wegen höherer Energiekosten und Tariferhöhungen fürs Personal mit einer Lücke von mehr als einer halben Million Euro. Eben deshalb war das Prestige-Objekt trotz all seiner „weit reichenden Ausstrahlungskraft“, wie Bürgermeister Erwin Adams es nennt, seit Langem umstritten. Und eben deshalb habe die Politik der Verwaltung aufgegeben, sich aus dem Betrieb künftig rauszuhalten und Alternativen auszuloten, so Adams. Ratsherr Folkert Onken (Westgroßefehn, CDU) sagte: „Wir können nicht einfach hinnehmen, dass wir jedes Jahr Hunderttausende an Verlusten im Projekt ausgleichen und der Nutzen nur einer kleinen Gruppe zugutekommt. Das ist nicht auf dem Rücken aller tragbar.“

„Das kann etwas Tolles werden“

Wie aber ist die finanzielle Kehrtwende zu stemmen? Wie will Klasing es schaffen, aus dem „Millionengrab“, als das das RTC seit Langem bezeichnet worden ist, vielleicht keinen Goldesel, wenigstens aber einen Betrieb zu machen, der sich selbst tragen kann? Der Willmsfelder reagiert entspannt auf die Frage und sagt: „Dass es geht, beweisen wir mit dem ,Zossenhof‘ seit Jahren. Wir machen das aber zu zweit, meine Lebensgefährtin und ich.“ Beim RTC in Timmel haben sich 22 Beschäftigte auf neun Vollzeitstellen die Aufgaben geteilt. „Es wird nichts ohne helfende Hände gehen, aber ich bin überzeugt davon, dass wir das hinkriegen. Mit kleinerer, aber eingespielter Mannschaft“, sagt Klasing.

Sofern die Politik zustimme, wolle er sich „beim RTC den Hut aufsetzen“, während seine Lebensgefährtin auf Sicht den Betrieb in Willmsfeld federführend managen solle. „Sie bildet sich gerade parallel noch zur Physiotherapeutin und Chiropraktikerin für Pferde weiter“, sagt er. „Alle Entscheidungen wollen wir gemeinsam treffen, aber uns die Standorte, ergänzt um ein Team, aufteilen.“ Klasing betont auch, erste Gespräche mit den Einstellern in Timmel seien positiv verlaufen. „Wir sind bereit, die bestehenden Verträge zu übernehmen. Wer sich zwischenzeitlich aus Sorge wegen der Ungewissheit um die Zukunft des RTC einen neuen Stall gesucht hat, dürfte sich auch gern melden und zurückkehren“, sagt er. „Die bisherigen Einsteller würden wir selbstredend vorrangig behandeln, auch wenn wir darüber hinaus eine große Liste an Interessenten haben.“ Und dann sprudeln seine Ideen, was er gern wie anpacken würde. „Und dann muss ich meine Vorfreude wieder einfangen. Denn erst einmal ist es ja selbstverständlich an der Politik zu entscheiden, ob sie dem Plan zustimmt. Erst dann können wir ja loslegen.“

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