Hannover/Hamburg Hühner mit Pike aufgespießt: Tierschutz-Verstoß im Landkreis Emsland?
Niedersachsen droht ein neuer Tierschutzskandal. Aktivisten haben Videomaterial veröffentlicht, das aus einem Stall für Masthähnchen im Landkreis Emsland stammen soll. Zu sehen: ein fragwürdiger Umgang mit den Tieren.
Seelenruhig geht der Mann in dem Video durch den Stall. Die Hühner huschen davon. Nach Tieren, die nicht schnell genug sind, schlägt er mit einer Art Pike. Immer und immer wieder – so lange, bis das Werkzeug sich in dem Tier verfängt. Flatternd landet das Huhn in einem Eimer.
Auf anderen Aufnahmen ist die Verladung der Tiere in Boxen zu sehen, das sogenannte Ausstallen. Die Tiere sind schlachtreif und mittlerweile so schwer, dass sie sich nur noch langsam bewegen können. Menschen greifen sie und stopfen die Hühner in Boxen.
Die Menschen sind offenbar bester Laune, sie stoßen sich im Spaß gegenseitig, stolpern in und auf die Tiere, die kaum flüchten können. Zur Revanche wird mit Hühnern nacheinander geworfen. Später ist der Stall weitgehend leer. Auf dem Boden bleiben Tiere zurück, die während der Mast gestorben sind.
Jene Szenen sollen in einem Hühnermaststall im Emsland entstanden sein. Der Landkreis im Westen von Niedersachsen ist so etwas wie die deutsche Hühnerhochburg. In zahllosen Ställen werden Legehennen gehalten, die Eier produzieren, und Masthähnchen groß gezogen, deren Fleisch später in ganz Europa auf den Tellern landet.
Vor Ort im Emsland ist davon gerade bei den Masthähnchen wenig zu sehen. Die Aufzucht der Hähnchen findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Freilaufflächen wie etwa bei Legehennen gibt es nicht. Die jetzt von der Tierrechtsorganisation „Soko Tierschutz” veröffentlichten Aufnahmen geben Einblicke, wie es mutmaßlich nicht laufen sollte: Tieren ohne Grund Schmerzen zuzufügen, ist in Deutschland verboten.
Das Videomaterial sei ihnen zugespielt worden, sagt Soko-Vorsitzender Friedrich Mülln auf Anfrage. Die Aufnahmen, die unsere Redaktion eingesehen hat, legen nahe, dass sowohl mit versteckten Kameras im Stallinnern gedreht wurde als auch zu einem möglicherweise späteren Zeitpunkt Aktivisten selbst mit einer Kamera durch den Stall gelaufen sind.
Mülln verortet den Stall im Landkreis Emsland. Die zuständigen Behörden seien informiert worden, sagt Soko-Vertreter Mülln. Der Landkreis Emsland bestätigt das. Eine Sprecherin teilt auf Anfrage mit, der betroffene Betrieb sei daraufhin kurzfristig und unangekündigt kontrolliert worden. Zu den Ergebnissen macht sie aufgrund des laufenden Verfahrens aber keine Angaben.
Der Betreiber des Stalls erklärt auf Anfrage, er kooperiere eng mit den Behörden. Für das Ausstallen der Tiere setze er auf einen Dienstleister, der sein Personal in Ställe entsendet. Die Aufnahmen selbst habe er allerdings noch nicht gesehen, betont der Betreiber. Entsprechend könne er zu möglichen Vorwürfen nichts sagen. Hinsichtlich der Pike sei aber die Anschaffung von tierschutzfreundlicheren Stromzangen zur Nottötung einzelner Tiere in die Wege geleitet. Der Chef der Verladefirma teilt am Telefon mit, er habe sich von den Mitarbeitern getrennt, deren mutmaßliches Fehlverhalten auf den Videos zu sehen ist.
„Soko Tierschutz” hat indes Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg erstattet. Ein Sprecher der Justizbehörde bestätigte den Eingang, man stehe aber noch ganz am Anfang.
Ermittlungen der Anklagebehörde wegen mutmaßlicher Tierschutzverstöße dauern für gewöhnlich mehrere Monate. In der Regel werden Gutachten zu dem eingeholt, was auf den Videos zu sehen ist. Nicht immer ist strafrechtlich relevant, was vielleicht auf den ersten Blick empört. In den vergangenen Jahren hat die Staatsanwaltschaft aber auch immer wieder Fälle von Tierquälerei zur Anklage gebracht, die durch Tierrechtsaktivisten aufgedeckt worden sind.
Zu den spektakulärsten gehörten Missstände bei der Schlachtung von Rindern, die ebenfalls die „Soko Tierschutz” aufgedeckt hatte: In einem mittlerweile geschlossenen Schlachthof in Bad Iburg im Landkreis Osnabrück wurden gezielt kranke und verletzte Tiere angeliefert und offenkundig illegalerweise geschlachtet. Im Schlachthof selbst kam es zu Misshandlungen der Rinder, die oftmals per Seilwinde von Transportern in den Betrieb geschleift wurden. Auch Aufnahmen aus Schweineställen beschäftigten die Staatsanwälte in Oldenburg.
Um die Geflügelhaltung war es indes zuletzt eher ruhig. Das Landwirtschaftsministerium in Hannover ist nach Angaben einer Sprecherin vom Landkreis Emsland über den Fall informiert worden. Sowohl der Landkreis Emsland als auch das zuständige Ministerium bewerten die Sequenzen als „strafrechtlich relevant” und haben daher Strafanzeige erstattet, wie es auf Nachfrage aus dem Haus von Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) hieß.
Die Ministerin erklärte am Mittwoch zu dem Fall: „Es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass es zu Verletzungen von Geflügel beim sogenannten Ausstallen kommt. Ein systemischer Grund für diese Verstöße liegt in den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das bedeutet oft fehlende Pausenzeiten und Akkordarbeit. Tierschutz ist unter solchem Zeitdruck kaum möglich.“
Ministerin Staudte steht nach Angaben einer Sprecherin bereits im Austausch mit dem Sozialministerium, um zu prüfen, wie für Mitarbeiter sogenannter Fangkolonnen Arbeitsschutzmaßnahmen festgelegt werden können.
Außerdem laufe bei den Landkreisen und kreisfreien Städten derzeit eine Abfrage des Landwirtschaftsministeriums zur Anzahl und den Ergebnissen der vorgenommenen Kontrollen während des Ausstallens. Per Runderlass vom 27. September 2022 sind die örtlichen Veterinärbehörden verpflichtet, stichprobenhaft zu kontrollieren.
„Stichprobenartige Kontrollen sind allerdings leider nur bedingt effektiv, denn sobald die Kontrollpersonen vor Ort sind, wird das Arbeitsverhalten angepasst. Wir weisen darauf hin, dass die Tierhalterinnen und Tierhalter, solange die Tiere auf ihrem Hof sind, die Gesamtverantwortung tragen und das Ausstallen im Auge behalten müssen“, betonte Ministerin Staudte. Es sei aber auch wichtig, dass die Mitarbeiter der Fangkolonnen fachlich für ihre Aufgabe geschult sind. Bisher treffe die Schulungspflicht bundesweit nur auf die Kolonnenführer zu. „Das wollen wir ändern“, sagte Ministerin Staudte. Beim Thema dauerhafte Videoüberwachung sei die Geflügelbranche gefragt, datenschutzkonforme Lösungen zu erarbeiten.
Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender der niedersächsischen Geflügelwirtschaft, beteuerte, den Vorfall noch nicht im Detail zu kennen, stellte aber klar: „Wir dulden bei uns keine schwarzen Schafe.” Zunächst aber müsse „sauber ermittelt” werden. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, müsse das „ganz klar sanktioniert” werden. Bis dahin aber gelte die Unschuldsvermutung.