Kolumne „Klare Kante“  Die Ampel im Rausch der Sinne

Dieter Weirich
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Eine Kolumne von Dieter Weirich
| 24.08.2023 09:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Dieter Weirich
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Die Ampel-Koalition will Cannabis für Erwachsene freigeben. Gesundheitsminister Karl Lauterbach agiert dabei mitunter paradox, findet unser Kolumnist.

Eigentlich sind sich die Grünen und die FDP in dieser Ampel so lieb wie Leibweh. In einem gesellschaftspolitischen Projekt zur Umgarnung junger Wähler haben sie sich jetzt in der kontrollierten Freigabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken zusammengefunden. Nach der Zeitenwende also die „Tüten-Wende“, konstatiert ein Magazin. Bald wird sich das Parlament mit dem Gras der „Fortschritts“-Koalition beschäftigen.

Zur Person

Dieter Weirich (76), Publizist und Buchautor, ist ein Grenzgänger zwischen Medien und Politik. Der gebürtige Schwabe war hessischer Landtags- und Bundestagsabgeordneter der CDU und Intendant der Deutschen Welle. Heute lebt er in Berlin.

Wie nicht anders zu erwarten, handelt es sich bei der 163 Seiten umfassenden Regierungsvorlage um eine komplizierte Regulierung. Im ersten Schritt erhalten „Cannabis Social Clubs“ nach ihrer Gründung Lizenzen, Hanfpflanzen anzubauen oder Blüten und Harz an ihre Mitglieder abzugeben. Kiffer dürfen 25 Gramm bei sich tragen.

Erwachsene dürfen zu Hause drei Cannabispflanzen züchten. In einem Radius von 200 Metern rund um Kitas und Schulen ist der Genuss oder die Mitnahme von Joints verboten, in Fußgängerzonen gilt diese Bestimmung von 7 bis 20 Uhr. Der Weg in die Freiheit ist in Deutschland immer mit Pilotprojekten gepflastert. Im zweiten Schritt können in Modellprojekten Fachgeschäfte dann Cannabis-Produkte verkaufen.

Die Regierung verspricht sich von einer durch mehr Prävention begleiteten Legalisierung weniger Süchtige und Kriminelle, die Vermeidung von verunreinigtem Gras durch Kontrolle in den Cannabis-Vereinen und weniger Arbeit für Polizei und Justiz, die Kiffer nicht mehr verfolgen und bestrafen müssen. Die Kritiker warnen vor Cannabis als Einstiegsdroge, Studien beschwören die Gefahren von Psychosen bei Jugendlichen, Erfahrungsberichte aus liberalisierten Städten zeigen mehr Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss.

Eine tragikomische Figur gibt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) in dem Streit ab. Er warnt massiv vor den Schäden für das Gehirn für Menschen bis zum 25. Lebensjahr, um dann für die Freigabe ab 18 einzutreten. Er erinnert an einen asketischen Prediger vor den Anonymen Alkoholikern – um dann zu einer fröhlichen Zechtour einzuladen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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