Hannover  Goecke-Eklat: So selbstbezogen spricht der Choreograf heute über seine Kot-Attacke

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 29.08.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Nach seiner Hundekot-Attacke auf Wiebke Hüster spricht Marco Goecke im HAZ-Interview über die Folgen, die seine Gewalt hat - für ihn selbst. Foto: dpa
Nach seiner Hundekot-Attacke auf Wiebke Hüster spricht Marco Goecke im HAZ-Interview über die Folgen, die seine Gewalt hat - für ihn selbst. Foto: dpa
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Am Samstag, 23. September 2023, nimmt die Staatsoper Hannover das Ballett „A Wilde Story“ wieder auf. Choreograf ist Marco Goecke, der eine Kritikerin mit Hundekot attackiert hatte. Wie er inzwischen über seine Tat denkt, haben wir kürzlich beschrieben. Aus Anlass der Wiederaufnahme aktualisieren wir noch einmal unseren Bericht.

Erinnern Sie sich an Marco Goecke? Hannovers Weltstar mit dem Hundehaufen? Im Februar, damals noch Ballettdirektor an der Staatsoper, hatte er die Tanzkritikerin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ attackiert. Auf einer Premiere passte er Wiebke Hüster in der Pause ab und drückte ihr einen Hundehaufen seines Dackels ins Gesicht. Hüster schrie vor Entsetzen. Dann wurde sie von einer Theatermitarbeiterin auf eine Angestelltentoilette geführt. So berichtete sie es danach im Interview mit unserer Redaktion. Den Täter ließ die Staatsoper trotzdem noch einmal auf die Bühne. Während Hüster sich Goeckes Hundekot aus dem Gesicht wusch, badete er im Applaus des Publikums.

Wir haben mit Wiebke Hüster, hier ein Porträt von ihrem Instagram-Account, gesprochen. Zur Debatte um Goeckes mögliche Rückkehr an die Staatsoper möchte die Kritikerin sich nicht mehr öffentlich äußern.

Vielleicht erklärt diese Behandlung Marco Goeckes erstaunliches Selbstbewusstsein. Nach der Tat warf er der Kritikerin vor, dass in Wahrheit sie ihn „beschmutzt“ habe – in ihren Texten. Auch eine nachgereichte Entschuldigung verband er mit weiteren Vorwürfen. Dann verschwand der Skandal in der Sommerpause. Zum Spielzeitauftakt meldete Goecke sich jetzt zurück. In der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) spricht er über alles und jeden: über seine Mutter zum Beispiel, über den Dackel Gustav („ein Scheidungskind“) und über seine einsame Künstlerseele. Nur über Wiebke Hüster sagt Goecke nichts.

Auch HAZ-Autor Stefan Arndt, der das Interview führt, fragt nicht nach ihr. Er eröffnet das Gespräch schon so, als hätte Goecke nichts getan, sondern etwas erlitten: „Wie geht es Ihnen?“ Die ersten Monate „nach dieser Geschichte“, antwortet der, seien nicht einfach gewesen. Die große Aufmerksamkeit für seine Tat findet er „nicht zu glauben“. Trotzdem sieht er auch „das Gute“ daran: Nun könne er „in Ruhe herausfinden“, wie es mit seiner Karriere weitergeht.

Der Kot-Attacke gibt die HAZ damit eine überraschende Lesart. Im Interview erscheint sie nicht mehr als Angriff auf eine Kritikerin – und mit ihr auf die freie Presse. Goeckes wahres Opfer, so scheint es, ist sein fragiles Selbstbild: „Entsetzt und traurig“ ist der 51-Jährige nicht über das, was er Hüster angetan hat – betroffen ist er darüber, dass „ich mit einer solchen Tat nun auch Teil des Schlechten bin“. Klingt ziemlich selbstbezogen, aber Goecke denkt nicht nur an sich. Er denkt auch an seine Mutter. Sämtliche „Bild“-Zeitungen im Dorf habe sein Schwager aufgekauft. Damit die alte Dame nicht liest, was er getan hat.

Wie absurd all diese Einlassungen auch sind: HAZ-Reporter Arndt reagiert auf sie mit der Empathie eines Verliebten. Als Goecke das Wort „Burn-out“ fallen lässt, souffliert der Interviewer ihm diese These: „Es ging also nicht nur um den Konflikt zwischen Künstler und Kritikerin: Sie waren an einem Punkt, an dem alles ein bisschen viel war, oder?“ Ein Choreograf stopft der Presse buchstäblich den Mund – mit einem Hundehaufen. Aber es geht nicht nur um die Kritik? Es war ein bisschen viel? Für Goecke?

Dass der Ex-Tanzchef die Journalistin angegriffen hat, findet er heute „tragisch“ und – so viel Selbstkritik muss sein – „auch zu bereuen“. Trotzdem fragt er sich nicht, mit welchen Gefühlen Hüster jetzt in einem Beruf weiterarbeiten soll, in dem er selbst sie zum Gewaltopfer gemacht hat. Viel eher interessieren ihn die eigenen Empfindlichkeiten. Ins Theater zurückzukehren, erfahren wir beispielsweise, geht zurzeit noch über seine Kräfte. Goecke: „Ich konnte das nicht.“

Daran überrascht vor allem, dass er überhaupt ins Theater darf: Die Staatsoper hatte dem Choreografen im Februar Hausverbot erteilt. Dass das schon Anfang März wieder zurückgenommen wurde, erfuhr die Öffentlichkeit erst im Zuge seines Interviews. Wieso gilt es denn nicht mehr? Hat das Theater schon in anderen Fällen Hausverbote erteilt – und binnen weniger Wochen kassiert? Fragen wie diese lässt die Staatsoper unbeantwortet.

Seit dem Skandal gehen Goecke und das Theater getrennte Wege. Seine Stücke bleiben zwar auf dem Spielplan; den Posten als Ballettchef aber ist er los. Das allerdings nicht, weil man ihn rausgeworfen hätte. Der Vertrag wurde einvernehmlich aufgelöst. Dabei hat Goecke dem Haus einen immensen Rufschaden zugefügt. Sogar die „New York Times“ hatte berichtet. Hat er trotzdem noch eine Abfindung mitgenommen? Auch diese Frage beantwortet die Staatsoper nicht.

Die Sache mit dem Geld beunruhigt auch die HAZ. Nicht wegen der mangelnden Transparenz; es geht um Goeckes finanzielle Absicherung: Kommt er ohne Direktorenposten denn über die Runden? „Im Moment reicht es zum Leben“, beruhigt der Künstler. Was ihm wirklich fehle, sei ein Mensch an seiner Seite, jemand „der mich ein bisschen beschützt“. Im HAZ-Reporter scheint Goecke genau das gefunden zu haben. Das ganze Gespräch folgt dem Gestus, den Mensch hinter der Tat sichtbar zu machen. Ohne Interesse für das Opfer.

Bisweilen wird es unfreiwillig komisch: „Wie alt ist ihr Hund denn?“, will Arndt wissen. Und: „Haben Sie immer schon Hunde gehabt?“ Diese Schlussfragen machen den Mann mit dem Hundehaufen zum unerschütterlichen Tierfreund. Goecke nimmt das Bällchen auf: „Als ich hier die Stelle als Ballettdirektor angenommen habe, habe ich gesagt, dass ich einen älteren Hund habe, und dass der im Zweifel Priorität hat“, bestimmt er seinen moralischen Kompass: „Es ist meine erste Pflicht als Mensch, mich um ihn zu kümmern im Alter: Das ist mir gerade das Wichtigste.“

Wichtig ist Goecke allerdings auch, seine Rückkehr an die Staatsoper zu verkünden. Für die Wiederaufnahmen, sagt er, werde er „sicher an das Haus zurückkommen“. Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft Hannover: Gegen Goecke wird weiterhin wegen Körperverletzung und Beleidigung ermittelt. Und noch vor Abschluss des Verfahrens will er zurück ans Haus? Die ungläubige Presse – auch unsere Redaktion – fragt bei der Staatsoper nach. Am Mittwoch bestätigt das Haus, dass Goecke tatsächlich wieder proben soll.

Niedersachsens Kulturminister Falko Mohrs, zugleich Aufsichtsratschef der Staatsoper, sieht das anders. „Es wird keine Rückkehr geben“, teilt er unserer Redaktion noch am selben Tag mit. Goeckes Beteiligung an Proben nennt er in einem Pressestatement „inakzeptabel“. Tags drauf rudert die Intendantin der Staatsoper zurück. Für eine Zusammenarbeit mit Goecke, glaubt das Theater auf einmal, sei nun doch noch „nicht der richtige Zeitpunkt“.

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