Bergwaldprojekt Ein Urlaub im Dienst der Wälder
20 Freiwillige entkusseln den Collrunger Forst. Sie nehmen am Bergwaldprojekt teil, das in der Schweiz entstanden ist. Ziel sind Schutz, Erhalt und die Renaturierung von heimischen Ökosystemen.
Wittmund/Collrunge - Um 5.20 Uhr klingelt der Wecker im Naturschutzhof Wittmunder Wald. Burkhard Appelt ist schon wach und hilft in der Küche, kümmert sich um das Frühstück. Denn um 6 Uhr werden sie geweckt, die Teilnehmer des Bergwaldprojekts. Nach dem Frühstück machen sie sich auf in die ostfriesischen Wälder und Moore – beladen mit Arbeitsgerät, um die Flächen ökologisch aufzuwerten. Freiwillig, ehrenamtlich, sie zwacken dafür eine Woche ihres Jahresurlaubs ab. Wie auch Burkhard Appelt, der eigentlich Grundschullehrer in Lübeck ist. „Es geht uns um den Umweltgedanken, wir wollen den Urlaub sinnvoll gestalten, in reizvollen Landschaften draußen aktiv sein“, sagt er.
Gleich nach dem Frühstuck ziehen die fast 20 Freiwilligen aus allen Altersgruppen in den Collrunger Forst zwischen Wittmund und Aurich. Dort setzt Pauline aus Oldenburg sogleich eine Durchforstungssäge an die jungen Birken an. Gekonnt entfernt sie einige Bäume. Pauline ist eigentlich Studentin der Sprachwissenschaften, doch jetzt zieht sie im Blaumann durch den Forst.
Allein 5000 Freiwillige sind in Deutschland im Einsatz
Aber Moment mal, wollen die Projektteilnehmer nicht den Wald retten, anstatt ihn zu dezimieren? „Das ist so gewollt“, erklärt Försterin Urla Ewender vom Bergwaldprojekt. Wir wollen Platz schaffen für ursprüngliche Heideflächen, die überwuchert wurden.“ Also muss junger Baumbewuchs entfernt, muss die Fläche entkusselt werden.
Ein Bergwaldprojekt mitten in Ostfriesland – das klingt seltsam. Das Projekt ist vor mehr als 30 Jahren in der Schweiz entstanden, zum Schutz, Erhalt und zur Renaturierung von heimischen Ökosystemen in Wald, Moor und Kulturlandschaften. Zunächst beschränkten sich die Einsätze auf Bergwälder, erst in der Schweiz, bald auch in Österreich. Im Laufe der Jahre haben sich auch in Deutschland die Kontakte ausgeweitet, so zum Forstamt Neuenburg, das unter anderem für die Wälder rund um Wittmund zuständig ist. In diesem Jahr bringt der Verein allein in Deutschland etwa 5000 Freiwillige in die Natur, in 169 Projektwochen an 74 verschiedenen Standorten. In Ostfriesland übernimmt Tido Bent vom Forstamt Neuenburg die Regie.
In der Mehrzahl machen Frauen mit
„Das ist ganz anders als so ein traditioneller Urlaub. Die Arbeit ist sinnvoll und man kann sehr gut abschalten“, sagt Pauline und setzt die Säge an einer weiteren kleinen Birke an. Doro aus Kassel stemmt einige Birkenstämme auf einen Sammelplatz. Langsam verwandelt sich eine größere Fläche in Nähe des Solarparks Collrunge in eine Art Lichtung.
Doro, von Beruf Büroangestellte eines Verlages, hat lange in London gelebt und „saß viel am Computer“. Jetzt findet sie es „einfach nur toll“, draußen zu sein und etwas für die Umwelt zu tun. „Es ist bereits mein drittes Projekt und bestimmt nicht mein letztes. Diese Einsätze sind bei mir in jedem Jahr fest eingeplant. Es macht Spaß, in dieser Generationen-Gemeinschaft dabei zu sein“, sagt Doro und wuchtet die nächsten Birkenäste auf den Sammelplatz. Sie und die anderen Ehrenamtlichen, überwiegend Frauen, übernehmen Arbeiten, die mit schweren Maschinen, Baggern und anderen Räumgeräten, nicht erledigt werden können.
Moor als Schutzgebiet von europäischem Rang
Die Einsatzwochen werden von Bildungsarbeit begleitet. In jeder Projektwoche ist zudem eine Exkursion vorgesehen, bei der die Eigenschaften der Ökosysteme näher beleuchtet und ihre Bedeutung und Bedrohung besser verständlich gemacht werden. Denn ein wichtiges Ziel der Arbeit ist es, die Wälder naturnäher und klimastabiler zu machen. Untergebracht sind die Teilnehmer in einer Gruppenunterkunft am Naturschutzhof im Wittmunder Wald. Eine Köchin des Bergwaldprojekts kümmert sich um die vegetarische, biologische und möglichst regionale und saisonale Verpflegung.
Im Landkreis Wittmund gehörte auch die „Ochsenweide“ im Schafhauser Wald bei Esens zu den Einsatzorten. Bei der „Ochsenweide“ handelt es sich um ein bereits seit 1984 als Naturschutzgebiet ausgewiesenes Moor, mit renaturierten Hochmoorarealen mit Moorheiden, Sümpfen, „lebendem Hochmoor“ sowie renaturierungsfähigen Hoch- und Übergangsmooren. Heute präsentiert sich das Moor als Schutzgebiet von europäischem Rang. Auch hier entkusselten die Bergwald-Projektteilnehmer das Areal, entnahmen unter anderem Bewuchs im Moor, um das Wasser in der Fläche zu halten.
„Unsere Mittel und Möglichkeiten sind begrenzt“
Für Jann Onno Mumme, zuständig für Flächenbetreuung und Ausgleichsmaßnahmen beim Forstamt Neuenburg, ist der Einsatz des Bergwaldprojekts eine willkommene Hilfe. „Wir haben viele Aufgaben, aber unsere Mittel und Möglichkeiten sind begrenzt. Deswegen ist dieses Projekt für alle sinnvoll – wir vermitteln den Umgang mit der Natur und werten unsere Flächen auf.“ Das Saatgut für die Collrunger Heide jedenfalls kann er jetzt ausbringen. Tido Bent resümiert: „Mit ihrem Engagement leisten die Teilnehmer einen persönlichen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt – auch für künftige Generationen.“
Für das Bergprojekt war es erst der zweite Einsatz auf der Ostfriesischen Halbinsel. Es soll nicht der letzte auf dem platten Land gewesen sein. Dass es hier so viel schützenswerte Wald- und Moorflächen gibt, hat die Umweltaktivisten doch überrascht. Sie wollen helfen, die Landschaft weiter ökologisch aufzuwerten.